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Doku & Debatte
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19. Januar 2008

Globalisierung: Die Zukunft der Entwicklungspolitik

 Von DIRK MESSNER
Damit mehr Kinder satt werden: Die Entwicklungspolitik muss neue Probleme lösen. Foto: dpa

Die Globalisierung, der Aufstieg Indiens und Chinas und der Klimawandel stellen die künftige internationale Zusammenarbeit vor große Herausforderungen. Von Dirk Messner

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Der Autor

Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn und außerplanmäßiger Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Der hier nur in Auszügen abgedruckte Text erschien vollständig in der Nullnummer von "Welt-sichten" vom Dezember.

"Welt-sichten" ist hervorgegangen aus den beiden Zeitschriften "der Überblick" und "Eins Entwicklungspolitik". Dieses neue Blatt wird herausgegeben von einem ökumenisch europäischen Herausgeberkreis. Zu ihm gehören die evangelische Hilfsorganisation "Brot für die Welt", der Evangelische Entwicklungsdienst, das katholische Werk "Misereor" und die Schweizer Organisation "Fastenopfer".

Drei Wellen globalen Wandels, die sich wechselseitig bedingen und verstärken, lösen eine "große globale Transformation" in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts aus, die weit über das hinausgeht, was im Rahmen der Globalisierungsdiskussion der vergangenen 15 Jahre thematisiert wurde. Die internationale Entwicklungspolitik muss deshalb über das Programm der Millenniumsentwicklungsziele bis 2015 hinausgehen und ein entwicklungspolitisches Design der Zukunft vorbereiten, um unter den veränderten Rahmenbedingungen eine relevante Rolle spielen zu können.

Die erste Welle: (…) Der Umbruch in der Weltordnung von 1989 wurde flankiert durch eine große, bis heute anhaltende Debatte: die Globalisierungsdiskussion. In ihrem Zentrum steht die Analyse der Beschleunigung grenzüberschreitender ökonomischer, aber auch politischer, sozialer und kultureller Prozesse im Verlauf der vergangenen Dekaden. (…)

Dirk Messner ist  Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn.
Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn.
Foto: privat

Der 11. September 2001 markiert eine weitere wesentliche Landmarke, die die Dynamik der Entwicklungspolitik nach dem Fall der Mauer bestimmt. Er symbolisiert, dass der Zusammenbruch von Staaten und Gesellschaften, grenzüberschreitende Gewaltprozesse nicht-staatlicher Gruppen und die Herausbildung transnationaler Terrorbewegungen genauso zur Globalisierung gehören, wie die Internationalisierung der Finanzmärkte. (…)

Die Politik hat bisher keine wirkungsvollen Antworten auf die Globalisierung gefunden. Die Hoffnungen auf eine sich parallel zur Entgrenzung herausbildende leistungsfähige Global-Governance-Architektur wurden bisher eher enttäuscht. (…)

Die zweite Welle: China und Indien, die "Asian Drivers of global Change", wurden in der ersten Globalisierungsdiskussion nur am Rande wahrgenommen. (…) Die rasche Integration der beiden asiatischen Giganten in die Weltwirtschaft (beschleunigt) die Globalisierung noch einmal enorm, und zudem (werden) der bereits manifeste ökonomische und politische Aufstieg Chinas und der sich abzeichnende Bedeutungszuwachs Indiens die globalen Machtverhältnisse in den kommenden zwei, drei Dekaden signifikant verändern. "Tektonische Machtverschiebungen" in Richtung Asien deuten sich an, ein System "turbulenter Multipolarität" entsteht, an dessen Endpunkt sich die Frage stellt, ob die spätestens seit der industriellen Revolution gültige Dominanz des Westens in der Welt an ihr Ende gerät.

Der "Aufstieg und Fall der großen Mächte" ging in der Geschichte meist mit weitreichenden Konflikten einher. John Mearsheimer, einer der einflussreichsten US-Beobachter globaler Politik, hält aufgrund der Eigendynamik internationaler Politik einen friedlichen Aufstieg Chinas und Indiens zu zentralen Machtpolen der Zukunft gar für ausgeschlossen. Die USA und der Westen könnten und wollten eine solche Machtverschiebung nicht akzeptieren, Konflikte seien unvermeidlich. (…)

Am Ende dieser Neuordnung des globalen Machtgefüges könnte durchaus eine inklusivere internationale Ordnung stehen, in die mehr Akteure als heute aktiv eingebunden sind und in der neben den etablierten Interessen der OECD-Welt auch die Gestaltungsansprüche der "Asian Drivers of global Change" und möglicherweise weiterer Entwicklungsländer und -regionen angemessener repräsentiert werden könnten. Das Ergebnis der neuen globalen Machtkonstellation könnte jedoch auch eine fragmentiertere, durch ungezügelten Machtwettbewerb charakterisierte, instabilere und konfliktreichere Weltordnung sein. (…)

Aus den skizzierten Dynamiken folgt:

- Neue Entwicklungsprobleme, aber auch -chancen für andere Entwicklungsländer können entstehen: so löst der Ressourcenhunger Chinas und Indiens Exportwachstum in entsprechenden ressourcenbasierten Ökonomien weltweit aus; steigende industrielle Wettbewerbsfähigkeit Chinas erhöht Anpassungsdruck z. B. in den Industriesektoren der Länder mittleren Einkommens in Lateinamerika; Direktinvestitionen Chinas und Indiens in Asien verbessern Wettbewerbschancen anderer Entwicklungsländer der Region.

- Die Asian Drivers verändern internationale Interdependenzgeflechte. So erfährt die klassische Geopolitik und der Wettbewerb der OECD-Länder mit den aufsteigenden Mächten um den Zugang zu Ressourcen in Entwicklungsländern eine Renaissance. Das kann die Harmonisierung der Entwicklungszusammenarbeit ("Paris-Deklaration") unterminieren und die Gefahr von Machtkonflikten zwischen neuen und alten Mächten heraufbeschwören - mit entsprechenden Herausforderungen für die Entwicklungspolitik.

- Infolge der Machtverschiebungen in den Nord-Süd-Beziehungen gewinnen Süd-Süd-Wirtschaftsbeziehungen an Bedeutung und relativieren die Macht des Nordens. Zum Beispiel entsteht in Afrika und anderen Entwicklungsregionen ein Wettbewerb um Einfluss zwischen "neuen Gebern" aus China und Indien sowie "alten Gebern". (…)

- (Es) entsteht ein enger Zusammenhang zwischen Entwicklungspolitik und Strategien der Energie- und Ressourcensicherheit(...)

Die dritte Welle: Die Zukunft des Weltklimas entscheidet sich in der gleichen Phase, in der auch die globalen Machtverschiebungen stattfinden. Misslingt der Versuch, die globale Erwärmung durch eine wirksame weltweite Klimapolitik auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, und setzt sich der "Business as usual-Trend" der Emittierung von Treibhausgasen fort, dürfte die globale Erwärmung gegen Ende des 21. Jahrhunderts irgendwo zwischen 3,5 und 6 Grad liegen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat in so kurzer Zeit ein solch radikaler Klimawandel stattgefunden. Die Klimaforscher warnen, dass ab einer Erderwärmung von um die vier Grad "Kipp-Punkte" im globalen Ökosystem erreicht werden könnten, die die Wahrscheinlichkeit des Kollaps komplexer Naturraumsysteme erhöhen. Verwiesen wird z. B. auf die Gefahr eines Zusammenbruchs des asiatischen Monsun-Systems oder des lateinamerikanischen Amazonas-Regenwaldes - mit nicht prognostizierbaren Folgen für die jeweiligen regionalen, aber auch globalen Ökosysteme - und nicht zuletzt die Gesellschaften dieser Weltregionen. (…)

Die Zahl überforderter und scheiternder Staaten dürfte durch einen radikalen Klimawandel zunehmen und die Bedeutung der Verbindungen zwischen Entwicklungs- und Sicherheitspolitik weiter verstärken, die Umweltdegradation würde Armutsprozesse beschleunigen, Konflikte zwischen den OECD-Ländern als den Hauptmotoren der globalen Erwärmung und den "Opfern des Klimawandels" in den Entwicklungsregionen wären zu erwarten, kostspielige Klima-Anpassungsstrategien für Entwicklungsländer müssten konzipiert und finanziert werden, "Klimaflüchtlinge" würden zu einer Herausforderung für das internationale System.

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