Doku & Debatte
Reformen und Revolutionen. Diskutieren Sie mit uns

26. Januar 2007

Großbritannien als Vorreiter

 Von Thilo Lang
Lagerarbeit in einem Werk für Kunststoffverarbeitung in Neuruppin in Brandenburg. Foto: dp

Die lokale Förderung von kleinen Betrieben kann in Krisenregionen Arbeitsplätze bringen, meint der FR-Autor.

Drucken per Mail
Der Autor

Thilo Lang ist Stadtplaner. Er war bis vor kurzem DAAD Research Fellow an der Durham University in Groß- britannien und promoviert an der Universität Potsdam. Die kürzlich am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner, ab- geschlossene Studie zum Thema Sozio-ökonomische Regenerierung und lokale Wirtschaftsförderung ist erhältlich bei EKF-Wissenschaft und wurde im Rahmen eines EU-Projektes publiziert (Lang, Sonntag, Tenz: Small and medium-sized cities in the Baltic Sea Region. Socio-economic and cultural approaches to urban development. Leipzig, Berlin 2005). ber

Manche Wirtschaftsforscher sehen das Problem des ostdeutschen Arbeitsmarktes in einer verfehlten Förderlogik des Bundes. Topmoderne und flächendeckend verfügbare Infrastruktur von Mecklenburg bis in die Oberlausitz habe allerhöchstens den niedrigen Status quo an Arbeitsplätzen erhalten, nicht aber zu einem selbsttragenden Wirtschaftsaufschwung und den erwarteten Beschäftigungseffekten geführt. Statt konsequent Innovationen in den verschiedensten Bereichen zu fördern, folge die Förderung bisher eher einer Inputlogik; einer Logik, die davon ausgehe, dass mehr Input auch mehr Output bedeute und dass sich jeder investierte Euro in seiner Wirkung verdoppele, verdrei- oder gar vervierfache.

Statt einer konsequenten und vereinfachten Förderung von Kleinbetrieben, die erwiesenermaßen das Potenzial für die größten Arbeitsplatzeffekte haben, scheinen die Förderstrategen von Bund und Ländern noch viel zu häufig auf prestigeträchtige Großstrukturen fixiert zu sein. Beschäftigungspolitisch hat die Förderung von Großbetrieben im Gegenteil häufig sogar zu weiteren Rationalisierungsmaßnahmen und Gewinnsteigerungen der Mutterkonzerne geführt und nur im Ausnahmefall zu den erwünschten Arbeitsplatzeffekten. Großbetriebe im Land Brandenburg steigern ihren Profit und entlassen gleichzeitig Personal, ein Prozess, den Wirtschaftsforscher als Wachstum bezeichnen. In der Industriestadt Schwedt, im Osten Brandenburgs, sind sich lokale Akteure aus Politik und Wirtschaft einig, dass maximal der Status quo an Arbeitsplätzen erhalten werden kann. Dazu müssen jährlich 150 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, was bereits als ambitioniertes Ziel gilt. Mehr könne man schlichtweg nicht erwarten. Die große Frage ist, was dann mit dem großen Rest geschieht. Mit den fast 5000 Arbeitslosen in der Stadt? "Die sind raus. Die müsste man schlichtweg in die Rente überführen und damit wär's das", sagt der Geschäftsführer eines Industriebetriebes vor Ort.

Die schwache ökonomische Situation in Ostdeutschland wird immer wieder auf einen fehlenden lokal verwurzelten Mittelstand geschoben. Doch was wird getan, um solche Wirtschaftsstrukturen (wieder) aufzubauen? Eine konsequente Bevorzugung regionaler Initiativen und Angebote sowie die langfristige Förderung eines regionalen Unternehmertums scheinen zum Beispiel als Förderkriterien in den vergangenen Jahren nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Stattdessen wurden - insbesondere direkt nach der Wende - lokale Betriebsstrukturen nahezu systematisch zerstört. Bis heute erliegen viele lokale Wirtschaftsförderer den Ideen klassischer Angebotspolitik. Dabei kann mit einem schönen Industriegebiet oder Technologiepark allein schon lange kein Investor mehr gewonnen werden. Hinzu kommt, dass viele - insbesondere westdeutsche Investoren - den neuen Bundesländern schon wieder den Rücken gekehrt haben - oft direkt nach Auslaufen der im Rahmen ihrer Ansiedlung gegebenen Arbeitsplatzzusagen. Wo aber liegen die Alternativen, und welche Form von Wachstum suchen wir eigentlich?

Können wir als Wissenschaftler, Unternehmer, Planer, (Lokal-)Politiker oder Journalisten akzeptieren, dass es in Ostdeutschland nicht um einen wenige Jahre umfassenden Aufholprozess geht, sondern um einen langwierigen Regenerierungsprozess, der eine breite Vielfalt neuer (sozialer) Förderkonzepte erfordert? Können wir Zeichen setzen, die Hoffnung stiften und beweisen, dass sich lokales Engagement lohnt?

Viele Bürgermeister und Planer warten immer noch auf den großen Investor, der die Arbeitsplätze bringt, und denken frustriert, dass es ohne Hilfe von außen sowieso nicht funktioniert. Vielleicht wäre es sinnvoller, kleinteiligere Entwicklungsstrategien in den Vordergrund zu stellen und lokale Wachstumsprozesse zu fördern, anstatt ewig auf diesen großen Investor zu warten. Eine solche Förderlogik setzt den Fokus aufs Quartier, auf die Bewohner und auf deren innovatives Potenzial. Eine solche Logik fördert die Herausbildung eines neuen, lokal verwurzelten Unternehmertums und setzt damit bereits in der Schule an. Auch hier ist Innovation gefragt - und intelligente Initiativen von Bund und Ländern, aber auch auf lokaler Ebene. Das Thema Existenzgründung wird dabei immer noch viel zu stiefmütterlich behandelt. Dabei sind die ostdeutschen Bundesländer im europäischen Vergleich weit abgeschlagen, was die Gründungsquoten angeht.

In jeder Stadt könnten Programme ins Leben gerufen werden, die die unternehmerische und soziale Kreativität ihrer Bewohner erschließen, die neue, innovative und engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer fördern und begleiten. Vielleicht auch unter Einbeziehung engagierter pensionierter Unternehmer, die ihr Wissen in Form eines aktiven Coachings an die nächste Generation weitergeben - ein bisher kaum genutztes Potential. Oder Programme, die helfen, für jede und jeden die richtige Idee zu finden und auch umzusetzen. Wer arbeitslos ist, wer sich neu orientieren will, erhält in Deutschland bislang nur eine sehr geringe Bandbreite an Möglichkeiten. Die Angebote, die heute existieren, haben eher zu weiterer Frustration, Stagnation und Perspektivlosigkeit geführt, als dass sie Menschen ermutigt hätten, aktiv zu werden. Eine Mitarbeiterin im Sozialamt Teltow-Fläming, die auch heute noch eine Reihe an Sozialhilfeempfängern betreut, die schon kurz nach der Wende zu ihren Kunden gehörten, sagt: "Die waren zwar zeitweise irgendwo versorgt, aber die sind immer wieder in die Sozialhilfe zurückgefallen."

Zur Homepage
1 von 2
Nächste Seite »

Jetzt kommentieren

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.