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19. September 2008

Harald Schmidt: "Wenn schon sterben - woran bitte?"

"Beliebt oder unbeliebt - das interessiert mich gar nicht", sagt Harald Schmidt.  Foto: ddp

Harald Schmidt über den Imagefaktor von Krankheiten, das erste Ehrenamt seines Lebens und den humanistischen Kern unter seiner zynischen Oberfläche.

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Zur Person

Harald Schmidt, 51, staatlich geprüfter Schauspieler (Kunsthochschule Stuttgart), ab 1984 Kabarettist am Kom(m)ödchen Düsseldorf, seit 1988 TV-Moderator und Autor. Grimme-Preis 1992, 1997 und 2002, diverse TV-Preise (zuletzt Deutscher Fernsehpreis 2003), 1998 Preis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Wurde mit seiner Sat.1-Late- Night-Show (1995-2003) zum Feuilleton-Liebling, u.a. von Cicero hinter Günter Grass auf Platz 2 der 500 renommiertesten deutschen Intellektuellen gesetzt. Seine ARD-Show, seit 2007 gemeinsam mit Oliver Pocher, wird ab 9. Oktober wieder donnerstags um 22.45 Uhr gezeigt. Die Deutsche Depressionshilfe, deren Schirmherr Harald Schmidt seit kurzem ist, wurde im April 2008 in Leipzig gegründet. Sie setzt sich als unabhängige, gemeinnützige Stiftung für eine bessere Versorgung Depressionskranker, mehr Forschung und Aufklärung ein. Sie ist ein Bund aus Ärzten, Betroffenen und Unternehmen, aber unabhängig von Pharmafirmen. Chef des ehrenamtlichen Vorstands ist Ulrich Hegerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und Direktor der Psychiatrie der Uniklinik Leipzig. Details: Depressionshilfe. Die 60. Verleihung des "Bambi" am 27. November wird wieder von Harald Schmidt moderiert, wie der Entertainer jetzt im Rahmen des Medientreffs BURDA LIVE erklärte. Die Gala findet im badischen Offenburg statt, dem Sitz des Burda-Verlages, der den Fernsehpreis vergibt. Die ARD überträgt live ab 20.15 Uhr.

Herr Schmidt, wir möchten mit Ihnen über Depressionshilfe sprechen.

Gerne, brauchen Sie welche?

Das geht ja gut los. Sie sind seit neuestem ehrenamtlicher Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe. Wieso engagiert sich ein Berufszyniker wie Sie für Depressive?

Weil ich das Thema enorm interessant finde, vor allem die Frage: Was ist der Unterschied zwischen "Ich bin depri." und "Ich habe eine Depression."? Inzwischen weiß ich vom Stiftungschef Professor Ulrich Hegerl, der Chef der Psychiatrie an der Uniklinik Leipzig ist, dass etwa vier Millionen Deutsche depressiv oder gefährdet sind. Und viele davon wissen es gar nicht. Es gibt einen Unterschied, ob man einen schlechten Tag hat oder einfach mal gepflegt melancholisch ist - oder ob man ernsthaft krank ist. Dann hilft es nämlich gar nichts, wenn Verwandte sagen: "Jetzt stell dich mal nicht so an, geh mal raus ein bisschen Rasen mähen, damit du auf andere Gedanken kommst!" Dann muss derjenige zum Arzt. Ich helfe gern, diese Botschaft zu verbreiten.

Haben Sie je unter Depressionen gelitten?

Nein, ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch. Natürlich kenne ich so Depri-Phasen, aber meine Gefährdung liegt eher im Sucht-Bereich. Vor allem Alkohol. Aber das habe ich im Griff, nach der zweiten Flasche Rotwein ist für mich Schluss. An den Depressionen hat mich eher das Medizinische interessiert. Und der Aspekt, dass das ein Massenphänomen ohne Lobby ist. Als ich diese ganz unprätentiöse Anfrage bekam, war mir sofort klar: Das ist ein Thema, von dem viel mehr Leute in Deutschland betroffen sind als zum Beispiel von Aids.

Ihre Motivation ist völlig selbstlos?


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In gewisser Weise. Aber mehr im Sinne von (klatscht zweimal schnell in die Hände): "Hallo! Kinder! Depression ist ein Thema! Ihr kümmert euch, ich bin wieder weg, ciao ciao."

Haben Sie sich für Depressionshilfe entschieden, weil es besonders selbstlos wirkt, sich nicht wie alle anderen auf anrührenden Fotos mit Kindern in Afrika zu zeigen?

Ja, ich wollte etwas machen, worüber man zweimal nachdenken muss. Was erstmal nicht zusammenpasst, und was dadurch sofort hohe Aufmerksamkeit erzielt.

Aber wie passt Harald Schmidt, der Jäger des Spotts, zur Depressionshilfe?

Als ich meine Show noch täglich moderierte, sagten mir komischerweise viele Leute, die psychisch ein paar Probleme hatten, dass ich ihnen abends ein bisschen geholfen hätte. Beim Einschlafen. Nach dem Motto: "Alles doch nicht so tragisch".

"Lachen ist die beste Medizin"? Wenn Sie sonst solch banale Weisheiten verkündeten, würde jeder denken: Das meint der jetzt doch wieder ironisch.

Also, der Professor Hegerl sagte mir, er habe bei mir unter der zynischen Oberfläche einen humanistischen Kern entdeckt. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Seitdem sehe ich das genauso. Ich habe es zwar dumpf geahnt, aber wenn Ihnen das so eine medizinische Kapazität auf den Kopf zu sagt, hat das natürlich eine andere Wirkung.

Welche Aufgaben haben Sie denn als ehren-amtlicher Schirmherr?

Ich soll zunächst mediale Anschubhilfe leisten. Es gibt ja eine Art Hierarchie der Krankheiten in der Medienaufmerksamkeit. Mich hat das schon immer gestört, dass Krankheiten einen Imagefaktor haben. Unsere Krankheit Nummer Eins ist sicher Krebs, gefolgt vom guten alten "Herzkaschper" - wozu der Klassiker gehört, sich drei Tage später schon im Jogginganzug in der Reha auf dem Fahrrad fotografieren zu lassen und zu sagen, "Ich bin wieder fit, ich werde mein Leben ändern, jetzt weiß ich, was meine Familie für mich bedeutet" und so weiter. Bei Depressionen ist das eben nicht so einfach. Und obwohl die Krankheit sehr weit verbreitet ist, wagen sich die Betroffenen nicht, offen darüber zu sprechen.

Herr Schmidt, nur 35 Prozent der Deutschen finden Sie sympathisch. Sie sind weit abgeschlagen im Vergleich zu Günther Jauch, der es auf 69 Prozent bringt. Wäre es für Sie nicht besser, sich für, sagen wir, kranke Kinder zu engagieren, um diese schlechten Umfragewerte aufzubessern?

Nee, das interessiert mich gar nicht. Ich bin seit Jahren bei diesen Werten solide zwischen Wolfgang Lippert und Gregor Gysi. Wir sind ganz hinten: Um unsere Ergebnisse zu sehen, müssen Sie immer umblättern. Ganz vorne ist immer Jauch, dann kommt lange nichts, und dann drängen sich Pilawa, Kerner, Gottschalk. Aber mir gefällt die Gesellschaft auf den hinteren Plätzen eigentlich. Ich habe schon mal überlegt, ob man nicht mal ein Essen organisieren sollte mit den Unbeliebten. Gysi finde ich ja wirklich witzig, dazu Lippert und Kauder. Nur Westerwelle verlässt die Runde in letzter Zeit und geht in Richtung "beliebt". Aber ich sehe das als verschiedene Märkte. Uns alle in eine Umfrage zu packen, ist doch so, als fragte man jemanden, der einen Ferrari kaufen will, was er von der neuen integrierten Kindersitzstruktur vom Ford Galaxy hält.

Ist denn die Depressionshilfe gut beraten, so einen Unsympathieträger wie Sie zum Schirmherren zu ernennen?

Am bisherigen Effekt gemessen schon, weil sofort großes Medienaufkommen herrschte, als wir die Pressekonferenz in Berlin gemacht haben. Und weil auf den ersten Blick der Gegensatz auffällt: "Ach, Schmidt macht doch bestimmt wieder Witze, über diese Leute, die Depressionen haben!"

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