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19. Juli 2008

Hebron: Unter Feinden

 Von MEIKE KOLODZIEJCZYK
Palästinensische Jungen beobachten israelische Soldaten bei einem Einsatz in Hebron.  Foto: rtr

Siedler in Hebron: Wie eine radikale jüdische Minderheit Palästinenser schikaniert und von den israelischen Sicherheitskräften gedeckt wird. Von Meike Kolodziejczyk

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Vor der Haustür der Al-Azzehs rottet eine kaputte Waschmaschine vor sich hin, daneben türmen sich Schrott, Müll und Geröll. Im Schatten unter dem Vordach spielen die zehnjährige Aghad und ihr kleiner Bruder Younis mit einem Ball. Immer wieder schauen sie zu den Wohncontainern hinter der Mauer auf dem Hügel, stets gefasst darauf, dass wieder Abfall runtergeworfen wird. Oder eine weitere Waschmaschine.

Die palästinensische Familie Al-Azzeh lebt in der H2-Zone von Hebron, direkt unterhalb der jüdischen Siedlung Tel Rumeida, die nur einen Steinwurf entfernt ist - im wahrsten Sinn des Wortes. "Die Siedler schikanieren und attackieren uns, wo sie nur können", klagt Hashem Al-Azzeh. Vor einem halben Jahr seien sie bei ihm eingebrochen und hätten das gesamte Inventar verwüstet.


 Foto: FR-Infografik

Der hagere Mittvierziger mit dem Schnauzbart sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, vor ihm auf dem Tisch ein Glas Tee. Der fünf Jahre alte Younis trottet mit dem Ball herein und kuschelt sich an seinen Vater, der ihm über den Kopf streicht und dann auf die Narben auf der Stirn seines Sohnes deutet: "Wurfgeschosse der Siedler." Ganz böse habe es seinen neunjährigen Neffen erwischt, den sich eine Frau auf dem Schulweg griff, ihm einen Stein in den Mund presste und seine Zähne zermalmte. Anzeigen seien erfolglos geblieben, seufzt Al-Azzeh. So sei das mit der Gerechtigkeit in Hebron: Die Siedler würden nie zur Verantwortung gezogen, sondern auch noch von den israelischen Sicherheitskräften gedeckt.

Hebrons Siedler gelten als militante, nationalreligiöse Hardliner, die auch in Israel kaum beliebt sind. Ihnen und den Fanatikern auf palästinensischer Seite ist es mit zu verdanken, dass die Stadt im Westjordanland seit Jahrzehnten bizarrer Schauplatz ist von Verbrechen und Hass im Namen Gottes.

Vor der Moschee gefilzt

Vor der Ibrahimi-Moschee hat sich eine Menschentraube gebildet, in wenigen Minuten beginnt das Abendgebet. Die Muslime werden von israelischen Soldaten kontrolliert und gefilzt, Männer wie Frauen. Nach der Prozedur eilen sie die Treppen hinauf zur Höhle der Patriarchen, wo die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob nebst Gattinnen bestattet sein sollen. An die andere Seite des vergitterten Grabraumes grenzt die Synagoge; beide Religionen teilen sich dasselbe Gebäude und dasselbe Heiligtum. Teilen in Hebron heißt vor allem Trennen, Separieren.

Über die engen Basargässchen der Altstadt sind Metallnetze gespannt, in denen Steine und Plastikflaschen hängen, Gemüse fault und Fleischklumpen verwesen. An einer Stelle beult sich der Draht bedenklich unter dem Gewicht einer Kloschüssel. Siedler aus den Stockwerken oberhalb der Netze kippen Dreck und Fäkalien auf die Palästinenser, die in den Geschossen darunter wohnen oder dort in den wenigen Läden einkaufen, die noch geöffnet haben. Die meisten Familien sind fortgezogen und haben ihre Geschäfte aufgegeben, teils wegen der Schikanen der Siedler, teils auf Befehl des Militärs. Nur knapp 2500 Palästinenser leben noch in H2.

Dafür hat die israelische Armee etwa 1500 Verteidigungskräfte nach Hebron abkommandiert, zum Schutz von 500 Siedlern. "Wenn diese aber ihre palästinensischen Nachbarn angreifen, unternehmen die Soldaten generell gar nichts", sagt Yehuda Shaul. Am Checkpoint zur Altstadt diskutiert er mit zwei Polizisten, die ihm den Durchgang verweigern, "weil mich die Siedler nicht besonders mögen". Dabei sieht er aus wie einer von ihnen, trägt Kippa und Vollbart.

Shaul ist ein religiöser Jude und war während seines Militärdienstes lange in Hebron stationiert. "80 Prozent von dem, was ich damals tat, war nur dazu da, einzuschüchtern und die Palästinenser aus H2 zu vertreiben." Wahllos hätten er und seine Kameraden Wohnungen gestürmt, erniedrigende Leibesvisitationen durchgeführt oder nachts auf Fenster und Wassertanks gefeuert, "einfach so aus Überdruss".

Heute leitet Shaul Führungen von "Breaking the Silence", einer Initiative ehemaliger Hebron-Soldaten, die das Ziel hat, "die israelische und internationale Öffentlichkeit zu informieren, was hier geschieht".

Markt ohne Menschen

Alles "Lügen", tobt der Siedlersprecher David Wilder, "alles Lügen", was "die Linken" von "Breaking the Silence" erzählten. Genauso schlimm seien die internationalen Beobachter oder Menschenrechtsorganisationen wie B'selem und CPT, die Hebron "infiltriert" hätten, "um dem Feind zu helfen". Es finde eine ethnische Säuberung an den Juden statt, nicht an den Arabern.

Die Parolen in H2 sprechen eine andere Sprache. "Gas the Arabs", "Vergast die Araber" steht an einer Gartenpforte. Daneben führt eine Treppe hinunter auf die Shuhada-Straße, dem Zentrum der Siedler. Eine Frau in der typischen Kleidung nationalreligiöser Jüdinnen - im Nacken gebundenes Kopftuch, langer Rock, langärmeliges Shirt - schiebt einen Kinderwagen über den Gehsteig, vorbei an einem Wachturm, aus dem ein gelangweilter Soldat schaut. Hundert Meter entfernt lehnt ein Soldat an einer Bank und erklärt einem vor ihm hockenden Siedlerjungen, wie seine Maschinenpistole funktioniert.

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