kalaydo.de Anzeigen

Interview mit Handelsexperten: "Zum Spezialisten werden"

Der Handelsexperte Jörg Funder erklärt im FR-Gespräch, wie das Warenhaus der Zukunft aussehen könnte: ein auf Mode und Marken fokussierter Spezialsortimenter. Zielgruppe 50 plus.

Jörg Funder ist Professor für Unternehmensführung im Handel an der Fachhochschule in  Worms.
Jörg Funder ist Professor für Unternehmensführung im Handel an der Fachhochschule in Worms.
Foto: privat

Herr Funder, inzwischen sind drei potenzielle Investoren für die Übernahme von Karstadt im Gespräch. Das sieht doch gar nicht mehr so schlecht aus für die Warenhäuser, oder?

Kurzfristig ist das Interesse natürlich positiv, weil damit die Zerschlagung und Totalinsolvenz von Karstadt abgewendet ist. Die Frage ist aber: Welche Interessen haben die Investoren wirklich und wie lassen sie sich umsetzen?

Zur Person

Jörg Funder (36) ist Professor für Unternehmensführung im Handel an der Fachhochschule in Worms. Im August vergangenen Jahres hat Funder eine Studie zur Zukunft der Warenhäuser in Deutschland veröffentlicht.

Die Stadt Köln hat gestern offiziell den Verzicht auf ihre Forderungen gegenüber Karstadt beschlossen. Es geht um Gewerbesteuereinnahmen von 1,7 Millionen Euro. Damit sei der Weg frei für die weiteren Verhandlungen des Insolvenzverwalters zur Rettung von Karstadt, teilte die Stadt mit. Damit der Insolvenzplan in Kraft treten kann, müssen die Kommunen auf 98 Prozent ihrer Forderungen verzichten. jma

Wer wird aus Ihrer Sicht das Rennen machen?

Ich könnte mir eine Kombination aus zwei Investoren vorstellen. Es wäre denkbar, dass sich Triton und Highstreet zusammentun. Das wäre langfristig sinnvoll.

Warum das?

Das Highstreet-Konsortium als großer Insolvenzgläubiger und Inhaber der meisten Karstadt-Immobilien hat Interesse an einer langfristigen Ausrichtung der Warenhäuser, außerdem das nötige Geld und die Kompetenzen. Und mit Triton wäre ein Restrukturierungsexperte mit an Bord, der eine Neuausrichtung in dieser Dimension stemmen kann.

Worauf muss der Investor achten?

Die notwendige Neuausrichtung des Warenhauses ist nur durch einen Investor möglich, der mittelfristig bereit ist, in dieses Betriebsformat zu investieren und erst mal Verluste einzufahren. Auf lange Sicht halte ich eine Ebitda-Rendite von vier Prozent möglich.

Sie sehen in Deutschland dauerhafte Überlebenschancen für nur 70 Karstadt- und Kaufhof-Warenhäuser insgesamt. Das wäre gerade mal ein Viertel aller momentan bestehenden Häuser.

Das stimmt, das sind all jene Warenhaus-Standorte in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern.

Die anderen haben aus Ihrer Sicht keine Zukunftschancen?

Doch. Es wäre doch möglich, dass einzelne Warenhäuser unabhängig weitergeführt werden. Es gibt 145 lokale und regionale Kaufhäuser in Deutschland, die kaum jemand kennt. Aber sie funktionieren, weil sie eine lokale Nische gefunden haben.

Haben Sie Beispiele?

Ludwig Beck in München, Engelhorn in Mannheim und Breuninger in der Region Stuttgart. Oder die EK Servicegroup, in die der Großteil der Kaufring-Filialen eingegangen ist. Dort haben sich selbstständige Unternehmer zusammengeschlossen, um gemeinsame Skaleneffekte im Einkauf, bei Servicedienstleistungen und der Finanzierung zu erschließen.

Wer könnte Interesse an Karstadt-Warenhäusern haben, die geschlossen werden?

Es gibt viele Möglichkeiten: etwa neue Handelsformate wie den ersten innerstädtischen Ikea-Markt in Hamburg. Es könnte aber auch sein, dass international stark expandierende Textilketten wie TJ Maxx Interesse zeigen.

Sehen Sie nicht die Gefahr der Verödung der Innenstädte?

Nein. Im Normalfall sehen wir in vielen Städten bei Schließungen von Warenhäusern, dass der lokale Wettbewerb wieder etwas zunimmt. Aber es besteht durchaus die Gefahr, dass die Innenstädte an Attraktivität verlieren. Da sind vor allem die Kommunen und die Stadtplanung gefragt, entsprechende Angebote zu schaffen.

Wie könnte das deutsche Warenhaus der Zukunft aussehen?

Ich könnte mir ein Konzept nach dem Vorbild der Warenhauskette Debenhams vorstellen - ein auf Mode und Marken fokussierter Spezialsortimenter. Die Briten setzen auf "Designers at Debenhams": Etwa 30 Designer entwerfen regelmäßig und exklusiv Mode zu erschwinglichen Preisen, so ähnlich wie H & M mit Karl Lagerfeld in Deutschland. Damit generiert Debenhams knapp 50 Prozent seines Umsatzes.

Und wer könnte sich dafür am ehesten begeistern?

Ich würde mich auf die Zielgruppe 50 plus fokussieren. Sie ist überdurchschnittlich vermögend und eher bereit, für mehr Leistung mehr Geld zu bezahlen. Außerdem hat sie Erfahrung mit dem Format Warenhaus.

Welche Warengruppen sollte es geben im Kaufhaus der Zukunft?

Neben Bekleidung würde ich sagen Schuhe und Lederwaren, Drogerie und Parfümerie, Uhren und Schmuck und in begrenztem Umfang Heimtextilien.

Interview: Jutta Maier

Datum:  26 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.