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01. Dezember 2007

Islam: Es gibt keinen Grund zur Furcht

 Von MICHAEL LÜDERS
Verschleierte Frauen in Afghanistan - Der Islam wird oft auf Klischees reduziert  Foto: rtr

Wer die Moslems allesamt verdächtigt, Fanatiker zu sein, hängt demselben Denkschema an wie der Antisemitismus. Mit der Vielfalt dieser Religion hat das nichts zu tun. Von Michael Lüders

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Der Autor

Michael Lüders (Jahrgang 1959) ist Islam-Experte und Fachmann für die Länder des Nahen und Mittleren Ostens. Als Autor schreibt er regelmäßig für die Frankfurter Rundschau. Er hat arabische Literatur in Damaskus, Islamwissenschaft, Politologie und Publizistik in Berlin studiert. Seine Promotion schrieb er über das ägyptische Kino. Michael Lüders war Nahost-Redakteur bei der Wochenzeitung "Die Zeit" und hat Dokumentarfilme, Hörspiele und Bücher veröffentlicht. Er lebt in Berlin.

Bei diesem Text handelt es sich um eine kurze Leseprobe aus der Einleitung zu Michael Lüders‘ neuem Buch "Allahs langer Schatten". Darin gibt er einen Überblick über die Geschichte der islamischen Welt, über die unterschiedlichen Strömungen und den kulturellen Reichtum dieser Weltreligion. Lüders setzt sich für eine faire und sachliche Auseinandersetzung mit dem Islam ein. Undifferenzierten Ängsten setzt er fundierte Informationen entgegen.

Der Islam ist ein Reizthema mit klaren Fronten. So legte das Institut für Demoskopie in Allensbach 2006 eine erschreckend eindeutige Studie vor. Demzufolge verbinden 98 Prozent der Deutschen mit dem Islam Gewalt und Terror, 96 Prozent Rückständigkeit, 94 Prozent die Unterdrückung von Frauen. Nur sechs Prozent der Befragten bekunden Sympathie mit dem Islam. (…)

Obwohl der politische Islam eine Minderheitenströmung darstellt und nicht einmal 100 Jahre alt ist, prägt er doch die Wahrnehmung des Islam im Ganzen. Und durch jeden weiteren Terroranschlag wird sie noch verstärkt. (…) Die große Mehrheit der Muslime lehnt Terror und Gewalt ab. Dennoch reagieren sie empfindlich auf westliche Forderungen, sie sollten ihn wieder und immer wieder verurteilen, außerdem die Unterdrückung der Frauen, die Scharia, die Hamas und die Hisbollah, sie sollten sich für die Säkularisierung einsetzen und endlich in der Demokratie ankommen.

In dem Moment, wo sie auf Knopfdruck entsprechend reagierten, billigten sie ihren Kritikern das Recht zu, sie kollektiv zu verdächtigen und anzuklagen. Und sie fragen, wo die Selbstkritik bleibe, angesichts der Realitäten westlicher Politik im Nahen und Mittleren Osten, der Kriege in Afghanistan, im Irak oder Libanon, der Unterstützung arabischer Diktatoren, solange sie prowestlich sind, der israelischen Besatzung, der wirtschaftlichen Ausbeutung der arabischen Welt, jenseits von Erdöl und Erdgas. Dem Generalverdacht gegenüber dem Islam, eine fanatische und gewalttätige Religion zu sein, halten sie entgegen, dass 3000 Jahre europäischer Zivilisation, 300 Jahre Aufklärung, 60 Jahre Erklärung der Menschenrechte weder Guantánamo Bay noch den "Krieg gegen den Terror" verhindert hätten. Die Beziehung zwischen Orient und Okzident ist asymmetrisch, nicht getragen von einer Begegnung unter Gleichen. (…)

Gewiss hat ein Europäer das Recht, den Islam aus emotionalen oder sonstigen Gründen abzulehnen - solange nicht die Schwelle zum Rassismus überschritten wird. (…)

Ein Dialog auf Augenhöhe verlangt nur ein einziges, von beiden Seiten gerne verleugnetes Bekenntnis: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn ich in arabischen Ländern reise, bin ich immer wieder verblüfft über die Offenheit der Menschen und ihre fast vollständige Ahnungslosigkeit, was Alltag, Politik und Geschichte westlicher Länder angeht. Dann muss ich erzählen, wie das denn alles so ist. Ob sich die Menschen in Berlin wirklich in aller Öffentlichkeit küssen, was ich von der Heiligen Dreifaltigkeit halte, die doch einfach nicht möglich sei, warum die deutsche Regierung den Irak-Krieg abgelehnt habe, die Eskalation gegenüber Teheran aber mittrage. Fragen, die mir gefallen, weil sie ebenso berechtigt wie ungewöhnlich sind. Sie erlauben mir einen anderen, einen zusätzlichen Blick auf meine Herkunft und meine Kultur, den ich als Bereicherung empfinde.

Umgekehrt begegne ich in Deutschland immer mehr Menschen, denen die üblichen Schablonen aus Politik und Medien über den Islam nicht länger genügen. Sie suchen den Blick hinter die Kulissen. Langsam, aber stetig wächst die Zahl derer, die den Islam verstehen wollen. Aus unterschiedlichen Gründen, doch getragen von dem Gefühl, dass die ständige, auf Konfrontation angelegte Dämonisierung nicht weiterhilft. Lässt man sich auf die Auseinandersetzung mit dem Islam ein, heißt es freilich Abschied nehmen von zahlreichen Illusionen, Mythen und Legenden. Denn vieles von dem, was dem Islam gerne zugeschrieben wird ("Gewaltbereitschaft wird vom Koran nachdrücklich gebilligt."), erweist sich bei näherem Hinsehen als vorurteilsbeladen und wenig haltbar.

Ich möchte mit dem Vergleich niemandem zu nahe treten, doch halte ich die Islamophobie in gewisser Hinsicht für eine Neuauflage des Antisemitismus unter anderen Vorzeichen. In beiden Fällen wird eine Gruppe kollektiv unter Anklage gestellt, erklärt die Mehrheit eine Minderheit zur Bedrohung. Qualitativ besteht zwischen den Aussagen "Die Juden sind unser Unglück" und "Der Islam ist eine fanatische Religion" kein Unterschied. Wenn der Islam fanatisch ist, sind es die Muslime in ihrer Ge- samtheit. Die Muslime sind demzufolge Fanatiker, so wie vormals die Juden "unser Unglück" waren.

Auf diesen Zusammenhang hinzuweisen heißt keinesfalls, die Einzigartigkeit des Holocaust relativieren zu wollen. Aber die Parallelität der Dämonisierungen erscheint mir offenkundig. Wer nicht den Fehler begeht, Islam, Islamismus und Terror gleichzusetzen, wird der Argumentation dieses Buches folgen: Es gibt keinen Grund, den Islam zu fürchten.(…) Der heutige McCarthyismus, die heutige Variante der antikommunistischen Hetzjagd der frühen fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten, ist die in allen westlichen Gesellschaften anzutreffende Verbindung aus Überwachungsstaat (im Namen der Terrorbekämpfung) und einer alles Islamische ausschließenden Lesart jüdisch-christlicher Tradition.

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