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15. Juni 2009

Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur: Die schweigende Mehrheit

 Von KATAJUN AMIRPUR
Mussawi-Anhänger in Teheran. Foto: afp

Es hatte sich Hoffnung breit gemacht im Iran. Eine Bewegung war entstanden mit dem Namen "Grüne Welle". Nun hat das Land Ahmadinedschad wiedergewählt - einige Schlussfolgerungen. Von Katajun Amirpur

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Zur Person

Katajun Amirpur wurde 1971 in Köln als Tochter deutsch-iranischer Eltern geboren. Sie studierte Islamwissenschaften und Iranistik. Heute arbeitet sie als Journalistin.

Ich habe wirklich Mühe, mir das vorzustellen: Dass ein Wahlbetrug in so großem Ausmaße möglich ist. Muss ich mich stattdessen mit der bitteren Wahrheit abfinden, dass die meisten Wahlberechtigten in Iran Ahmadinejad nicht abwählen wollten, obschon sie konnten; obschon sie keine große, weitreichende, aber immerhin eine bessere Alternative hatten?

Es hatte sich Hoffnung breit gemacht in den letzten Wochen. Eine Bewegung war entstanden mit dem Namen "Grüne Welle". Dass es eine Welle sein könnte, glaubte ich tatsächlich, wenn ich die Nachrichten aus Iran las, mit Freunden telefonierte oder mir die immer neuen Bilder anschaute, die ich per Mail aus Iran bekam: Jugendliche in Teheran, mit grünen Kopftüchern und grünen T-Shirts, grün bemalten Gesichtern und Laubenranken um den Kopf.

Die Lethargie und die Apathie, die ich mich noch bei meinem letzten Besuch im April erschrocken hatte, waren einer neuen Politisierung gewichen. Eine der zahlreichen Kampagnen hatte den bezeichnenden Namen "Die Bewegung zur Erweckung der schweigenden Stimmen". Denn bei den letzten Wahlen, im Jahre 2005, hatte vor allem die geringe Wahlbeteiligung Ahmadinejad zum Wahlsieg verholfen. Und die Tatsache, dass niemand ihn kannte.

Doch dieses Mal wurden sogar, bis dahin völlig unüblich, im Fernsehen TV-Duelle ausgetragen. Hier kam anstelle des üblichen Monologs der Regierenden erstmals alles auf den Tisch: Ahmadinejad wurde vorgeworfen, die Wirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt zu haben; das Ansehen Irans so beschädigt zu haben, dass es fast zum Krieg gekommen wäre, und dass man sich als Iraner schämen müsse, als Holocaustleugner dazustehen. Jetzt hat - so scheint es - die schweigende Mehrheit gesprochen. Und sie hat für Ahmadinejad gesprochen. Und das, nachdem sie vier Jahre lang erlebt hat, was er sagt und will und denkt. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Aber stimmt sie?

Es scheint nicht wirklich logisch, dass die schweigende Mehrheit, die vor Wochen noch gar nicht zur Wahl gehen wollte, weil sie sagte, Wahlen könnten doch nichts ändern und das Ganze sei ein abgekartertes Spiel, nun zwar wählen gegangen ist, aber ihre Stimme Ahmadinejad gegeben haben soll. Diese Mehrheit, wegen der sogar Groß-Ayatollah Montazeri sich in den Wahlkampf einmischte und sagte, auch er habe seit zwanzig Jahren nicht mehr in der Islamischen Republik Iran gewählt, aber dieses Mal müsse man Ahmadinejad verhindern.

Montazeri ist als ranghöchster und angesehenster Geistlicher für Millionen eine Autorität in geistlichen und politischen Fragen. Und was ist mit der Klientel der andern? Mehdi Karrubi, Angehöriger einer ethnischen Minderheit, hat sich für die Rechte von Minderheiten, vor allem auch der Kurden, ausgesprochen. Unter Kurden ist Ahmadinejad besonders verhasst, weil er ab 1980 als Distriktgouverneur im iranischen Kurdistan gewirkt hatte, um die Separationsbestrebungen der Kurden einzudämmen. Und nun soll der Mann, zu dessen Wahl die Demokratische Partei Kurdistans aufgerufen hat und der es - so westliche Beobachter - schaffte, seine Zuhörer in seinen Bann zu ziehen, landesweit läppische 300 000 Stimmen bekommen haben? Allein in seiner Heimatprovinz Lorestan dürfte Karrubi mehr Anhänger haben.

Vor vier Jahren haben die beiden Reformkandidaten, von denen Karrubi einer war, zusammen über elf Millionen Stimmen bekommen. Und nun, nach vier Jahren real erlebter Ahmadinejad-Ära und bei vielfach höher Wahlbeteiligung sollen es auf einmal weniger sein? Auch anderes ist einfach nicht nachvollziehbar. Mohsen Rezai soll in seiner Heimatstadt nicht einmal ein Zehntel der Stimmen bekommen haben, die Ahmadinejad auf sich verbuchen konnte. Nicht besser erging es Mir-Hossein Moussavi in seiner Heimatstadt Tabriz. Mussavi ist Teil der türkischsprachigen Minderheit Irans, der Azeris. Und nun sollen die Azeris, die sonst immer einen der ihren wählen und immerhin eine Minderheit von achtzehn Millionen sind, in großer Mehrheit Ahmadinejad gewählt haben? Und dass, obwohl die Azeris an Ahmadinejad beinah genauso schlechte Erinnerungen haben wie die Kurden? Denn dort war er Anfang der neunziger Jahre als Provinzgouverneur tätig. Bei den Präsidentschaftswahlen vor vier Jahren wurde er in Azerbaidschan vorletzter.

Natürlich liegt, wenn der Wahlverlierer erklärt, die Wahl sei gefälscht worden, der Verdacht nahe, er sei ein schlechter Verlierer; auch sind Verschwörungstheorien unter Iranern, die noch nie Grund hatten, den offiziellen Medien des Landes zu trauen, beliebt. Allerdings wurde schon vor der Wahl ein Brief von Ajatollah Mesbah Yazdi veröffentlicht, des geistlichen Mentors Ahmadinejads, in dem er eine massive Wahlfälschung theologisch legitimiert haben soll. Denn, wenn das Volk den Falschen wähle, müsse man diesen Fehler eben korrigieren. Ob der Brief authentisch ist, lässt sich nicht sagen.

Immerhin hat Mesbah-Yazdi ihn nicht dementiert und passt die Aussage zu ihm, schließlich hatte er sich bei anderer Gelegenheit auch schon für eine grundsätzliche Abschaffung von Wahlen ausgesprochen, da das Volk ohnedies zu dumm zum Wählen sei.

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