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13. Juni 2008

Kinder: Bildung schützt vor Armut nicht

 Von CHRISTOPH BUTTERWEGGE
...und der Weg zurück in die Gesellschaft ist so einfach auch wieder nicht.  Foto: ddp

Im Kampf gegen (Kinder-)Armut sind Kenntnisse und Fertigkeiten hilfreich. Wichtiger aber ist das nötige Geld, um an der gesellschaftlichen Kultur teilhaben zu können. Von Christoph Butterwege

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Der Autor

Christoph Butterwegge ist Professor und lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

Soeben ist sein Buch "Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland" in zweiter, überarbeiteter und erweiterter Auflage erschienen. (VS - Verlag für Sozialwissenschaften; ISBN-Nr.: 978-3-531-15915-7, 378 Seiten, Preis: 24,90 Euro)

Neben den beiden Forderungen nach einem (gesetzlichen) Mindestlohn und diversen Steuererleichterungen stehen Bemühungen um mehr Bildungsanstrengungen der Betroffenen wie des Staates im Zentrum der Diskussion über Maßnahmen zur Bekämpfung der (Kinder-)Armut. So wird im 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eine Verbesserung der "Teilhabe- und Verwirklichungschancen" gefordert und die Bildung als "Schlüssel für Teilhabe und Integration" bezeichnet.

Niemand bezweifelt, dass Armut mehr ist, als wenig Geld zu haben, und mit vielfältigen Benachteiligungen vornehmlich im (Aus-)Bildungs-, Kultur-, Gesundheits-, Wohn- und Freizeitbereich verbunden ist. Dies hat Angehörige materiell bessergestellter Schichten immer schon veranlasst, die Armen nach dem Motto "Geld macht ohnehin nicht glücklich!" regelrecht zu verhöhnen, verleitet jedoch heute noch manche Kommentatoren dazu, Armut auf die "Bildungsferne" oder Sozialisations- bzw. Kulturdefizite der Betroffenen zurückzuführen. Wenn diesen selbst die Schuld zugeschoben wird, gerät die Verantwortung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft aus dem Blick.

Gleichzeitig tut man so, als verhindere eine gute Schulbildung oder Berufsausbildung automatisch, dass jemand arm wird. Tatsächlich führen Bildungsdefizite häufig dazu, dass junge Menschen auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt nicht (sofort) Fuß fassen. Auch trägt die Armut von Familien oft dazu bei, dass deren Kinder keine weiterführende Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis wieder verlassen. Armut in der Herkunftsfamilie zieht spätestens in der Sekundarstufe erhebliche Bildungsdefizite nach sich. Der umgekehrte Effekt ist sehr viel weniger signifikant: Ein schlechter oder fehlender Schulabschluss verringert zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber weniger nachteilig auf den Wohlstand einer Person aus, wenn diese vermögend ist oder Kapital besitzt.

Wenn man die "soziale Vererbung" der Armut durch schon im Kindesalter wirksame Selektionsmechanismen bekämpfen möchte, sind ein quantitativer Ausbau und eine qualitative Verbesserung des Bildungssystems der Bundesrepublik vom Elementarbereich bis zum Hochschulwesen unerlässlich. Die soziale Selektivität unseres Bildungssystems wird von den meisten Diskussionsteilnehmern jedoch gar nicht infrage gestellt, verteidigen sie doch anderslautenden Pisa-Ergebnissen zum Trotz die hierarchische Gliederung des Sekundarschulwesens und die Privilegierung des Gymnasiums, das ein borniertes Bürgertum am liebsten für den eigenen Nachwuchs reservieren möchte.

Unglaubwürdig wird, wer die Bildungs- als besonders zukunftsträchtige Form der Sozialpolitik interpretiert und gleichzeitig von der Schule über die Weiterbildung bis zur Universität alle Bereiche privatisieren möchte. Denn in einem solchen Bildungssystem stoßen Kinder nur noch auf Interesse, wenn sie (bzw. ihre Eltern) als zahlungskräftige Kunden firmieren. Kontraproduktiv wirken zweifellos die Beschneidung der Lernmittelfreiheit (Verpflichtung der Eltern zur Zahlung von Büchergeld), die Schließung von (Schul-)Bibliotheken aus Kostengründen und die Einführung von Studiengebühren.

Dass die Spitzenpolitiker der etablierten Parteien das Mantra "Bildung, Bildung, Bildung" nach Art einer tibetanischen Gebetsmühle ständig wiederholen, verweist auf einen im neoliberalen Sinn veränderten Gerechtigkeitsbegriff: Selbst wenn die soziale Gerechtigkeit nicht unter Hinweis auf die Globalisierung als "Standortrisiko" im Kampf um Absatzmärkte und Großinvestoren denunziert wird, ist der Zwang zur ökonomischen Selbstverwertung an die Stelle des Rechts auf persönliche Selbstverwirklichung getreten. Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit eines Heranwachsenden auf dem Arbeitsmarkt, ohne Erwerbslosigkeit und (Kinder-)Armut als gesellschaftliche Phänomene zu beseitigen. Hierfür bedarf es in einem Land, das noch nie so reich wie heute war, nämlich weiterhin der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen.

Arbeitslosigkeit und Kinderarmut lassen sich weder durch eine Pädagogisierung der Armut noch durch die Mythologisierung der Bildung bewältigen und durch politische Leerformeln wie "Chancengerechtigkeit" oder "Verwirklichungschancen" nur ideologisch entsorgen. Floskelhafte Bekenntnisse zur Gerechtigkeit sind keine Lösung, wenn man die tiefe Spaltung der Gesellschaft beenden und der Herausbildung von Parallelwelten (Suppenküchen hier - Reichenghettos dort) begegnen will. Die formale Chancengleichheit, um deren Verwirklichung sich die etablierten Parteien bemühen, garantiert höchstens Verfahrensgerechtigkeit. Für jene Menschen, deren soziale Lage prekär ist, resultiert daraus selten die Möglichkeit, beruflich Fuß zu fassen und aufzusteigen.

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