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Kolumne: Schirme gegen einen Tsunami

Die Finanzkrise hat nebenbei auch die Überforderung der Wirtschaftswissenschaft an den Tag gebracht. Als Leitwissenschaft jedenfalls taugt sie nicht. Von Herfried Münkler

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
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Im 18. Jahrhundert, so Carl Schmitt in seiner kleinen Schrift Der Begriff des Politischen, habe eine Naturkatastrophe wie das Erdbeben von Lissabon "eine ganze Flut von moralisierender Literatur" hervorgebracht, "während heute ein ähnliches Ereignis ohne tiefere intellektuelle Nachwirkungen bleibt".

Schmitts Beobachtungen aus den frühen 1930er Jahren sind durch den verheerenden Tsunami in Südostasien und das schwere Erdbeben auf Haiti nicht widerlegt worden. Es gab danach zwar eine wellenartige Hilfsbereitschaft, aber eine Reflexion über Warum und Wozu war nicht zu beobachten. Weder wurden die Leichtfertigkeit der Menschen noch ihr Leichtsinn getadelt, und die Grenzen menschlicher Naturverfügung wurden auch nicht thematisiert. Stattdessen konzentrierte man sich auf die Frage, mit Hilfe welcher technischen Vorkehrungen man beim nächsten Mal früher gewarnt und besser geschützt sei. Naturkatastrophen sind für uns zu Herausforderungen der Ingenieurskunst geworden. Und deren Versagen ist dann weniger ein Unglück als Unvermögen.

Dagegen, so fährt Carl Schmitt fort, beschäftige "eine Katastrophe in der ökonomischen Sphäre, ein großer Kurssturz oder Zusammenbruch, nicht nur das praktische, sondern auch das theoretische Interesse breitester Schichten intensiv". Kurz nach dem großen Bankenkrach von 1929 dürfte er für diese Beobachtung reichlich Belege gehabt haben.

Schmitt sieht in der Verlagerung des theoretischen Interesses der Menschen angesichts großer Katastrophen von der Rechtfertigung Gottes zur Verlässlichkeit der Wirtschaftsordnung einen Indikator für die Verschiebung der zentralen Fragestellung einer Zeit. Im Zentralgebiet einer Epoche kulminieren deren Herausforderungen; hier müssen sie reflektiert und bearbeitet werden. Werden sie gelöst, ist alles andere nur noch zweitrangig.

Mitte des 18. Jahrhunderts konkurrierten Theologie und Naturphilosophie um die verbindlichen Antworten: Wer die überzeugendere Antwort gab, hatte die Nase vorn. Von etwas Vergleichbarem kann zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht die Rede sein. Wenn die Wirtschaft unser Schicksal ist, wie gern in Abwandlung eines Napoleon-Zitats behauptet wird, so kommen von der Wirtschaftswissenschaft erstaunlich wenige und erstaunlich dürftige Antworten. Dass sie sich über die praktischen Reaktionen auf die Krise streitet, mag noch angehen. Das war bei den Theologen und Naturphilosophen des 18. Jahrhunderts nicht anders. Aber dass sonst von ihr gar nichts zu hören ist und die aus ihren Kreisen lancierten Metaphern, Rettungsschirm etwa, sich bestenfalls auf den Umgang mit kurzfristigen meteorologischen Vorkommnissen bezieht, zeigt die Überforderung der Wirtschaftswissenschaft mit den Herausforderungen unserer Zeit.

Man mag das unter dem Oberbegriff eines "nachmetaphysischen Zeitalters" verbuchen, in dem Theorien von großer Reichweite unseriös geworden sind. Aber dass, wenn es um die Statik eines Hauses geht, ein Handwerker kommt und über dessen Anstrich spricht, ist doch zu wenig.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat nebenbei auch die Überforderung der Wirtschaftswissenschaft an den Tag gebracht. Als Leitwissenschaft jedenfalls taugt sie nicht.

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor:  Herfried Münkler
Datum:  20 | 5 | 2010
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