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Mely Kiyak: Generation Schlummer

Die jungen Kreativen fühlen sich von der Krise seltsam unberührt. Von Mely Kiyak schreibt zur Serie "Nach dem Turbokapitalismus".

Fällt jemandem etwas auf? In den Diskussionsrunden im Fernsehen sitzen die gleichen Leute wie vor der Krise. Fällt irgendjemanden auf, wessen Stimme nach wie vor nicht zu vernehmen ist? Es ist die Stimme meiner Generation. Mitglieder meiner Peergroup, die Anfang und Mitte 30-jährigen kreativen Freiberufler, oder anders gesagt, die prekär Beschäftigten. Prekär Beschäftigte sind nicht nur Krankenschwestern und Handwerker, sondern auch Journalisten, Autoren, Grafiker, Webprogrammierer, Stand-up-Comedians oder Modedesigner. Junge Berufsanfänger, die sich von Stipendium zu Stipendium hangeln. Mal befristet beschäftigt sind und sich "aufstocken" lassen oder gleich Hartz VI beantragen und hier und da mal ein "Projekt haben".

In meinem Umfeld gibt es nahezu niemanden, der sich von der Finanzkrise betroffen fühlt. Wer in keine Rentenkasse einzahlt, braucht sich um seine Rente auch keine Sorgen zu machen. Wer von der Hand in den Mund lebt, hat auch kein Tagesgeldkonto, wo es panisch etwas abzuheben gäbe. Nun könnte man sagen, habt doch wenigstens Angst um das Erbe eurer Eltern... Drohende Arbeitslosigkeit kann man gelassen hinnehmen, wenn man im Prinzip noch nie richtig gearbeitet hat. Wozu vor einem Zustand Angst haben, in dem man sich de facto schon befindet?

Doch was in meiner Generation als abstrakt wahrgenommen wird, ist so konkret, wie es konkreter kaum geht. Stipendien für Kulturschaffende werden auch von Staat und Wirtschaft angeboten. Sollte sich die Finanzkrise auf die Realwirtschaft auswirken, bedeutet das, dass alle finanziellen Säulen, auf die sich Freiberufler stützen, zu wanken beginnen werden. Sozialleistungen werden weiter gekürzt, Wirtschaftunternehmen sich in Sachen Kulturförderung zurückhalten und auch die Künstlersozialkasse wäre gefährdet.

Ich habe bislang nicht verstanden, wie der 500 Milliarden schwere Rettungsplan refinanziert werden soll. Angeblich ist es nur ein Ausborgen, doch die Rückgabekriterien sind im doppelten Wortsinn verborgen. Die 500 Milliarden virtuelles Geld sind Steuergeld. Ich zahle in die Steuerkassen ein. Sollte sich die wirtschaftliche Lage in den nächsten Jahren nicht stabilisieren, werde ich doppelt belastet sein. Einmal durch die Staatsverschuldung und dann durch die vielen Gleichaltrigen, die weniger eingezahlt haben als ich und mit denen ich mir Kosten, aber auch Sozialleistungen teilen muss.

Meine Altersgenossen zeichnet kein besonderes politisches Interesse aus. Während deutsche Soldaten nach Afghanistan geschickt wurden, saßen die Kollegen frohgemut um 11 Uhr wochentags beim Frühstück für 5 Euro in den Berliner Szenevierteln. Während der letzten Wochen die gleiche heitere Lethargie. Ich weiß nicht, liegt es am fehlenden Wissen, das durch scheinbare Ignoranz versteckt wird, oder ist es die Nachwirkung der einschneidenden Erfahrung, nach dem Studienabschluss keine sozialversicherungspflichtigen Anstellungen angeboten zu bekommen oder zu finden? Jedenfalls schlummert meine Generation friedlich vor sich hin. Sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein Leben aussehen könnte, wenn es Weichen stellende Angebote wie kostenlosen Schulbesuch oder Sozialleistungen nicht gäbe. Es ist eine Generation, die vor lauter Mal-sehen-was-wird-Attitüde gar nicht auf die Idee kommt, dass wir als junge, gut ausgebildete Menschen eine große Macht hätten, wenn wir nur wollten.

Nämlich die Möglichkeit, wann immer Politiker, die dem Pensionsalter näher stehen als wir, aufstehen und sagen: Stopp, Ihr entscheidet über unsere Zukunft! Sämtliche Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft werden, wenn sie sich mit all ihren Schlummertrunken irren, die sie der Öffentlichkeit derzeit verabreichen, nicht mehr erleben. Deshalb sind ein langsames Strecken und Recken der Glieder und ein zartes Aufwachen nötig. Die Freiberufler können keine Lehren aus der Finanzkrise ziehen. Noch nicht. Aber sollte es jemals zu negativen Entwicklungen kommen, kann leider auch kaum einer beklagen, dass wir schon Jahre vorher unsere unsichere Zukunft prophezeit hätten. In zwanzig Jahren werden wir die Entscheidungsträger sein, doch Übung haben wir keine.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  1 | 11 | 2008
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