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Messerattacke in Dresden: Man nennt es Islamophobie

Forscher verzeichnen einen Zuwachs bei einer bestimmten Form von Fremdenfeindlichkeit: Islamophobie. In vielen Medien scheint diese Erkenntnis aber noch nicht angekommen. Von Hilal Sezgin

Blumen für die während eines Prozesses im Dresdner Landgericht getöteten Ägypterin liegen auf der Treppe vor dem Gerichtsgebäude.
Blumen für die während eines Prozesses im Dresdner Landgericht getöteten Ägypterin liegen auf der Treppe vor dem Gerichtsgebäude.
Foto: ddp

Viele Menschen haben seit vergangenem Mittwoch vom Tod von Marwa E. gehört. Die Schlagzeile der entsprechenden Meldung wird oft "Streit auf dem Spielplatz" gewesen sein. Wegen eines Sitzes auf einer Kinderschaukel hatte Frau E. den Mann, der sie ein knappes Jahr später erstechen sollte, angesprochen; er beleidigte sie, sie landeten vor Gericht. Dort hat er sie im Beisein des Richters, einer Staatsanwältin, seines Verteidigers, ihres Ehemanns und ihres dreijährigen Sohnes mit 18 Messerstichen getötet.

Der ursprüngliche Anlass klingt nach einem kindischen Streit unter Nachbarn und war doch viel mehr. Als "Islamistin", "Terroristin" und "Schlampe" hatte Alex W. auf einem Spielplatz Marwa E. beschimpft; eine ägyptische Pharmazeutin und einstige Handballnationalspielerin, die vor zwei Jahren mit ihrem Ehemann nach Deutschland gezogen war; in Dresden arbeitet Herr E. am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik.

Zur Autorin

Hilal Sezgin lebt als Publizistin in der Lüneburger Heide und veröffentlichte zuletzt zusammen mit Nasdr Hamid Abu Zaid das Buch "Der Koran und die Zukunft des Islam" im Herder Verlag.

Viele Leute horchen schon verblüfft auf, wenn sie davon erfahren: Muslime, die studiert haben?! Ja, die gibt es, auch solche mit Kopftuch! Doch der akademische Hintergrund der Ermordeten ist für das Ausmaß der Tragödie völlig unbedeutend. Manch andere Muslima hat nicht studiert und wird auf dieselbe Art beschimpft; schon so manche Frau mit Kopftuch wurde hinter vorgehaltener Hand von Passanten als "Terroristin" bezeichnet.

Man nennt es Islamophobie; eine bestimmte Form der Fremdenfeindlichkeit, von der einige Zeitgenossen noch bezweifeln, dass es sie überhaupt gibt. Die so beschimpft werden, wissen davon und auch Forscher wie Wilhelm Heitmeyer, der seit Jahren einen bedenklichen Zuwachs an Islamophobie innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft konstatiert.

Wieso wurde dieser Mord nicht laut beklagt?

In vielen Zeitungen und Fernsehsendern scheint diese Erkenntnis aber noch nicht angekommen. Gerne schreibt man über Integrationsdefizite und potentiellen Terrorismus; monatelang diskutierte man, ob die Münchener Jugend gewalttätig werde. Wieso aber wurde nicht auch dieser Mord an einer Muslimin, weil sie Muslimin war, laut beklagt?

Anders als die deutschen Medien, hat Frau E. die Dinge offenbar sofort einzuordnen gewusst. Sie hat sich die Beschimpfung als "Islamistin" nicht gefallen lassen und Anzeige erstattet. Deswegen - und nicht wegen irgendeiner Schaukel standen sie und Alex W. vor Gericht. Auch vor Gericht wurde der Angeklagte ausfallend und meinte, Menschen wie Frau E. seien keine Menschen und sollten aus Deutschland verschwinden. Die erste Instanz entschied auf 780 Euro Bußgeld; Alex W. hielt sich für unschuldig die Staatsanwaltschaft hielt die Strafe für zu milde. Beide legten Berufung ein.

Alex W. ist deutscher Staatsangehöriger, in Russland geboren, lebt seit 2003 in Deutschland. Kann er deswegen, weil er hier ebenfalls als Fremder angesehen wird, etwa kein Fremdenhasser sein? Brauchte er vielleicht gerade als einer, der trotz deutscher Staatsangehörigkeit für viele immer noch als Ausländer gilt, ein Feindbild von jemandem, der "noch ausländischer" ist?

Alex W. war ein notorischer Ausländerfeind

Dass Alex W. ein notorischer Ausländerfeind sei, bescheinigt ihm der Dresdner Oberstaatsanwalt Christian Avenarius. Gerade deswegen ist schwer zu verstehen, warum Alex W. nur wegen Beleidigung angeklagt war. Weder wurde der Angeklagte auf Waffenbesitz kontrolliert, noch waren Polizisten präsent. Im Nebenraum befanden sich Polizisten, sie hörten den Aufruhr, handelten auf Aufforderung der per Notruf verständigten Gerichtswachtmeister schnell, einer schoss auf Frau E.s Ehemann, weil er ihn für den Angreifer hielt.

Doch Oberstaatsanwalt Avenarius erklärt, es habe keine Anhaltspunkte dafür gegeben, dass der Mann gewalttätig werden könne; auf die Richterin der ersten Instanz habe er sogar "diszipliniert" gewirkt. Es war ein Fall unter vielen. Er wolle keineswegs zynisch klingen, sagt Avenarius, aber "wir haben leider häufig Ausländerfeinde vor Gericht. Bei ihnen muss man allein wegen ihrer üblen Gesinnung nicht davon ausgehen, dass sie im Gerichtssaal tätlich werden, und schon gar nicht in einem derartigen Ausmaß."

Spiegel online will erfahren haben, dass manche Ägypter nun antideutsche Parolen rufen, dass einer sogar Rache üben will. Wir sollten uns von dem Bild wütender Ägypter nicht beeinflussen lassen: Islamophobie ist allgemein ein europäisches und auch ein deutsches Phänomen. Dieser schreckliche Mord vollzog sich vor einem deutschen Gericht. Je akkurater deutsche Behörden aufklären, je entschiedener Politiker ihn ächten, desto eher wird man denen den Wind aus den Segeln nehmen, die darin Ausdruck einer Weltverschwörung sehen.

Gerechtigkeit für Frau E. und ihre Familie kann das nicht mehr bringen. Es ist bitter, dass sie genau dem Hass, gegen den sie sich mit rechtstaatlichen Mitteln wehren wollte, zum Opfer fiel. Sie war diskriminiert worden; sie war couragiert und zog vor Gericht: Für ihr Recht, zu glauben, was sie glaubte, und die Kleidung zu tragen, die sie trug. Manche unserer Politiker suggerieren, dass das ein Mangel an "Integration" sei, und vergessen, was Frau E. wusste: Beide Rechte werden durch die deutsche Verfassung garantiert.

Autor:  Hilal Sezgin
Datum:  9 | 7 | 2009
Kommentare:  1
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