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Michail Chodorkowskij: Häftling Nummer Eins

"Auch die neue Anklage gegen mich ist Blödsinn", schreibt Ex-Oligarch Michail Chodorkowskij in einem Brief an die FR. Ihm drohen weitere 22 Jahre in Sibirien.

Der einstmals reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowskij, hinter Gittern - bei einer Voranhörung im Gericht der sibirischen Provinzstadt Tschita.
Der einstmals reichste Mann Russlands, Michail Chodorkowskij, hinter Gittern - bei einer Voranhörung im Gericht der sibirischen Provinzstadt Tschita.
Foto: dpa

E s ist nicht so, dass Michail Chodorkowskij hinter Gittern keine Siege errungen hätte. Als Russlands ehemals reichster Mann im sibirischen Arbeitslager wegen des angeblich verbotenen Besitzes von zwei Zitronen einen Verweis bekam, wurde der vor Gericht aufgehoben. Und seit das Oberste Gericht einer Klage Chodorkowskijs stattgab, dürfen ihn seine Anwälte nicht erst abends, sondern auch tagsüber besuchen.

Anwälte und Klient haben viel zu besprechen. Vom morgigen Donnerstag an wird vor Gericht über einen Antrag Chodorkowskijs auf Freilassung auf Bewährung entschieden.

Der Angeklagte beim Prozess.
Der Angeklagte beim Prozess.
Foto: dpa

Fast fünf Jahre ist es her, dass der damalige Chef des Ölkonzerns Jukos verhaftet und zu acht Jahren Straflager verurteilt wurde. Häftlinge, die mehr als die Hälfte des Strafmaßes abgesessen und sich gut geführt haben, werden in Russland für gewöhnlich freigelassen. Jedenfalls, wenn sie nicht wie Michail Chodorkowskij das Machtmonopol des Kreml in Frage gestellt haben.

"Lebten wir in einem normalen Land mit einem normalen Justizsystem, wäre ich nicht im Gefängnis und müsste mich auch jetzt nicht vor Gericht verantworten", sagt Chodorkowskij, als er sich kürzlich in einer Vorverhandlung dem Richter erklärt. Es ist ein heißer Sommertag. Vor den offenen Fenstern des Gerichtssaals jagen Schwalben durch den wolkenlosen Himmel.

Chodorkowskij sitzt in einem Metallkäfig, so wie alle Angeklagten in russischen Gerichtssälen. Sein Kopf ist frisch geschoren, er trägt eine randlose Kunststoffbrille. Das schwarze T-Shirt, das er zur blauen Jeans trägt, betont die Blässe des Gefangenen. Doch Chodorkowskij wirkt fit, seine Oberarmmuskeln sind kräftig. "Ich halte mich seit Kindesbeinen mit Gymnastik in Form - auch im Gefängnis. Es ist alles eine Frage der Selbstdisziplin", schreibt er in einem Brief an die Frankfurter Rundschau. Sein Anwalt hat ihm schriftliche Fragen übermittelt. Ein Interview im Gerichtssaal verbieten die ihn bewachenden Justizbeamten.

Das Gericht, ein zweistöckiger roter Backsteinbau, steht in Tschita, gut 6000 Kilometer östlich von Moskau. Im Zentrum der verschlafenen Provinzstadt wird der Brachialcharme von Lenin-Denkmal und dem Betonklotz des Ex- Hauptquartiers der Kommunistischen Partei durch schiefe Holzhäuser und farbenfroh gestrichene Adelshäuser der Zarenzeit gemildert.

Laut Gesetz haben Russen Anspruch, am Ort der angeblichen Verbrechen vor Gericht zu kommen und im Fall eines Schuldspruchs auch dort ihre Haft zu verbüßen. Doch Chodorkowskij wurde nach seiner Verurteilung von Moskau ins Arbeitslager von Krasnokamensk verlegt, ein paar 100 Kilometer von Tschita, unweit der Grenze zur Mongolei. "Diese Schikane sollte uns den Umgang mit Mischa möglichst beschwerlich machen und dafür sorgen, dass möglichst wenig Journalisten den Weg zu ihm finden", sagt Chodorkowskijs Mutter Marina. 74 Jahre alt ist sie und ist doch in diesen Sommertagen wieder nach Tschita geflogen, um ihren Sohn für ein paar Stunden im Untersuchungsgefängnis zu treffen.

Für eine Freilassung auf Bewährung ist tadellose Führung unverzichtbar. Doch die Lagerleitung schrieb Chodorkowskij Rügen ins Führungszeugnis - wegen der Zitronen, unerlaubten Teetrinkens im Aufenthaltsraum oder des Besitzes von "für Häftlinge verbotener Literatur": Wärter hatten in seiner Kommode die Kopie eines Erlasses des Justizministers über Häftlingsrechte gefunden. Die Rügen wurden vor Gericht annulliert - bis auf die letzte.

Ende 2006 wurde Chodorkowskij aus dem Arbeitslager ins Untersuchungsgefängnis von Tschita verlegt. Seit Februar 2007 war dort der fünffache verurteilte Autodieb Igor Gnesdilow sein Zellengenosse. Nun sitzt er in einem Café in Tschita und erzählt von Chodorkowskij: "Wir diskutierten über Russen und Amerikaner, sahen fern oder lasen. Michail Borisowitsch hatte immer Dutzende Bücher in der Zelle: vor allem historische und soziologische Studien. Wenn wir uns stritten, holte er die Encyclopaedia Britannica unter dem Bett hervor - und zeigte mir, dass ich Unrecht hatte."

Die größte Belastung beim zwangsweisen Zusammenleben mit Chodorkowskij sei die ständige Überwachung, sagt Gnesdilow. "Chodorkowskij ist Häftling Nummer Eins. Der gesamte, speziell für ihn umgebaute Gefängnistrakt einschließlich Spaziertrakt, Dusche und natürlich der Zelle wird mit Kameras rund um die Uhr überwacht. Gefängnis-Extras sind für ihn und seine Zellengenossen unmöglich."

Doch trotz der strengen Regeln treiben russische Häftlinge und Wärter rege Geschäfte: Häftlinge erhandeln sich Mobiltelefone oder eine Flasche Cognac. Gnesdilow kaufte sich 2004 ein ungestörtes Schäferstündchen, nachdem er sich auf dem Gefängnishof in die verurteilte Mörderin Swetlana verliebte. Neun Monate später brachte Sweltana in einem leeren Verhörzimmer Danil zur Welt und zog ihn im Gefängnis auf.

Am dritten Geburtstag müssen Gefängnis-Kinder die Mutter verlassen und kommen, wenn kein Verwandter bereitsteht, in Waisenhäuser. Gnesdilow wollte sich nach seiner bevorstehenden Entlassung auf Bewährung um seinen Sohn kümmern. Ein Justizbeamter erklärte Gnesdilow, er werde nur dann entlassen, wenn er Michail Chodorkowskij belaste: dass er beim Spaziergang trotz Befehls nicht die Hände hinter dem Rücken verschränkt habe.

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Autor:  Von Florian Hassel
Datum:  20 | 8 | 2008
Seiten:  1 2
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