Chanel möchte nach Kalifornien: "Meine Mutter arbeitet dort als Krankenschwester." Joen möchte nach Irland: "Meine Mutter lebt seit zehn Jahren in Dublin und ist auch Krankenschwester." Maribeth ist nicht so wichtig, in welches Land sie zieht, "Hauptsache, das Gehalt stimmt." Tracy nickt.
Chanel, Joen, Maribeth und Tracy stehen an einem Krankenbett, in dem eine Puppe liegt. Die vier jungen Frauen haben ihre langen, schwarzen Haare zu einem festen Dutt gebunden, sie tragen weiße Röcke und weiße Hemden mit großen Brusttaschen, die wie Kittel aussehen. Alles Vorschrift am Manila Doctors College. "Wir verstehen den Namen auch nicht", sagt Tracy. Am Doctors College werden keine Ärzte ausgebildet, sondern Krankenschwestern. Chanel, Joen, Maribeth und Tracy stehen am Bett und schreiben mit, was ihr Dozent sagt. Er "untersucht" gerade die Puppe. Sie hat blonde Haare.
"Wir pflegen die Welt", lautet das Motto der privaten Schule. Englischunterricht ist Pflicht. "Unsere Produkte wollen ins Ausland, die Besten schaffen es", sagt Direktor Lino Reynoso und meint seine Studienabgänger, Zehntausende Krankenschwestern, die in einem Erste-Welt-Land 2000 US-Dollar im Monat verdienen wollen. Auf den Philippinen würde der gleiche Job bei einer Sechs-Tage-Woche nur ein Zehntel einbringen.
An 400 Einrichtungen auf den Philippinen werden Krankenschwestern unterrichtet, 650 000 sind es derzeit. Sehr beliebt ist auch die Ausbildung zum Matrosen. Eine halbe Million Filipinos sind schon auf See, die Hälfte als Seeleute auf Tankern und Frachtern, die andere als Kellner oder Reinigungskräfte auf Kreuzfahrtschiffen.
Philippinische Frauen arbeiten als Hauspersonal in Hongkong und Singapur, philippinische Männer arbeiten auf Baustellen in Dubai, Katar und Saudi-Arabien. Insgesamt acht Millionen Menschen aus den Philippinen arbeiten im Ausland. Sie werden in diesem Jahr ungefähr 15 Milliarden Dollar nach Hause schicken.
Senator Chiz Escudero sieht sich als Mann der Zukunft. Er ist erst 38 und will bald Präsident werden. "Die Migrationspolitik hilft uns auf den ersten Blick sehr und schadet uns gleichzeitig viel mehr, als wir das wahrhaben wollen", sagt der Oppositionspolitiker. Der erste Blick ist in der Tat positiv: Die Milliarden der Migranten treiben das Wirtschaftswachstum der Philippinen, weil sie den Inlandskonsum stärken. Mit den Auslands-Dollar der Gastarbeiter kaufen Verwandte zu Hause Kühlschränke und Fernseher, reparieren die Dächer ihrer Häuser oder bauen neu. Die Regierung fördert das System und kümmert sich um die Arbeitsemigranten. Lizenzierte Agenturen bieten Arbeitsverträge, Krankenversicherung, Vorbereitungskurse. In den philippinischen Botschaften kümmern sich Diplomaten ausschließlich um "ihre" Gastarbeiter.
Vieles sei gut, sagt Senator Escudero, "aber niemand spricht über die Kehrseiten. Die meisten Familien sind auseinandergerissen. Ehen und Kinder leiden. Wer zurückbleibt, hört auf zu arbeiten, weil ja genug Geld ankommt. Das bremst Dynamik und Produktivität. Am schlimmsten ist, dass immer mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte gehen. Wir haben längst Engpässe."
In Quezon City, einer Millionenstadt am Nordrand der Kapitale, liegt die Ärztekammer der Philippinen. "Seit vier Jahren gehen Ärzte ins Ausland, um dort als Krankenpfleger mehr Geld zu verdienen. 5000 Ärzte sind schon weg, weitere 6000 haben Umschulungen abgeschlossen und sind auf dem Sprung", sagt Rey Melchor Santos, der Leiter der Kammer. Jeder zehnte Arzt wandert aus, die Folge: Auf den Philippinen müssen sich 30 000 Bürger einen Mediziner teilen. "Auf dem Land haben wir schon Krankenhäuser ohne Ärzte. Wir bitten Mediziner im Ruhestand um Hilfe", klagt Santos.
In einem staatlichen Krankenhaus der Philippinen verdient ein Arzt etwa 500 US-Dollar pro Monat, eine Krankenschwester bekommt in Los Angeles oder London das Vierfache. Erst lockten vor allem die USA, in denen unter den ausländischen Schwestern die Filipinas inzwischen die größte Gruppe stellen, und Großbritannien, mittlerweile suchen auch Kanada, Finnland oder Bahrain Krankenschwestern und Altenpflegerinnen.
"Der Exodus wird noch zunehmen. Wir können bei den Gehältern nicht mithalten, unser Staat ist zu arm", sagt Ärztekammer-Chef Santos. "Mich beunruhigt besonders, dass die Zahl der Medizin-Studienanfänger um 50 Prozent zurückgegangen ist. Sie lassen sich lieber gleich zur Krankenschwester ausbilden. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir in ein paar Jahren eine sehr ernste Gesundheitskrise."
Die staatliche Universität der Philippinen will angehende Ärzte, die nach ihrem Abschluss auswandern, nicht mehr subventionieren. "Studienanfänger müssen sich ab 2009 vertraglich verpflichten, nach ihrem Examen drei Jahre lang auf den Philippinen zu arbeiten", sagt Josie Isidro-Lapena, die Generalsekretärin der Medizinfakultät.
Doch auch die Hochschule steckt im gleichen Teufelskreis wie das ganze Land. Der Lehrbetrieb bräche zusammen, sollten die Millionen ausbleiben, die ausgewanderte Ärzte ihrer alten Fakultät in Manila Jahr für Jahr spenden. "Auswandern hat nichts mit Geldgier zu tun", sagt Isidro-Lapena. "Es geht darum, die Familie zu unterstützen und eine eigene gründen zu können. Außerdem gehen die Menschen, weil sie so enttäuscht von der Lage im Land sind."
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.