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Professor Ulrich Herrmann: Auf der pädagogischen Insel

Kollegs und ein Chor, Internate und die Landerziehungsheime Odenwaldschule und Schloss Salem stehen am Pranger: Die Institution schweigt, um den guten Ruf der Familie zu retten. Gastbeitrag von Ulrich Herrmann

Ulrich Herrmann ist Professor für Pädagogik in Tübingen.
Ulrich Herrmann ist Professor für Pädagogik in Tübingen.
Foto: privat

Kollegs und ein Chor, Internate und die Landerziehungsheime Odenwaldschule und Schloss Salem stehen am Pranger: Schülerinnen und Schüler sind sexuell missbraucht worden. Das hat nur mittelbar etwas mit der Sexualmoral der Katholischen Kirche beziehungsweise mit den pädagogischen Grundsätzen eines Landerziehungsheims zu tun, das nicht bloß Internat (Schule und Schlafzimmer) sein will, sondern ein Ort des gemeinsamen Lebens. Und da Übergriffe auch in anderen Institutionen mit geringer Außenkontrolle passieren, muss sich der Blick auf die Institutionen richten und die in ihr praktizierten Mikrostrukturen von Abhängigkeiten, die Übergriffe und Missbrauch ermöglichen.

Zur Klarstellung vorweg: Kindesmissbrauch ist ein Straftatbestand und hat mit Reformpädagogik nichts zu tun. Wer in diesem Zusammenhang vom "pädagogischen Eros" faselt, setzt sich dem Verdacht aus, seine sexuelle Orientierung legitimieren oder gar Pädophilie bagatellisieren zu wollen. Wer sich an ihm anvertrauten Kindern und Jugendlichen vergeht, verletzt das Menschenrecht auf körperliche und seelische Unversehrtheit. Hausverbot, Berufsverbot und Strafverfahren müssen die Folge sein.

Der Ort der häufigsten Übergriffe und Missbrauchsfälle ist die Familie. Sie ist im Normalfall für Kinder und Heranwachsende der sichere Hafen der Gefühle und des Vertrauens, der Geborgenheit und der Zuflucht. Misstrauen gegen das, was Vater und Mutter und andere Familienangehörige tun und unterlassen, wird hier nicht gelernt.

Deshalb sind die zunächst vertrauensseligen und dann missbrauchten Kinder und Heranwachsenden ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert. Ausweich- oder Fluchtmöglichkeiten gibt es praktisch nicht. Die Vergehen an den Kindern sind von einer Mauer des Wegsehens und des schamvollen Verheimlichens umgeben: der "gute Ruf" der Familie soll keinen Schaden nehmen.

Dass in einem Landerziehungsheim Schüler, Lehrer und Pädagogen in "Familien" zusammenleben, geschah und geschieht seit 100 Jahren aufgrund der Überlegung, Kinder und junge Leute auch in einer "Ersatzfamilie" in einer Atmosphäre des Vertrauens und der Zuwendung aufwachsen zu lassen. So geschieht es ja auch in Kinderdörfern und manchen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (zu denen auch die Odenwaldschule gehört).

Die Erwartung dabei ist natürlich, dass die hier tätigen "Ersatzeltern" und andere Erwachsene, die mit ihren Schutzbefohlenen unter einem Dach wohnen, sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind, und dass es wirksame Vorkehrungen gibt - wogegen? Nun, gegen jene Übergriffe und gegen jenen Missbrauch, der in den "natürlichen" Familien die Kinder bedroht.

Es ist abwegig, Kindesmissbrauch und Reformpädagogik in einen direkten Zusammenhang zu bringen. Deshalb ist auch die Odenwaldschule als Gesamtschule ganz eigener Prägung oder sind andere reformpädagogische Einrichtungen nicht grundsätzlich gescheitert, wie uns jetzt beispielsweise der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers glauben machen will.

Gleichwohl darf trotz des richtigen Prinzips der Ersatzfamilie das Gefährdungspotenzial der Familie unter den Bedingungen der "pädagogischen Insel" nicht unterschätzt werden. Schul- und Heimleiter müssen viel wachsamer sein, als sie es bisher gewesen sind. Aber wenn es keinen Heimleiter gibt oder der Schulleiter der Hauptübeltäter ist? Und wer hat es durchgehen lassen, dass der jetzt von ehemaligen Schülern des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Gerold Becker alleiniges "Familienoberhaupt" werden konnte und damit eine weitere Kontrollinstanz entfiel?

Die Heranwachsenden wurden zu Mut und Mitverantwortung für andere angehalten - aber kann man ernsthaft davon ausgehen, dass sich Landschulheimer gegen ihre Lehrer und Erzieher wenden, zumal wenn sie keine Auffangposition außerhalb ihres Landschulheims haben? Und wo steht eigentlich geschrieben, dass Lehrer und Schüler unbedingt unter einem Dach wohnen müssen?

In den jetzt bekannt gewordenen Fällen ist der sexuelle Missbrauch umso verwerflicher, als eine Notsituation der Schutzbefohlenen ausgenutzt wurde. Und wieder funktionierte eine Mauer des Schweigens, um den "guten Ruf" der Odenwaldschule nicht zu gefährden. Aber genau dadurch entstand Täter- statt Opferschutz.

Autor:  Ulrich Herrmann
Datum:  19 | 3 | 2010
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