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Proton-Proton-Kollision: Jenseits von Faust

Der Large Hadron Collider am Europäischen Labor für Teilchenphysik (Cern) nimmt die Arbeit auf.

Seit Jahrzehnten suchen Physiker nach dem Higgs-Boson. Dieses Teilchen Gottes, das die Schwerkraft verursacht, gibt es bislang nur in der Simulation.
Seit Jahrzehnten suchen Physiker nach dem Higgs-Boson. Dieses "Teilchen Gottes", das die Schwerkraft verursacht, gibt es bislang nur in der Simulation.
Foto: Cern

Der neue Teilchenbeschleuniger wird Teilchen in fast Lichtgeschwindigkeit (99,9999991 Prozent) auf eine 27 Kilometer lange Strecke schicken können. An vier Stellen dieser Strecke stoßen die Teilchen so aufeinander, dass die Produkte dieser Zusammenstöße - hoffentlich - registrier- und messbar sein werden.

Man wird bei einer Proton-Proton-Kollision eine Energie freisetzen, die 14 Mal größer ist als die eines fliegenden Moskito, aber das auf nur einem Trillionstel Teil des Raumes. Die Ergebnisse dieser Zusammenstöße werden die Physik und damit unser Weltbild revolutionieren.

Mit dem neuen Beschleuniger werden im Kleinen Bedingungen geschaffen, die denen aus der Entstehungsphase des Universums so weit ähneln sollten, dass Rückschlüsse auf die Zustände damals möglich sein werden. Man erhofft sich Aufklärung über die Frage, was Masse ist, warum wir nur über fünf Prozent der Materie halbwegs Bescheid wissen, warum nur weitere 25 Prozent dunkle Materie ist und wieso wir so gar nichts wissen über die 70 restlichen Prozent, die wir hilflos "dunkle Energie" nennen. Wir hoffen auch dahinter zu kommen, ob wir nur in einem Universum einer womöglich multiversen Welt leben. Die Suche nach dem Graviton wird dabei eine Rolle spielen.

Vielleicht wird man schon nach den ersten Experimenten, also vielleicht schon Ende nächsten Jahres oder in zwei, drei Jahren - je nachdem, wann der Teilchenbeschleuniger so weit in Gang gekommen ist, dass er seine ersten Aufgaben angehen kann -, dahinter kommen, ob die Theorie der Supersymmetrie stimmt, derzufolge jedes Teilchen im Universum sein Zwillingsteilchen hat.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt blicken zum Cern. Wir alle tun es. Wir tun es in der Gewissheit, Zeugen von noch nie dagewesenen Vorgängen zu sein. Die schöne Welt, in der wir es uns innerhalb von Milliarden von Jahren gemütlich gemacht haben, droht zu bersten. Sie wird zu Fall gebracht nicht mehr allein von mathematischen Modellen, eleganten Formeln, sondern durch die Kraft der Experimente. Wir sind dabei, wenn Gedanken zur Tat werden.

Über den Anfang der Welt lässt sich nur spekulieren, hatte man uns in der Schule erzählt, dann hörten wir davon, dass sich berechnen ließe, wie die Zustände damals gewesen sein müssten. Jetzt sind wir dabei, diese Zustände im Modell nachzubauen. Wie wir im Physikunterricht Funkenentladungen erzeugten, um uns über den Blitz klar zu werden.

In den Tunneln unter der Erde bei Genf - einem Ort, der bei der Verständigung darüber, was die Moderne sei, seit Calvin über Rousseau bis Tariq Ramadan immer wieder eine zentrale Rolle gespielt hat -, wird in den kommenden Jahren der Frage nachgegangen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Es ist in den vergangenen Jahrzehnten viel über das Faustische gedacht, geschrieben und geraunt worden. Die Vorstellung, der Mensch könne dahinter kommen, wie die Welt aufgebaut sei, wurde immer wieder als Größenwahn, als Vermessenheit, ja Gotteslästerung bezeichnet. Das Streben nach Wissen wurde und wird immer wieder in die Nähe der Sünde gerückt. Die Idee gar, dass Wissen und Machen eng zusammenhängen, dass sie einander bedingen, dass wir erst dann wissen wie etwas funktioniert, wenn wir in der Lage sind, es herzustellen, wird auch in aufgeklärten Kreisen gerne als Ansicht einer borniert instrumentellen Vernunft gegeißelt.

Die Forschungen, die jetzt am Cern aufgenommen werden, machen uns klar, dass es keine Aufklärung gibt ohne die gegenseitige Durchdringung von Reflexion und Experiment, von Denken und Tun. Nicht allein in Gott - wie uns fromme Denker nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg klarmachen wollten - kommt beides zusammen. Sondern der Mensch selbst ist es, der erst handelnd sich selbst begreift. Das ist von Dichtern und Denkern über die Jahrhunderte mit großen Begriffen hin und her bewegt worden. Wer sich das Vergnügen gönnt und sich durch das Cern führen lässt von Wissenschaftlern, die nicht nur verstehen, was dort betrieben wird, sondern auch in der Lage sind, es Otto Normalverbraucher nicht halbwegs, aber doch ein wenig verständlich zu machen, der gewinnt noch eine andere ebenso wichtige Erkenntnis.

Hannah Arendt schrieb angesichts des Massenmörders Adolf Eichmann von der "Banalität des Bösen". Wer sich ein wenig hineinführen lässt, in die Welt der Teilchenbeschleuniger, der Antimaterie, der Umwandlung von Materie in Energie, der wird nicht aufhören, die Intelligenz, die Scharfsinnigkeit und den Denkmut der Wissenschaftler zu bewundern, aber er begreift auch, wie falsch die Mythologisierungen dieser Welthaltung sind. Es gibt auch die Banalität des Faustischen.

Ja, wer wirklich begreifen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, der muss einen Apparat organisieren, eine Bürokratie erschaffen, seine großen Fragen in kleine überprüfbare verwandeln. Da ist kein Platz mehr für den Übermenschen, die Gottmaschine und andere uns Schauder über die Rücken treibenden Phantasien. Herauszufinden, was kurz nach dem Urknall passierte, ist nicht mehr Sache einsamer Genies, sondern die von Zehntausenden über ihre Computer gebeugten Wissenschaftlern, normal science also. Faust ist Dr. Wagner geworden.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  9 | 9 | 2008
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