"Die Banker haben unser Geld verzockt", heißt es jetzt nicht nur auf der Straße, sondern auch in Talkshows und Politikerreden. Ist es wirklich so einfach?
Natürlich ist es intellektuell verführerischer, das Finanzsystem und nicht konkrete Personen verantwortlich zu machen. Doch auch das wäre nur die halbe Wahrheit. Ein solches System wird ja von Akteuren geschaffen, die darin ihre Interessen und Begierden investieren. Die berüchtigten Boni-Zahlungen sind ja kein anonymer Systemeffekt des Finanzmarktes gewesen, sondern wurden von den Vorständen gezielt eingesetzt und gefordert. Aber die Banker haben an dem Finanzmarkt, der jetzt zusammengebrochen ist, nicht nur kräftig verdient. Mindestens ebenso wichtig war, dass er ihnen gesellschaftliche Bedeutung gegeben hat. Sie waren die "masters of the universe". Auch wenn das vermessen und eine Selbsttäuschung war, durften sie sich zumindest so fühlen.
Die Banker galten bislang als distinguierte und zurückhaltende Elite, die habituell die Rolle des Adels einzunehmen schien. Josef Ackermann dürfte diese Rolle künftig schwer fallen. Ist es an der Zeit, unser Verständnis von Eliten zu korrigieren?
Haben wir denn wirklich jemals so an die moderne Geldelite geglaubt wie einst die unteren Stände an das Vorrecht der vornehmen Geburt? In Zeiten, in denen Balzac über Finanzkrisen seine Romane schrieb, haben sich Bankiers bei einem Bankrott am besten erschossen. Bisher jedenfalls habe ich noch kein Blut gesehen. Auch Hilmar Kopper, der sich stets angestrengt hat, unnahbar zu erscheinen, fiel seinerzeit schwer aus der Rolle, als er die 50 Millionen, die Immobilien-Pleitier Jürgen Schneider hinterließ, als Peanuts bezeichnet hat. Nein, wo der Banker von heute sich aristokratisch gibt, führt er ein Schauspiel auf, für das er sich eine Rolle ausgedacht hat. Und wenn Josef Ackermann schon von der Scham spricht, in der Krise Geld vom Staat anzunehmen, dann würden wir jetzt gern auch ein paar Demutsgesten sehen.
Der Ruf nach dem Staat und einer stärkeren Kontrolle des Marktes favorisiert egalitaristische Prinzipien. Bisweilen ist auch von der Rückkehr alter Werte die Rede. Was bedeutet das für den politischen und gesellschaftlichen Alltag?
Ich glaube, dass alt oder neu für die Frage der Werte keine hilfreichen Kategorien sind. Überhaupt enthält die öffentliche Rede von der Rückkehr zu den Werten die ungewollte Unterstellung, dass sich der enthemmte Marktkapitalismus selbst als ganz und gar a-moralisch verstanden hätte. Das ist überhaupt nicht der Fall. Vielmehr ist der Öffentlichkeit mehr als ein Jahrzehnt lang der Wert der Selbstverantwortung als moralisches Curriculum verordnet worden. Wir sollten deshalb nicht mehr tun, als die Finanzeliten jetzt an jene Werte zu erinnern, die sie selbst propagiert haben.
Die Diskussion über die Finanzkrise wird stark von Emotionen und Ressentiments begleitet. Handelt es sich dabei um notwendige Stimulantien oder müsste schleunigst entgiftet werden?
Aber die Emotionen sind es doch gerade, die am Ende entgiften. Sollten wir den Finanzeliten wirklich wünschen, dass das Volk ganz emotionslos mit ihnen verfährt? Ohne die affektive Abfuhr, die Gefühle wie Schadenfreude oder Rachsucht gewähren, würde die Stellung der Banker und des Finanzmanagements politisch viel schwerer noch zu behaupten sein. Im Übrigen beschleicht die meisten Leute ja eher die Angst, dass mit den Finanzmärkten auch der Wohlstand und die gesellschaftliche Stabilität zusammenbrechen könnten. Darauf mit der Haltung zu reagieren, dass man sich nicht so anstellen soll, verkennt, wie zerbrechlich der Glaube an die politische und wirtschaftliche Ordnung doch in vielen Sozialschichten ist.
Auch in anderen Gesellschaftsbereichen - siehe das Beispiel Löw/Ballack im Fußball - scheint das Leistungsprinzip neu ausgehandelt zu werden. Gibt es einen allgemein anerkannten Leistungsbegriff und lässt sich ohne weiteres ein anderer etablieren?
Wenn Jogi Löw davon spricht, dass auch in der Nationalelf das Leistungsprinzip gilt, meint er offenbar, dass für eine Nominierung nur die aktuelle "performance" gilt. Zurückliegende Verdienste sollen dafür nicht reichen. Das würden normale Arbeitnehmer heute auch nicht anders berichten. Gleichwohl liegt in diesem ergebnisorientierten Leistungsbegriff für ein Team auch ein Risiko begründet, weil Leistung hier ganz individualistisch verstanden wird. Für guten Fußball braucht's aber auch eine eingespielte Mannschaft. Nur hervorragende Einzelkönner geben noch kein erfolgreiches Spiel. Das heißt jetzt aber nicht, dass Thorsten Frings unbedingt aufgestellt werden sollte!
Lässt sich aus dem gegenwärtigen Fußballtheater denn etwas lernen?
Am weitesten vorn, was das moderne Management von Leistung betrifft, ist in Deutschland natürlich Bayern München. Dort organisiert man den Leistungswettbewerb so, dass man einzelne Positionen mehrfach mit Klassespielern besetzt, um einen internen Wettbewerb anzuheizen. Auch das sieht dann so aus, als ob es gar keinen besseren Weg gäbe, aus dem Einzelnen alles herauszuholen. Aber Vorsicht - das Leistungsprinzip soll ja, wie die Soziologen sagen, eine Motivationsfunktion haben. Wer aber solche k.o.-Wettbewerbe organisiert, demotiviert die Zweitbesten. Die müssen sich wie Versager vorkommen, obgleich sie überall sonst klasse Spiele abliefern würden. Bei Lukas Podolski ist das ganz klar zu erkennen. Überdies brauchen wir die Bundesliga ja nicht nur vom Blickwinkel der am Ende siegreichen Mannschaft aus betrachten, sondern auch als ein kollektives Gut, das für viele interessant ist und für das wir alle bezahlen. Um wie viel spannender wäre es, wenn Podolski sich als Stürmer einer gegnerischen Mannschaft mit Luca Toni messen würde anstatt hinter ihm auf der Auswechselbank zu sitzen!
Also lassen sich die Krisenphänomene auch am Sport beobachten?
In der Sozialwissenschaft werden solche k.o.-Wettbewerbe mit so genannten winner-take-all-Märkten in Verbindung gebracht, bei denen die Erstplatzierten alles, die anderen gar nichts bekommen, egal, wie gut sie ansonsten sind. Auch die Finanzmärkte haben die Gewinne in extremer Weise zu den erfolgreichsten Spekulanten fließen lassen, während der Rest abgehängt wurde. Das hat dann jene Überbietungsstrategien aufblühen lassen, durch die jene Blasen immer wieder aufs Neue erzeugt worden sind, die in den letzten Wochen zerplatzten.
Interview: Harry Nutt
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