Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Doku & Debatte
Reformen und Revolutionen. Diskutieren Sie mit uns

11. September 2007

Stammzellgesetz behutsam ändern

 Von RENé RÖSPEL
Warnt vor einer neuen Grundsatzdebatte über die Forschung an embryonalen Stammzellen: SPD-Politiker René Röspel.  Foto: Bundestag

Der SPD-Politiker René Röspel warnt vor einer neuen Grundsatzdebatte über die Forschung an embryonalen Stammzellen - und plädiert für eine sanfte Lockerung der Vorschriften.

Drucken per Mail
Der Autor

René Röspel (43) ist Diplom-Biologe und seit 1998 SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag.

Seit November 2005 ist er der stellvertretende Sprecher der Arbeitsgruppe "Bildung und Forschung" der SPD-Bundestagsfraktion.

Seit 2007 ist er Mitglied im Parlamentarischen Beirat des Deutschen Bundestages zu Fragen der Ethik, insbesondere in den Lebenswissenschaften.

Mit ihrer Stellungnahme vom November 2006 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine neue Debatte über die Rahmenbedingungen für die Stammzellforschung in Deutschland entfacht. Bis heute dürfen nur - aus menschlichen Embryonen hergestellte - Stammzelllinien, die vor dem 1. Januar 2002 etabliert wurden, für hochrangige Forschungszwecke importiert werden. Die Herstellung von Stammzelllinien in Deutschland ist durch das Embryonenschutzgesetz verboten.

Nun plädieren sowohl die DFG, als auch der Nationale Ethikrat für eine Änderung oder Abschaffung dieser Stichtagsregelung. Die katholische Kirche hingegen spricht sich vehement gegen jede Änderung des Gesetzes aus. Zwischen diesen beiden Polen liegt der Vorschlag, den Stichtag des Stammzellgesetzes einmalig auf den 1. Mai 2007 zu verschieben. Die Wissenschaft erhielte so Zugriff auf über 500 Zelllinien.

Im Herbst wird der Bundestag über eine Veränderung des Stammzellgesetzes zu entscheiden haben. Eine Verschiebung des Stichtages erscheint derzeit als wahrscheinlichster Ausgang der Beratungen. Dafür gibt es gute Gründe: Anfang 2002 standen noch rund 80 in Zellkultur im Labor vermehrbare, humane embryonale Zelllinien für die deutsche Grundlagenforschung zur Verfügung. Heute kann sie nur noch auf 20 Linien zugreifen. Angesichts dieser Entwicklung ist absehbar, dass die Forschung an embryonalen Stammzelllinien in Deutschland aus praktischen Gründen in naher Zukunft unmöglich wird. Ausschließlich dieses quantitative Argument hat mich bewogen, für die Verschiebung des Stichtages zu plädieren.

Auf qualitativen Argumenten aufbauende Änderungsvorschläge sind weniger überzeugend. Etwa der, dass die vor dem 1. Januar 2002 etablierten Zelllinien für eine therapeutische Anwendung nicht infrage kommen, da inzwischen die Kultivierungsbedingungen für Stammzellen optimiert wurden und die "alten Zellen" epigenetische Veränderungen aufweisen. Heutzutage ist völlig unklar, ob es jemals eine Therapie mit embryonalen Stammzellen geben wird. Erst im Juli 2007 hat die Firma "Embryonic Stem Cell" in Singapur die Entwicklung von embryonalen Stammzelltherapien aufgegeben, da die Erfolgsaussichten "verschwindend gering" seien, in absehbarer Zeit anwendbare Zelltherapien zu entwickeln.

Wir sollten uns in der Debatte über embryonale Stammzellen ehrlicherweise von der Hoffnung verabschieden, in naher Zukunft die Einführung klinisch anwendbarer Zellprodukte erleben zu können. Dies ändert aber nichts an dem Erfordernis, die Grundlagenforschung auch mit embryonalen Stammzellen in Deutschland in engen Grenzen zu ermöglichen.

Dem Argument, die Behinderungen seien für die Wissenschaft noch nicht schwerwiegend genug, um eine Änderung des Stammzellgesetzes zu rechtfertigen, widersprechen viele Juristen. Sie sind der Auffassung, das Stammzellgesetz rücke durch den Rückgang verfügbarer Zellen in die Nähe der Verfassungswidrigkeit, weil es fast einem Forschungsverbot gleichkommt. Angesichts dieser Bewertung steht die Forschungspolitik in der Verantwortung, über eine Gesetzesänderung nachzudenken. Natürlich muss man nicht jedem Wunsch der Wissenschaft nach liberaleren Rahmenbedingungen nachgeben. Zu einer verantwortungsvollen und zukunftsgerichteten Forschungspolitik gehört aber auch, gegenüber Möglichkeiten, Forschungsbedingungen zu verbessern, offen zu sein. Nur so bleibt die gesellschaftliche Akzeptanz für Gesetzgebung gewahrt.

Die Alternative zu einer einmaligen Verschiebung des Stichtages im Stammzellgesetz wäre eine erneute Grundsatzdebatte über die Stammzellforschung und den Embryonenschutz in Deutschland. Der Preis einer solch tiefschürfenden Debatte wäre die Aufgabe des geltenden Stammzellkompromisses und das Aufreißen zugeschütteter Gräben. Es sollte nicht vergessen werden, dass dieser Kompromiss die gesellschaftliche und politische Debatte auf Jahre befriedet hat. Gleichzeitig hat der Kompromiss der Wissenschaft den nötigen Freiraum gegeben, um Grundlagenforschung mit embryonalen Stammzellen zu betreiben.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Allerdings muss die Förderung der Forschung mit adulten Stammzellen weiterhin erste Priorität haben. Hier kann die Wissenschaft seit Jahren klinische und sogar therapeutische Erfolge vorweisen. Daher sollten wir ergänzend zur Änderung des Stammzellgesetzes die Förderung der Forschung an und mit adulten Stammzellen forcieren. Gerne wird vergessen zu erwähnen, dass Deutschland in diesem Forschungsfeld bereits mit an der internationalen Spitze liegt. Diese Position sollten wir verteidigen und ausbauen. Gleichzeitig wird die Änderung des Stammzellgesetzes dazu beitragen, dass nun auch die seit langem versprochenen neuen Erkenntnisse mit embryonalen Zellen gewonnen werden, die auch die Forschung mit adulten Zellen befördern können.

Eine Verschiebung des Stichtags auf den 1. Mai 2007 wird den Kompromiss von 2001/2002 vor dem Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen fortschreiben. Das Embryonenschutzgesetz mit seinem hohen Schutzniveau wird dadurch ebenso wenig gefährdet wie das Paradigma des Stammzellgesetzes, welches lautet: "Für deutsche Forschung soll kein Embryo zerstört werden."

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Spezial

Das Land Hessen entlässt seine besten Beamten, erklärt erfolgreiche Steuerfahnder für verrückt. Was steckt dahinter?

Spezial

Verteidigt Deutschland tatsächlich seine Sicherheit am Hindukusch? Und ist die Mission ihre tödlichen Folgen wirklich wert?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Anzeige

Meinung

Klare Worte - die Meinungsseiten der FR.

Spezial

Überwachung durch den Staat, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.