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07. März 2007

Über den Holocaust müssen alle Bescheid wissen

 Von Wolfgang Benz
 Foto: TU Berlin

Es kommt immer wieder vor, dass sich Kinder aus arabischen oder türkischen Elternhäusern weigern, am deutschen Geschichtsunterricht über die Vernichtung der Juden teilzunehmen. Als Grund geben sie an, durch die israelische Politik in ihren eigenen Gefühlen verletzt zu sein. Der Weigerung nachzugeben ist gefährlich.

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Der Autor

Wolfgang Benz leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Uni- versität Berlin und ist dort auch seit 1990 Professor.

Der Historiker ist Mitbegründer und Herausgeber der "Dachauer Hefte". Von 1969 bis 1990 war er Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. 1992 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis. Er ist Autor vieler Bücher.

Der dokumentierte Text ist ein Auszug aus dem Vortrag "Antisemitismus und Holocaustleugnung in Deutschland und Europa. Aktuelle Befunde und Gegen- strategien". Benz hielt ihn Ende 2006 auf der Konferenz "Der Holocaust im transnationalen Gedächtnis", veranstaltet von der Bundeszentrale für Politische Bildung und dem Zentrum für Antisemitismusforschung.

Der Alltagsantisemitismus in unserer Gesellschaft beruht auf dem stillschweigenden Einverständnis der Mehrheit über die Minderheit. Man muss, da über Chiffren kommuniziert wird, nichts aussprechen, sondern man kann mit Andeutungen operieren: "Diese Leute, na, Sie wissen schon." Damit ist der Konsens hergestellt und man bleibt auf jeden Fall scheinbar innerhalb der Bereiche der politischen Kultur, wenn man Klartext vermeidet.

Antisemitismus ist kein Reflex auf das Verhalten oder auf Handlungen von Juden, das betone ich immer wieder. Trotzdem aber ist die Abneigung gegen Juden ritualisiert und operiert mit diesem Vorwurf, die Juden seien schuld, dass man sich ihnen gegenüber so verhalte. Man ermahnt die Juden auch gern: Sie sollen doch still und freundlich sein, sich nicht auffällig verhalten, nichts kommentieren, was in der Gesellschaft passiert, denn das würde den Antisemitismus wecken.

Ort der kollektiven Erinnerung: Gedenkstätte für das einstige KZ Sachsenhausen in Oranienburg.
Ort der kollektiven Erinnerung: Gedenkstätte für das einstige KZ Sachsenhausen in Oranienburg.
 Foto: dpa

Die alltäglichen Manifestationen von Judenfeindschaft sind Friedhofschändungen, Propagandadelikte, bei denen die immer gleichen Stereotypen eingesetzt werden. Eine Manifestation ist auch die Verständigung der Mehrheit, sei es am Arbeitsplatz, in der Schule, im Straßenverkehr darüber, dass Juden auf eine unangenehme Art anders sind als Nichtjuden.

Ein im Vormarsch befindliches Mittel ist die Trivialisierung der Stigmatisierung von Juden. "Jude" wird in vielen Zusammenhängen immer mehr ein alltägliches Schimpfwort, ähnlich wie "Opfer". "Opfer" ist unter Schülern ein böse gemeintes Verdikt. Der Schiedsrichter beim Fußballspiel, dessen Entscheidung missbilligt wird, wird seit einiger Zeit mit steigender Tendenz als "Jude" bezeichnet, das soll ihn brandmarken, darüber soll er sich kränken.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Israelfeindschaft, die etwas anderes ist als die Kritik an der israelischen Regierung für bestimmte politische Handlungen oder Einstellungen. Israelfeindschaft unter dem Schlagwort Antizionismus dient in unserer Gesellschaft nun seit einiger Zeit als Ventil für Gefühle, die zu Recht durch die Regeln unserer politischen Kultur sanktioniert sind, die nicht offen artikuliert werden können, aber unter dem Deckmantel der Israelfeindschaft, die sich als Israelkritik tarnt, wie man aber unschwer erkennen kann, eigentlich immer die Gesamtheit der Juden meint. Es läuft immer sehr schnell auf "Charaktereigenschaften" und generalisiertes Verhalten "der Juden" hinaus. Das scheint manchen wohl immer mehr ein Ausweg aus dem Gehege gesellschaftlich gebotenen Verhaltens zu sein.

Die Nutzanwendung von Erkenntnissen der Antisemitismus- und Holocaustforschung ist sicherlich das schwierigste Feld, das am meisten nachgefragt wird, das den Wissenschaftler, der sich als Forscher mit diesen Phänomenen beschäftigt, besonders oft ratlos macht.

Welche unmittelbaren Konsequenzen müssen aus historischem Wissen, also aus der Kenntnis der Ereignisse des Holocaust erfolgen? Hier ist die deutsche Gesellschaft als Gesellschaft eines Einwandererlandes besonders gefragt. (…) Denn in der Zuwanderergesellschaft gibt es eine Art Erinnerungskonkurrenz.


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Der in Deutschland geborene junge Mann tschechischer Abkunft hat in der Schule Mühe, seine Emotionen angesichts des Lehrstoffs "Flucht und Vertreibung" zu ordnen, denn seine Großmutter spricht nur Tschechisch, hat "die Deutschen" als brutale Okkupationsmacht in Erinnerung und hat Probleme, die Tatsache zu verarbeiten, dass ihre Kinder nach Deutschland ausgewandert sind. Ähnlich ergeht es einer jungen Frau, deren Eltern aus Polen zugewandert sind und die trotz erfolgter Integration in die deutsche Gesellschaft natürlich noch enge Bindungen an die frühere Heimat haben.

Wie stark müssen sie sich jetzt als Einwanderer in die Tradition der Nation, der sie nun angehören, einbringen? Das ist eine der spannenden Fragen, die uns insbesondere auf dem Bildungssektor beschäftigen müssen.

Das Verständnis und die Aneignung deutscher Geschichte, wie sie über den Schulunterricht erfolgt oder erfolgen sollte, muss nicht zwangsläufig als Identitätskonflikt dargestellt werden, aber es lässt sich unschwer ausrechnen, dass häufig der Verzicht auf die Beschäftigung mit historischen Themen und den daraus erwachsenden moralischen Postulaten als Ausweg gesucht wird. Das gilt auch, und zwar in ungleich stärkerem Maße, für Zuwanderer aus ferneren Kulturen.

Politische, kulturelle und religiöse Positionen, die die Emotionen im Haushalt der Zuwanderer aus der islamischen Welt bestimmen, sind durch kognitive Einwirkung - durch Schulunterricht, durch den Besuch von Gedenkstätten, durch Projektarbeit - in der Regel nicht leicht zu verändern. Der Druck des Elternhauses, der die Loyalitäten und damit die Aufnahmebereitschaft für Informationen bestimmt, macht sich etwa an Berliner Schulen bemerkbar, wenn Schüler sich unter Berufung auf Emotionen und Loyalitäten weigern, am Unterricht teilzunehmen, wenn der Holocaust und generell das Schicksal der Juden Gegenstand des Lernens ist. Israelfeindschaft und unbedingte Parteinahme für die Sache der Gegner der Juden sind Anlass einer Verweigerung, die mit der Festigung von Vorurteilen und Feindbildern einhergeht.

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