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Ulrich Beck: Handeln im Zustand des Nicht-Wissens

Ulrich Beck, Theoretiker der Risikogesellschaft, über die Wendehälse der Finanzkrise und die Bedeutung Europas.

Ulrich Beck lehrt Soziologie an der Münchner Universität und der London School of Economics and Political Science.
Ulrich Beck lehrt Soziologie an der Münchner Universität und der London School of Economics and Political Science.
Foto: dpa

Sie haben in Ihren Büchern "Weltrisikogesellschaft" und "Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter" mit dem wegweisenden Untertitel " Neue weltpolitische Ökonomie" auf den prekären Charakter unseres Finanzsystems hingewiesen und eine transnationale Regulierungsperspektive entworfen. Aber hat der Cheftheoretiker der Risikogesellschaft mit dem gerechnet, was jetzt eingetreten ist?

Im ersten Buch vergleiche ich drei globale Risiken: Klimawandel, Terrorismus, Finanzsystem im Hinblick auf ihre historische Veränderungsmacht. Allerdings muss ich sagen, dass vieles von dem, das jetzt im Realkabarett der Weltwirtschaft und Weltpolitik stattfindet, weit über das hinaus geht, das mir im Studierzimmer eingefallen ist.

Haben Sie spekuliert und von Ihrer Voraussicht profitiert?

Nein. Ich bin in Finanzdingen total risikoscheu, denke beamtenförmig. Allerdings, wenn es den festverzinslichen Staatspapieren an den Kragen geht, dann sitze auch ich in der Patsche.

Aber wird diese Finanzkrise nicht sicher auch die Nationalstaaten in Bedrängnis bringen?

Alle drei Krisen sind vom Nationalstaat nicht zu bewältigen. An der Finanzkrise erkennen wir allerdings die revolutionäre Macht der Verhältnisse. Über Nacht gilt das Grundprinzip des Westens nichts mehr: die freie Marktwirtschaft. Eben noch hatten wir die Welt durch deren ungezügelte Entfaltung retten wollen. Gerade die, die bisher jede Staatsintervention vehement abgelehnt haben, sind zu Konvertiten geworden. In den Parteien sind die Politiker dabei, sich aus Neoliberalen in wenigstens punktuelle Staatssozialisten zu verwandeln. Sie stellen bisher undenkbare Summen aus dem Staatshaushalt zur Verfügung. Viele der Vertreter des angelsächsischen Laisser-faire-Kapitalismus sind auf dem besten Wege, zu Befürwortern des chinesischen kapitalistischen Staatsdirigismus zu werden. Alles steht Kopf! Das ist die List der Geschichte, die sich in der Weltrisikogesellschaft Bahn bricht.

Zwischen Neoliberalismus und chinesischem Staatskapitalismus hat die Soziale Marktwirtschaft keine Chance?

In der Wahrnehmung der Bundesrepublik war die Soziale Marktwirtschaft doch nur eine winzige Variante im kapitalistischen System. Gerade in den letzten Jahren wurde in Deutschland das Soziale ja aus der Marktwirtschaft eher abgetrieben. Außerdem ist es ein rein nationalstaatliches Modell. Auf die globale Situation ist es null eingerichtet. Was jetzt kommt, ist ein Sozialstaat für das Finanzkapital. Im deutschen Wahlkampf wird das nächstes Jahr sicher eine wichtige Rolle spielen. Auf der einen Seite wird ein Spendiersozialismus für die Reichen, für Wirtschaft und Finanzen errichtet. Auf der anderen Seite aber wird für die Arbeitnehmer die Ideologie eines nackten Neoliberalismus bereit gehalten. Die Liberalisierung der Märkte aber wird weiter gegen die Hartz-IV-Empfänger exekutiert werden. Die himmelschreienden Widersprüche, in die sich Politiker aller Parteien verwickeln, machen wir uns noch nicht klar. Wenn die Ideologie vom Markt, der alles richten wird, gescheitert ist, dann ist eine Fülle der Reformen der letzten Jahre gescheitert. Auch zum Beispiel die Hochschulreform. Die Privatisierung weiter Bereiche wird unsere Infrastruktur, die Grundlage unseres Reichtums gefährden.

Sie lachen. Ist das Wut, ist das Hilflosigkeit?

Ja, das ist es. Aber es ist auch die strukturelle Ironie der Verhältnisse. Das hat doch Komik, dass gerade der grenzenlose Erfolg des Finanzkapitalismus ihn in die Krise treibt. Wie erklärt sich das Umsturzpotential der Verhältnisse, zumal doch die meisten wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Ansätze von einer weitgehend krisenfreien Stabilität und Expansion der westlichen Moderne und ihres Wirtschaftssystems ausgehen? Die Praktiker, Ackermann zum Beispiel, sprechen von einem systemischen Risiko. Das lässt den Soziologen aufhorchen. Es geht in seinen Augen weniger um die in den letzten Wochen viel kommentierten, auch durchaus vorhandenen individual- und sozialpsychologischen Faktoren, also etwa die viel skandalierte Gier, sondern um die Tatsache, dass gerade die freigesetzte, entgrenzte, von nationalstaatlichen Vorschriften befreite Marktwirtschaft ihr eigenes System in eine Existenzkrise treibt.

Haben wir die schon?

Nein. Risikosoziologisch betrachtet geht es ja immer um Antizipation. Risiko meint nicht Katastrophe. Risiko ist die Vorwegnahme der Katastrophe in der Gegenwart, um das Schlimmste, das ja auf keinen Fall eintreten darf, zu verhindern. Also Inszenierung tut Not. Wir überzeichnen die Lage, vergleichen sie mit dem Crash von 1929 und der ihm folgenden Depression der 30er Jahre. Wir malen dieses Gespenst an die Wand, um die Kräfte zu mobilisieren, es an seinem Eintritt in die reale Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts zu hindern. So entsteht ungewollt ein Quantensprung der Politik vom nationalen zum transnationalen Paradigma. Die die bisherige Weltsicht tragende Unterscheidung von national und international wird aufgelöst und wenigstens augenblicksweise abgelöst von einer Weltinnenpolitik, in der die globalen Regelsysteme der Macht zwischen Weltwirtschaft und Staat in Fluss geraten und neu ausgehandelt werden müssen. Bei uns schlägt sich das darin nieder, dass plötzlich Dinge getan werden, die noch kurz zuvor unvorstellbar waren. Innerhalb weniger Tage garantiert die Bundesrepublik Deutschland plötzlich für 500 Milliarden Euro. Eine Billion DM. Das geht ruckzuck durch alle parlamentarischen Instanzen. Unfassbar. Die antizipierte Katastrophe entwertet die bisherigen ehernen Selbstverständlichkeiten und gibt den Politikern die Chance, vom gierigen Schurken zum Weltretter zu werden.

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Datum:  5 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
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