Wenn Reyna Diaz den Hahn in ihrer kleinen Küche aufdreht, hört sie oft nur ein leises Zischen. Mehr als warme Luft kommt über viele Wochen im Jahr nicht aus den Wasserhähnen in ihrer Wohnung. "Manchmal fließt zwar ein bisschen Wasser", sagt die 54-Jährige, "aber dann ist es meistens rot wie Rost."
Reyna Diaz lebt mit Mann, zwei Kindern und zwei Hunden in einem schuhkartongroßen Häuschen in Iztapalapa. Der Stadtteil von Mexiko-Stadt hat knapp 1,8 Millionen Einwohner, so viele wie Hamburg. Iztapalapa ist das Quartier der Arbeitslosen und Gelegenheitsjobber. Sie hausen dicht gedrängt in schmalen, geduckten Häusern, die in engen Gassen liegen. Das Viertel vergrößert sich rasend schnell, die Infrastruktur aber wächst nicht mit. Vor allem bei der Trinkwasserversorgung hapert es: Viele Leitungen lecken, Pumpen fallen aus, die Qualität des Wassers ist schlecht, wenn es denn überhaupt fließt.
Die Weltausstellung 2008 im spanischen Saragossa steht unter dem Motto "Wasser und nachhaltige Entwicklung". 105 Länder und 200 Nichtregierungsorganisationen beteiligen sich an der Expo, der ersten in Europa nach der im Jahr 2000 in Hannover. Bis zum 14. September erwarten die Organisatoren vier Millionen Besucher.
Die International Water Week in Singapur ist einerseits eine Firmenmesse, andererseits eine Konferenz für Wassermanagement mit dem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Die Veranstaltung, die am Montag eröffnet wurde und bis Freitag dauert, findet zum ersten Mal statt. Zur World Water Week, einem Symposium, wird seit 1991 nach Stockholm geladen. Die diesjährige Auflage im August ist "Für eine saubere und gesunde Welt" betitelt.
In vielen Haushalten in Iztapalapa kommt oft wochenlang überhaupt kein Wasser aus dem Hahn. In den trockenen und heißen Sommermonaten zwischen Februar und Mai liefert die Stadtregierung täglich in Tankwagen bis zu 3,5 Millionen Liter Wasser. Kinder schleppen die gefüllten Eimer nach Hause, tragen sie in die Schule oder zu Verwandten.
Auch Familienvater Fermín Botello, Nachbar von Reyna Diaz, hat in der Trockenzeit bestenfalls jeden dritten oder vierten Tag fließend Wasser. Also muss die Familie es rationieren oder auch recyceln. "Erst duschen wir, dann nehmen wir das gleiche Wasser zum Saubermachen oder für die Toilettenspülung", sagt Botello.
Der Stausee liegt weit weg
Iztapalapa ist in den vergangenen Jahren zum Synonym für die Wasserprobleme der Megalopolis geworden. Im Großraum Mexiko-Stadt leben knapp 22 Millionen Menschen; die Stadt ist damit die größte Lateinamerikas und die zweitgrößte der Welt. Bei so vielen Einwohnern stoßen Stadtverwaltungen überall auf der Welt an ihre Grenzen. Besonders prekär wird die Lage in einem Schwellenland wie Mexiko, in dem die Infrastruktur ohnehin mangelhaft und die Kommunalverwaltung ineffizient ist. Die mexikanische Hauptstadt liegt zudem fernab jeden Gewässers auf einer Hochebene auf 2200 Meter. Eine derart gigantische Stadt dauerhaft und umweltverträglich mit Wasser zu versorgen ist nach Ansicht von Experten unmöglich.
Jeder fünfte Mexikaner lebt in der Hauptstadt. 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas werden hier erwirtschaftet. Pro Jahr steigt die Bevölkerung in Groß-Mexiko-Stadt um 1,8 Prozent. 6,1 Milliarden Liter Wasser werden Tag für Tag verbraucht.
Zwei Drittel des Wassers werden von mehr als 2000 Pumpen, die übers ganze Stadtgebiet verteilt sind, aus dem Boden gefördert. Bis zu 250 Meter tief reichen manche Brunnen schon. Das restliche Drittel des Wassers stammt aus dem Stausystem Cutzamala, das 150 Kilometer entfernt liegt.
"In zehn Jahren spätestens werden wir die Stadt nicht mehr so versorgen können, wie wir es jetzt tun", sagt Efrén Villalón von der Nationalen Wasserkommission Conagua. Er sitzt an einem großen Mahagoni-Tisch in seinem geräumigen Büro und lässt Wasser aus Karaffen reichen. Vielleicht dauere es aber auch nur noch fünf Jahre, sagt der Conagua-Direktor, jedenfalls legt er sich fest: "Wenn wir so weitermachen, wird die Stadt eines Tages nicht mehr bewohnbar sein. Irgendwann sind die Quellen versiegt, oder die Stadt fällt in sich zusammen."
Mit jedem Liter, der aus dem Boden geholt wird, gräbt sich die Stadt buchstäblich selbst das Wasser ab, sagt auch Adolfo Tolson, Geologe an der Nationalen Universität UNAM. Im 20. Jahrhundert ist die Megalopolis um neun Meter abgesackt. Vor allem das alte Stadtzentrum - an dieser Stelle gründeten die Azteken 1370 auf dem sumpfigen Texcoco-See die Siedlung Tenochtitlán, den Vorläufer Mexiko-Stadts - ist besonders gefährdet. Hier ist der Grund nicht mehr lehmig-feucht, sondern durch die Jahrzehnte des Wasserraubbaus trocken und porös.
Risse im Gemäuer, schiefe Kirchtürme, versinkende Häuser sind ein gewohntes Bild in der Altstadt. Die Kathedrale am Hauptplatz Zócalo, ein Wahrzeichen der Stadt, scheint regelrecht im Boden zu versinken. Seit vielen Jahren wird die Kirche durch eine Art unterirdisches Stützkorsett vor dem Zusammenbruch bewahrt.
Als die spanischen Eroberer 1519 nach Tenochtitlán kamen, trauten sie ihren Augen nicht. Vor ihnen lag eine Art vormodernes Venedig. Damals gab es im Tal von Mexiko neben dem Texcoco-See noch vier weitere Seen, die zusammen eine Fläche von 100 Quadratkilometern bildeten, gespeist aus 48 Flüssen. In Regenzeiten wuchsen die fünf Seen zu einem einzigen zusammen. Doch binnen weniger Jahrzehnte legten die Spanier den Texcoco-See trocken. Je weiter sich über die Jahrhunderte die Hauptstadt ausdehnte, desto schneller schrumpften die Seen, bis sie schließlich verschwanden.
Ein Problem der heutigen Kommunalverwaltung sind die Leitungen. 12 000 Kilometer Rohre liegen unter der Erde, viele schon seit einem halben Jahrhundert, und sind entsprechend porös. Vor längerer Zeit hat die Stadtregierung mit Hilfe spanischer, französischer und britischer Firmen begonnen, die alten Blei- durch Polyethylen-Rohre zu ersetzen, zum Preis von etwa 70 000 Euro pro Kilometer. Bisher sind 2000 Kilometer erneuert. Die Verluste durch die die Lecks in den Leitungen sind gigantisch. "Statistisch gesehen geht all das Wasser, das wir aufwendig aus Cutzamala nach Mexiko pumpen, irgendwo verloren, bevor es in die Wasserkräne kommen kann", sagt Conagua-Direktor Villalón. Jeder dritte Liter Trinkwasser versickert demnach.
Auch wegen der hohen Investitionen fordert Villalón - und nicht nur er - höhere Tarife. Allein der Transport des Wassers aus dem Stausystem Cutzamala nach Mexiko-Stadt kostet pro Kubikmeter 40 Cent. Die Stadt zahlt Conagua dafür aber nur 30 Cent und nimmt vom Verbraucher wiederum nur noch 16 Cent pro Kubikmeter - wenn er denn bezahlt. Das Recht auf Wasser ist als eine Art Grundrecht in der Verfassung verankert. Deshalb muss Wasser, anders als Strom und Telefon, auch bei Nichtbegleichung der Rechnung weiter geliefert werden. Also zahlt kaum jemand.
Überdies wird in den Stadtvierteln der Wohlhabenden mit Wasser geaast. Sogar in der Trockenzeit, wenn es über Monate so gut wie nicht regnet, lassen die Reichen ihren Rasen mit Trinkwasser sprengen. Und selbst die begrünten Mittelstreifen der großen Ausfallstraßen werden bewässert.
Was ist also zu tun? Der Experte Villalón fordert höhere Wasserpreise, mehr Aufbereitung des Brauchwassers sowie den Bau neuer Stausysteme. Vor allem aber muss der Entzug des Grundwassers schnell und massiv reduziert werden, wenn die größte Stadt Lateinamerikas nicht eines gar nicht mehr so fernen Tages einfach in sich zusammenfallen soll.
"Es ist bittere Ironie, dass die Stadt, die auf dem Wasser erbaut wurde, am Wassermangel zugrunde gehen wird", sagt der Schriftsteller und Umweltaktivist Homero Aridjis.
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