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Wissenschaftlerin Saskia Sassen: Übermäßige Verschuldung stoppen

Das Finanzsystem kann nicht gerettet werden, indem wir weiteres Geld hineinpumpen. Zurück zu Kredit- und Spargemeinschaften, die lokalen Bezug haben, fordert deshalb Saskia Sassen.

Saskia Sassen fordert die Sanierung heruntergekommener Häuser als Konjunkturprogramm.
Saskia Sassen fordert die Sanierung heruntergekommener Häuser als Konjunkturprogramm.
Foto: ddp

Traditionell ist es so: Banken verkaufen Geld, das sie haben. In der modernen Finanzwirtschaft dagegen geht es, anders als beim Banking, um Geld, das gar nicht da ist. Die Finanzwirtschaft kann Geld, das man hat, verdoppeln und verdreifachen.

Deshalb ist Steuergeld, das in das Finanzsystem gepumpt wird, nur noch mehr Schrot für dessen Mühle: das Hebeln mit mehr Schulden, das Ersetzen von Eigen- durch Fremdkapital. Mehr Geld wird die kapitalistischen Wirtschaftssysteme nicht aus ihren aktuellen Schwierigkeiten herausholen.

Person und Debatte

Die Autorin: Saskia Sassen hat den Robert-S.-Lynd-Lehrstuhl für Soziologie inne und ist Mitglied des Komitees für Globales Denken an der Columbia University, New York. Ihr jüngstes Buch ist auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen: "Das Paradox des Nationalen".

Der Kongress: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise, Umweltkrise - schafft der Kapitalismus sich selbst ab? Mit dem größten Crash an den Finanzmärkten seit der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre ist das Modell des Finanzmarktkapitalismus kollabiert. Die Weltwirtschaft rutscht in die Rezession.

"Kapitalismus am Ende?" lautet die Leitfrage eines Kongresses vom 6. bis 8. März in Berlin, in dem das globalisierungskritische Netzwerk Attac die systemischen Ursachen der Krise analysieren und Alternativen diskutieren will.

Mit dabei in der Technischen Universität sind Referenten aus aller Welt - darunter Saskia Sassen (New York), Aleksandr V. Bazhalin (Moskau), Jayati Gosh (Neu Delhi), Bernard Cassen (Frankreich), Ana Esther Cecena (Mexiko), Frank Bsirske, Heiner Flassbeck, Daniela Dahn, Heiner Geißler, Frigga Haug, Friedhelm Hengsbach, Christa Wichterich, Erika Feyerabend und Peter Wahl. Mehr zum Kongress bei Attac.

Mitreden: Was sagen Sie dazu? Diskutieren Sie mit - schreiben Sie Ihre Meinung gleich hier unter den Artikel.

Die Debatte: Die Frankfurter Rundschau unterstützt den Kapitalismus-Kongress als Medienpartnerin mit Beiträgen.

Wir müssen erkennen, dass das, was wir Krise nennen, in Wirklichkeit ein Teil davon ist, wie der Finanzkapitalismus funktioniert - eigentlich Business as usual. Aber er gerät an die Grenzen seiner Logik. Und das vor allem, weil er insbesondere in der hoch entwickelten Welt einen derart großen Teil aller Volkswirtschaften durchdrungen hat.

Jene Teile der Wirtschaft, aus denen die Finanzwirtschaft noch Kapital zu ihrer eigenen Rettung herausziehen könnte, sind zu klein geworden, um das System vor dem Untergang zu bewahren. Warum? Weil der weltweite Wert der finanziellen Assets, also Schulden, im September 2008, als die Krise explodierte, dreieinhalb mal so groß war (160 Billionen Dollar) wie das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das Finanzsystem kann also nicht gerettet werden, indem wir weiteres Geld hineinpumpen.

Das wiederum macht den extremen Missbrauch ganzer Volkswirtschaften deutlich, ermöglicht durch Extremformen der Finanzierung. Zum Beispiel lag vor der "Krise" der Wert der Finanzaktiva, also der Schulden, in den USA bei 450 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Der Wert war, anders gesagt, viereinhalb mal so groß wie das BIP. In der Europäischen Union waren es 356 Prozent. Allgemein gesagt: Die Zahl der Länder, in denen die Schulden den Wert des BIP überstiegen, hat sich von 33 im Jahr 1990 mehr als verdoppelt - auf 72 im Jahr 2006.

Ob wir eine Firma sind, ein Haushalt oder Land. Wir alle brauchen in der kapitalistischen Wirtschaft Schulden, um wachsen zu können. Aber brauchen wir ein derart hohes Verschuldungsniveau? Nein.

Noch einmal: Mehr Geld für den Finanzsektor zur Lösung der "Krise" ist ein Fehler. Es zöge immer weitere Teile der Wirtschaft in den Strudel des Finanzkapitalismus. Dieser hat sich in Europa zwischen 1996 und 2006 rascher ausgebreitet als in den USA - einfach, weil das Ausgangsniveau niedriger war.

Noch eine andere Art, um zu zeigen, wo der Kapitalismus zurzeit steht, verrät der Blick auf den Größenunterschied zwischen klassischem Bankwesen und Finanzwirtschaft. Zum Beispiel lag der Wert von Einlagen bei Banken im September 2008, als die jetzige Phase der Krise explodierte, bei einigen Billionen Dollar.

Doch der Gesamtwert der Kreditversicherungen (CDS) - das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte - lag bei fast 60 Billionen Dollar. Damit übertraf das Volumen der CDS das weltweite BIP. Noch drastischer ist eine weitere Zahl: So lag der Gesamtwert aller Derivate bei mehr als 600 Billionen Dollar. Die Finanzanlagen sind in den vergangenen zwei Dekaden weitaus schneller gewachsen als jeder andere Wirtschaftssektor.

Diese Zahlen illustrieren, dass dies ein extremer Moment ist - aber er ist nicht anomal oder von äußeren Faktoren hervorgerufen, wie der Begriff Krise nahe legt. Er ist vielmehr die Apotheose der Finanzwirtschaft, wie sie in den vergangenen 20 Jahren praktiziert wurde.

Das hat uns allen etwas Grundlegendes über dieses System vor Augen geführt: Es ist die ganz normale Funktionsweise dieser bestimmten Art von Finanzkapitalismus. Und noch jedes Mal, wenn wir ihm mit Steuergeld oder niedrigen Zinsen aus der Patsche geholfen haben, gaben unsere Regierungen dem Finanzkapitalismus die Instrumente, ihren Hebel-Wahnsinn fortzusetzen.

Es gab fünf solcher Rettungsaktionen seit 1980, der Dekade, in der die neue Phase der Finanzwirtschaft abhob. Es begann mit dem Aktiencrash 1987. Jedes Mal wurde das Geld der Steuerzahler benutzt, um Liquidität in das Finanzsystem zu pumpen. Und jedes Mal wurde es zum Hebeln benutzt. Das Ende des Füllhorns ist nah - uns ist das Geld ausgegangen, um den gigantischen Hunger des Finanzsystems zu stillen.

Können Regierungen einen Teil des Schadens bei Haushalten, Firmen und ganzen Nationalökonomien abmildern, um sofortige Ergebnisse zu zeitigen - und eine besser balancierte Marktwirtschaften herzustellen? Das ist, so viel ist klar, eine komplexe Materie. Dennoch: Drei Schritte sind dringend und umsetzbar, wenn das das Ziel sein soll - was nicht für alle zutreffen mag, weil manche ein Ende des Kapitalismus vorziehen würden.

Erstens müssen wir unsere Wirtschaftssysteme teilweise entschulden, den Schuldenhebel kleiner machen. Wie gesagt: Wir brauchen alle Fremdkapital, aber wir brauchen den extremen Missbrauch nicht, den der Finanzsektor seit 20 Jahren betreibt.

Zweitens: Wir müssen unsere Kreditsysteme wieder neu aufbauen, um einen traditionelleren Bankbegriff herum und mit einem stärkeren institutionellen Rahmen, zurück zu Kredit- und Spargemeinschaften, die den Bezug zur lokaler Ebene noch nicht verloren haben. Auf einer eher theoretischen Ebene habe ich unlängst argumentiert, dass diese Schritte helfen würden, die Produktion von Kapital und Kredit zu reurbanisieren und zu relokalisieren, mit einer eher am Eigenkapital orientierten Logik.

Drittens: Wir müssen uns wieder auf das Wachstum der Wirtschaft konzentrieren. Welche Arbeit muss getan werden? Heruntergekommene Häuser wieder aufbauen. Parks anlegen. Unsere Städte grüner machen. Wenn wir das ernsthaft täten, bräuchten wir alle Menschen der Welt.

Die große Frage - und meine Hoffnung - ist: Können wir diese "Finanzkrise" und den Schock, den sie allen Wirtschaftssystemen versetzt hat, als Brücke nutzen zu einer ganz neuen Konzeption des Oikos?

Übersetzung aus dem Englischen: Volker Schmidt

Autor:  SASKIA SASSEN
Datum:  2 | 3 | 2009
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