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Gastbeitrag von Tim Engartner: Wo bleibt die ökonomische Bildung?

Der Experte für Wirtschaftsdidaktik Tim Engartner plädiert für frühen Wirtschaftsunterricht. Im Gastbeitrag für die FR erklärt er, warum sich die Arbeits-, Berufs- und Lebenswirklichkeit ohne die Logik des Ökonomischen nicht mehr erschließen lässt.

Wie geht´s der Wirtschaft? Gute Frage, auch für Schüler.
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Foto: Bilderberg

Warum schlug die Krise des US-amerikanischen Immobilienmarktes auf die europäische Realwirtschaft durch? Wer finanziert die sozialen Sicherungssysteme? Wie lässt sich der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Bücher rechtfertigen? Die Fragen zeigen, dass sich die Arbeits-, Berufs- und Lebenswirklichkeit ohne die Logik des Ökonomischen nicht (mehr) erschließen lässt. Viele Menschen geraten als Opfer der Konsumgesellschaft in die "Schuldenfalle" oder scheuen trotz innovativer Geschäftsideen den Weg in die Selbstständigkeit.

In der Konsequenz heißt das: Ökonomische Bildung muss als unverzichtbarer Bestandteil von Allgemeinbildung begriffen werden. So hat etwa die eigenverantwortliche finanzielle Planung massiv an Bedeutung gewonnen: Seitdem etwa die Zuzahlungspflicht bei Arzneimitteln ausgeweitet, der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gekürzt und die Bismarcksche Sozialversicherungsarchitektur mit der Einführung der "Riester-" und "Rürup-Rente" als Instrumentarien der kapitalgedeckten Altersvorsorge aufgekündigt wurde.

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Tim Engartner ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Wirtschaftsdidaktik an der Uni Duisburg-Essen und Fellow der Stiftung Neue Verantwortung, wo er das Projekt "Zukunft der ökonomischen Bildung" betreut.

Wenn aber von jungen Menschen verlangt wird, dass sie möglichst frühzeitig für das Alter vorsorgen, dann muss ihnen auch Gelegenheit gegeben werden, sich fundierte Finanzkenntnisse anzueignen. Profundes Orientierungswissen über Renditen und Risiken von Geldanlagen vermitteln jedoch weder Banken noch Bausparkassen, sodass finanzielle Allgemeinbildung bereits in den Lehrplänen der Sekundarstufe I Platz finden muss.

Wenn einer Umfrage der Stiftung Wertevolle Zukunft zufolge nur elf Prozent der Bundesbürger den großen Wirtschaftsunternehmen ihr Vertrauen aussprechen, darf sich die Forderung nach mehr ökonomischer Bildung nicht auf verpflichtende BWL-Crashkurse beschränken. Um die soziale Marktwirtschaft als tragendes Fundament unserer Gesellschaft zu verankern, muss nicht zuletzt die Ökonomie des Sozial- und Steuerstaates in der Schule thematisiert werden. Schon die aristotelische Ökonomik speiste sich nicht nur aus harten ökonomi(sti)schen, sondern insbesondere auch aus philosophischen Überlegungen.

Vor dem Hintergrund, dass sich die Lebenswelt "ökonomisiert", ist der von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden, Kirchen und Kreditinstituten sowie politischen Parteien und Pädagogen formulierte Appell, Wissen über ökonomische Sachverhalte stärker als bislang zu vermitteln, in beinahe jedem Einzelfall lobenswert. Die Forderungen tragen umso mehr, wenn man weiß, dass das ökonomische Wissen in deutschsprachigen Ländern bescheidener ausfällt als in den USA, Großbritannien oder Südkorea. So hat die jüngste vom Bundesverband Deutscher Banken vorgelegte Jugendstudie gezeigt, dass jeder zweite 14- bis 24-Jährige nicht weiß, was unter Inflation zu verstehen ist.

Die "Inthronisierung" der ökonomischen Bildung darf dabei aber nicht die "Entthronung" der politischen Bildung zum Ziel haben. Schließlich ist die Liste ökonomischer Themen, die Schnittmengen zu den Nachbardisziplinen Soziologie und Politik aufweisen, lang. Sie reicht von der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bis zu den Arrangements sozialer Sicherungssysteme. Und wenn die Pendlerpauschale gekürzt oder der Kapitalmarkt von einer Krise erfasst wird, löst dies auch unter Soziologen Debatten aus.

Angesichts der mit dem Ausbau der Ganztagsschulen wachsenden Stundentafeln kann der politischen ebenso wie der ökonomischen Bildung mehr Raum gegeben werden. Erfreulicherweise geht der bildungspolitische Gesamttrend seit einigen Jahren in Richtung einer Etablierung der Unterrichtsfächer "Politik/Wirtschaft", "Wirtschaft" sowie "Wirtschaft und Recht".

Aber wenn wir "Bildung als Bürgerrecht" begreifen und davon ausgehen, dass Menschen in der Konsumgesellschaft zwischen Nike und Nokia Orientierung suchen, muss ökonomische Bildung stärker als integraler Bestandteil von Allgemeinbildung begriffen - und in den Lehrplänen verankert werden.

Autor:  Tim Engartner
Datum:  8 | 3 | 2010
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