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24. Juli 2007

Woher kommt unser Rechtsbewusstsein?

 Von THOMAS RAISER
Sie darf nicht betriebsblind werden: Justitia  Foto: FR

Die Rechtssoziologie untersucht die Ursachen und Wirkungen des Rechts. Doch die Disziplin ist in Deutschland in ihrer Existenz bedroht. Das wird der Jurisprudenz schaden. Von Thomas Raiser

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Der Autor

Thomas Raiser ist emeritierter Professor für Deutsches und Europäisches Unternehmens- und Wirtschaftsrecht, Rechtssoziologie und Bürgerliches Recht an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist maßgeblich an der ersten Ausrichtung der internationalen Konferenz Law and Society in the 21st Century in Deutschland beteiligt.

Law and Society in the 21st Century ist die weltweit bedeutendste Konferenz zur interdisziplinären Rechtsforschung. 2500 Wissenschaftler aus mehr als 70 Ländern debattieren vom 25. bis 28. Juli an der Humboldt- Universität zu Berlin aktuelle und politische Fragen: Kann Folter ein rechtsstaatliches Mittel im Kampf gegen den Terror sein? Welche Rolle spielen ethnische Herkunft, soziale Schicht und Geschlecht vor Gericht? Wie verändert die Verbreitung alternativer Familienformen die Rechtsprechung? Veranstalter sind die Law and Society Associaton (USA), die International Sociological Association, die rechtssoziologischen Vereinigungen aus Deutschland und Partnerorganisationen aus Großbritannien und Japan.

Programm unter: www.lsa-berlin.org

Die Rechtssoziologie ist die eigentliche Wissenschaft vom Recht, im Gegensatz zur dogmatischen Jurisprudenz, die nur eine handwerkliche Fertigkeit für die Juristen darstellt. So lautet die prägende Kennzeichnung der Disziplin durch Eugen Ehrlich in seiner Grundlegung von 1913. Gesetze, Gerichtsurteile und wissenschaftliche Rechtsschriften - die Amerikaner sagen "The Law in the Books" -, erfassen für Ehrlich die Wirklichkeit des Rechts nicht, sondern existieren, ähnlich wie religiöse und literarische Schriften, nur in Gestalt von Texten, die zwar einen gedanklich fassbaren Sinn enthalten und daher der sinnhaften Interpretation und normativen Geltung zugänglich sind, aber letztlich doch tot bleiben.

Niklas Luhmann formulierte es später so: Das Recht dürfe nicht nur von denen erforscht werden, die ihm Gehorsam zu leisten haben, also aus der Sicht der Bürger, Richter, Verwaltungsbeamten, Anwälte oder akademischen Lehrer. Es müsse vielmehr von Außenstehenden beobachtet werden, die es wissenschaftlich, das heißt ungebunden und wertfrei, betrachten könnten. Weil eine solche Sicht Diskrepanzen zwischen normativem Rechtsbefehl und seiner Befolgung zutage fördert, können totalitäre politische Regimes rechtssoziologische Forschung nur schwer ertragen.

Der Nationalsozialismus hat die frühe Blüte der Wissenschaft in Deutschland zerstört und die sie tragenden, oft jüdischen, Gelehrten, vertrieben. Auch in der DDR konnte sie nur geduldet werden, soweit sie die politisch gewollte Sicht der sozialen Realität bestätigte.

Heute ist die Rechtssoziologie aus anderen Gründen in Deutschland in ihrer Existenz bedroht. An den juristischen Fakultäten fällt sie der Verminderung der Lehrstühle und der Konzentration der Ausbildung auf die Berufsvorbereitung zum Opfer. In der vorherrschenden theoretischen Perspektive widerspricht die Rechtssoziologie dem auf das kurzfristig Nützliche gerichteten Zeitgeist. Nicht zuletzt leidet die Disziplin unter der starren Fächertrennung an den deutschen Universitäten, die interdisziplinäre Forschung zwischen Gesellschaftswissenschaftlern und Juristen schwer macht.

Dabei liegen die wissenschaftlich wie auch politisch wichtigen Themen auf der Hand: Wie rechtliche Vorschriften wirken, ob sie angewandt und befolgt werden, ob sie ihre Zwecke erfüllen, welche unerwünschten Nebenfolgen sie haben - all das sind nicht nur theoretische Fragen. Forschungen darüber, welches Rechtsbewusstsein die Menschen haben: wodurch dieses geprägt wird und wie es sich im Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung auswirkt, sind in der Demokratie von existenzieller Bedeutung. Die Überzeugungskraft und der Erfolg staatlicher Konfliktregelung hängen davon ab, welche Arten von Konflikten und welche zu ihrer Lösung geeigneten Verfahren es gibt und ob die Menschen die dafür vorgesehenen Einrichtungen wahrnehmen können. Auch wie sich das Recht in einer globalen Welt ändert, wird uns noch Jahrzehnte beschäftigen.

Dass solche Fragen hochaktuell sind und weltweit auch so wahrgenommen werden, belegt der Weltkongress "Law and Society in the 21st Century. Trans- formations, Resistances, Futures", der vom 25. bis 28. Juli an der Humboldt Universität zu Berlin stattfindet. Er zieht 2500 Juristen, Soziologen, Ökonomen, Politologen, Kriminologen, ja sogar Ethnologen und Historiker aus mehr als 70 Ländern an. Den Kongressteilnehmern geht es um eine Verständigung über die Grundlagen, Methoden und Ergebnisse rechtssoziologischer Forschung in aller Welt. In mehr als 600 Podiumsdiskussionen und Arbeitsgruppen werden Beiträge zu nahezu allen gesellschaftlichen Problemfeldern erwartet, die Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschungen sind: zu Verfassungen und Verfassungsgerichtsbarkeit im internationalen Vergleich, Rassismus und Diskriminierung im 21. Jahrhundert, den Rechts- und Sicherheitsstaat im Kampf gegen den Terror, sexuelle Gewalt und Krieg. Immer wieder steht die Globalisierung im Mittelpunkt: Welche neuen rechtlichen Strukturen bildet eine "New Governance" heraus und mit welcher demokratischen Legitimation? Welche Auswirkungen hat die Globalisierung des Rechts im Norden auf die Akteure im Süden? Dass deutsche Juristen und Sozialwissenschaftler sich an dem Kongress nach Kräften beteiligen und dennoch mitten in Berlin zahlenmäßig hinter ihren US-amerikanischen Kollegen zurückbleiben, ist nur ein weiterer Beleg für die prekäre Lage der Rechtssoziologie in Deutschland.

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