Vancouver ist eine Reise wert. Nicht nur für die Athleten der deutschen Olympiamannschaft, auch für Trainer, Ärzte, Betreuer und Funktionäre. Etliche trugen schon zu DDR-Zeiten dazu bei, dass Sportler Höchstleistungen ablieferten oder mehrten selbst noch als Wettkämpfer den Ruhm des Sozialismus auf deutschem Boden. Daran erinnert werden wollen sie nicht. Schon gar nicht, wenn es um Doping geht.
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zeigt viel Verständnis für die partielle Amnesie. Wer die Ehren- und Verpflichtungserklärung des DOSB für die anstehenden Winterspiele unterzeichnet hat, musste dort auf seine Dopingvergangenheit hinweisen, sofern die ruchbar wurde. Schlimmstenfalls droht dabei der Gang zur Kommission um Ex-Verfassungsrichter Udo Steiner. Die berät den DOSB in Dopingfragen und zeichnet sich bislang vor allem durch eines aus: ihre Nachsicht.
Das Dopingopfer-Hilfegesetz (DOHG) trat 2002 mit dem Ziel in Kraft, Betroffenen eine finanzielle Hilfe zu gewähren. Den Anträgen von 194 Personen wurde stattgegeben. Sie erhielten aus dem vom Bund eingerichteten Fonds über zwei Millionen Euro jeweils eine Einmal-zahlung in Höhe von 10438 Euro. Es handelte sich dabei ausdrücklich nicht um eine Entschädigungsleistung.
Der Deutsche Olympische Sportbund schloss Ende 2006 einen Vergleich mit 167 Dopingopfern. Sie erhielten Einmalzahlungen von 9250 Euro. In einem daran gekoppelten Vergleich gewährte der Arzneimittelhersteller Jenapharm, Produzent des im DDR-Sport gebräuchlichen Anabolikums Oral-Turinabol, diesem Personenkreis dieselbe Summe. Auch diese Zahlungen folgen keinem Rechtsanspruch auf Entschädigung.
Einige ehemalige DDR-Athleten wehren sich gegen die Bagatellisierung des als "Staatsplanthema 14.25" von oben verordneten und von der Funktionärskaste organisierten Systemdopings. Ein zentraler Kritikpunkt ist die Reinwaschung und Weiterbeschäftigung von Trainern, die ins DDR-Dopingsystem eingebunden waren.
Ex-Ruderin Cornelia Jeske ist das erste Opfer, das wegen der gesundheitlichen Folgen der unwissentlichen Einnahme von Dopingmitteln eine Rentenzahlung fordert. Ihre Anwälte versuchen es nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG). Demzufolge hat einen Versorgungsanspruch, wer durch einen vorsätzlichen und rechtswidrigen Angriff auf seine Gesundheit geschädigt wurde.
Ein Anspruch auf Rentenzahlung ließe sich auch vom Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetz für Opfer von Willkürakten des SED-Regimes herleiten. Das sieht soziale Ausgleichsmaßnahmen bei gesundheitlicher Schädigung durch rechtsstaatswidriges Handeln von DDR-Organen vor.
Historiker Giselher Spitzer plädiert für eine Novellierung des DOHG. Es sei der kürzeste Weg, um Schwerstgeschädigten eine Rente zu garantieren. (het)
Irgendwann, diesem Hinweis begegnet man im deutschen Spitzensport auf Schritt und Tritt, müsse es auch mal gut sein mit der Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der Vergangenheit. Der Blick soll nach vorn gehen, nicht zurück. Medaillen, und das ist keine deutsche Spezialität, sind wichtiger als die Moral. Daran hat sich seit DDR-Zeiten nichts geändert. Wohl kaum jemand weiß das so gut wie Andreas Krieger. "Manchmal", sagt er, "fühle ich mich so, als müsste ich erklären: Tut mir leid, dass ich euch mit meinem Elend belästigt habe."
Andreas hieß früher Heidi. Die Goldmedaille, die Heidi Krieger 1986 als Kugelstoßerin bei der Europameisterschaft in Stuttgart für die DDR gewann, stiftete Andreas Krieger vor zehn Jahren dem Verein Dopingopferhilfe. Dass sie eigentlich Andreas sein wollte, ahnte Heidi. Aber die hohen Dosen Oral-Turinabol, des gängigen Anabolikums, mit dem DDR-Athleten planvoll zu Spitzenleistungen getrieben wurden, veränderten den Körper so, dass ihr/ihm die Wahl abgenommen wurde.
Andreas Krieger hat seine Geschichte so oft erzählt, dass er darüber lachen muss. Selbst dann, wenn ihm eigentlich zum Heulen zumute ist. Er sei nun mal nicht der Typ, der sich versteckt, sagt er. Und dass ihn der Sport gelehrt habe, "zäh zu sein". Krieger ist ein Kämpfer. Seine Entschädigung unter Anwendung des Dopingopfer-Hilfegesetzes hat er in einen kleinen Laden für Militär-Klamotten gesteckt. Ein Auskommen hat er dadurch nicht. "Ich lebe vom Verständnis meiner Frau", sagt Krieger. Für den Rest seines Lebens braucht er regelmäßig Hormonspritzen. "Und wenn ich sie nicht rechtzeitig kriege, kenne ich mich selbst nicht wieder." Die Depression ist ein vertrauter Begleiter, der Schmerz im kaputten Rücken sowieso. Eine berufliche Perspektive gab es trotz Reha und Umschulung nicht. "Ich kann nicht schwer heben." Die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen? Wie soll das funktionieren für jemand wie Andreas Krieger?
Also gibt er keine Ruhe, obwohl er weiß, dass das vielen Leuten nicht passt: "Wir stören." Einen wie Robert Harting etwa, den Diskus-Weltmeister von Berlin. Der wünschte Dopingopfern, die bei der Leichathletik-WM im vorigen Sommer auf den Tribünen im Olympiastadion Pappbrillen verteilt hatten, um die Glaubwürdigkeit der Leistungen zu kommentieren, die Wurfscheibe möge ihnen "gegen die Brillen springen, damit die wirklich nichts mehr sehen".
Krieger: "Die da oben wollen das Problem aussitzen"
Hartings Coach ist Werner Goldmann. Mehrere frühere DDR-Sportler sagten aus, er habe ihnen damals Dopingmittel verabreicht. Der Diskus-Bundestrainer leugnete lange Zeit, wurde vom Deutschen Leichtathletik-Verband aussortiert und äußerte schließlich gemeinsam mit anderen pauschal sein Bedauern für die Opfer. Prominente Sportler empörten sich: Wie könne Goldmann nur so übel mitgespielt werden. Der erhielt dank des halben Schuld-Eingeständnisses seinen Trainerjob bald zurück. Dass es irgendwann auch mal gut sein müsse, könnte als Sinnspruch bei ihm zu Hause über der Couch hängen.
Nichts ist gut für diejenigen, die es am schlimmsten erwischt hat durch die jahrelange Einnahme "unterstützender Mittel", wie das im DDR-Täterjargon zynisch hieß. "Ich sehe bei den Betroffenen, die ich kenne, dass sich ihr Gesundheitszustand in der Zeit des Kontakts zum Teil drastisch verändert hat. Da sind viele dabei, die sind seelisch wie körperlich am Ende", sagt Giselher Spitzer. Der führende deutsche Historiker auf dem Gebiet des DDR-Staatsdopings kann das empirisch untermauern. Er hat Interviews protokolliert, die er mit 60 Geschädigten führte. Spitzers Bilanz ist eine Freifahrt durchs medizinische Gruselkabinett: "Dass über 90 Prozent der Befragten orthopädische Schäden haben, ist klar. Etwa ein Viertel hat Krebs, fast zwei Drittel haben schwerste psychische Schäden davongetragen - bis hin zu suizidalen Neigungen oder selbstschädigendem Verhalten." Bei betroffenen Frauen errechnete Spitzer ein um das 32-fache gesteigertes Risiko für Fehlgeburten und eine zehnmal höhere Quote an Totgeburten im Vergleich zur Normalbevölkerung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. "Die Geschädigten brauchen Hilfe", sagt Spitzer, "und sie brauchen sie rasch".
Doch für große Hoffnungen gibt es wenig Anlass. Knapp 200 Menschen, die im real existierenden Sozialismus deutscher Prägung ohne ihr Wissen oder unter Verschleierung der gravierenden Folgen gedopt wurden und gesundheitliche Beeinträchtigungen davontrugen, erhielten eine Einmalzahlung nach dem Dopingopfer-Hilfegesetz. Und der Arzneimittelhersteller Jenapharm, der die "blauen Bohnen" fürs ostdeutsche Sportwunder - das Anabolikum Oral Turinabol - fabriziert hatte, zahlte 2,9 Millionen Euro Schmerzensgeld an Betroffene. Ein Problem aber blieb: die Schwerstgeschädigten.