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Drogen
Drogen

24. August 2013

Drogen: Seidenstraßen ins Milieu

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Im Erzeugerland Afghanistan kostet das Rohopium Cent-Beträge. In Europa kostet ein Gramm daraus gewonnenes Heroin auf der Straße 42 Euro.  Foto: rtr

Ellenlange Wertschöpfungskette: Was in Europa geschnupft, geraucht, geschmissen und gespritzt wird, legt meist weite Wege zurück.

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Khat zum Beispiel. Im Jemen kauen 72 Prozent aller Männer die Blätter des Khat-Strauches (und 33 Prozent aller Frauen). In Deutschland fällt diese Art der Berauschung unter das Betäubungsmittelgesetz, in Großbritannien ist ein Khat-Verbot gerade in Vorbereitung.

Tabak zum Beispiel. Weltweit sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO etwa rund fünf Millionen Menschen am Rauchen. In der Türkei stand vor 400 Jahren auf Tabakkonsum die Todesstrafe. Zigaretten sind ein legale Droge. Der deutsche Staat hat aus deren Verkauf im vergangenen Jahr 14,1 Milliarden Euro Steuern eingenommen. Auch das Betrinken ist eine legale und für das Gemeinwesen einträgliche Veranstaltung. Im vergangenen Jahr haben sich auf der Erde 2,5 Millionen Menschen zu Tode gesoffen.

FR-Serie

Seit Jahrzehnten geben verschiedene Staaten weltweit Milliarden von Euro aus im Kampf gegen Drogen – eher mit mäßigem Erfolg. In den Anbaugebieten, den Transitstaaten und den Konsumentenländern werden die Probleme trotz allem nicht kleiner. Jährlich sterben weiter Tausende Menschen, Regionen werden teils unregierbar.

Die Frankfurter Rundschau widmet sich mit einer Serie diesem Thema, zeigt die vielschichtigen Schwierigkeiten und stellt mögliche Lösungen dar.

Harte Drogen zum Beispiel. 211.000 Menschen sind an ihnen 2011 gestorben. Heroin ist 1897 von Bayer Leverkusen als Pharma-Produkt entwickelt worden und seit Anfang der 30er Jahre nicht mehr legal handelbar in Deutschland. Coca-Cola enthielt bis 1906 Spuren von Kokain.

Das Cato-Institut, eine neoliberale Denkfabrik aus den USA, macht eine einfache Rechnung auf. Würden die Vereinigten Staaten harte Drogen legalisieren, könnten Bund und Länder aus deren Verkauf 46,7 Milliarden US-Dollar Steuern einnehmen, in etwa so viel wie aus dem Alkohol und Tabak (und 41,3 Milliarden im „war on drugs“ sparen).

Sichtbare Verschiebungen

Was eine harte und was eine weiche Droge ist, variiert von Land zu Land, und kann sich im Lauf der Geschichte ändern. Was bei den einen als kriminell gilt, zählt bei anderen zur Kulturtechnik. Die Kurswechsel innerhalb eines Kulturraumes können dramatisch sein, zu besichtigen an der Art, wie heute in den Ländern der EU oder den USA mit Rauchen und Rauchern umgegangen wird.

In keinem Land spielt der Drogenanbau eine so große Rolle wie in Afghanistan, kein Land ist so durch den Drogenschmuggel geprägt wie Mexiko, die Hauptabnehmer von Heroin und Kokain sitzen nach wie vor in Nordamerika und West- und Mitteleuropa. Doch auf der Landkarte des Drogenkonsums und des -schmuggels gibt es sichtbare Verschiebungen.

Nach dem Drogenbericht 2013 der UN hat sich der Anteil der in den USA lebenden Kokainkonsumenten am Weltmarkt zwischen 2004 und 2011 halbiert. Nur noch jeder vierte Kokainschnupfer lebt demnach in den Staaten. Verdoppelt haben sich dagegen die Kokain-Abnehmer in Afrika, der Anteil des chinesischen Marktes ist von zwei auf acht Prozent gestiegen.

Kokain aus den Andenländern Kolumbien, Peru und Bolivien wird heute weniger als früher über Mittelamerika nach Europa geflogen. Zu Lande, zu Wasser, zu Luft geht wird das Pulver auch über Brasilien nach Westafrika transportiert und von dort aus weiter über Portugal und Spanien nach Europa.

Heroin nahm früher hauptsächlich seinen Weg über Iran und die Türkei nach Mittel- und Westeuropa. Jetzt, so berichtet die UN, geht es zudem per Schiff oder Flugzeug von Pakistan nach Ost- und Westafrika und von dort wieder nach Norden, nach Europa.

Methamphetamine gelangen aus Drogenküchen im westafrikanischen Benin über Frankreich nach Japan, oder aus Nigeria über Katar nach Malaysia. Entlang neuer der Routen entstehen neue Absatzmärkte. In Ländern wie Guinea-Bissau oder Kenia steigt die Zahl der Abhängigen.

Schmuggelwege ändern sich

Auf dem Drogenmarkt spiegelt sich die Kräfteverschiebung in der ökonomischen Welt wider, denn einige harte Drogen wie Heroin (Straßenverkaufspreis derzeit: 42 Euro das Gramm) oder Kokain (65 Euro) sind teuer und damit nur dort relevant, wo es genügend Menschen gibt, die sich diese Rauschwaren leisten können.

Hotspot Westafrika

Seit dem Jahr 2000 sind westafrikanische Staaten, allen voran Guinea-Bissau, wichtige Durchgangsstationen für den Drogenschmuggel. Es begann mit Heroin aus Afghanistan. Seit 2007 wird Kokain aus Brasilien über Westafrika nach Europa transportiert. Seit 2009 beobachtet die Polizei, dass westafrikanische Laboratorien Methamphetamin für südost- und ostasiatische Märkte produzieren.

In Nigeria werden nach dem Drogenbericht 2013 der UN mehr harte Drogen konsumiert als im Durchschnitt der Weltbevölkerung.

Der Wert der Drogen, die durch Guinea-Bissau laufen, übersteigt das Bruttoinlandsprodukt des Landes bei weitem. Die ehemalige portugiesische Kolonie wird de facto von Drogen-Kartellen und mit ihnen kooperierenden Regierungsmitgliedern und Militärs beherrscht.

Kofi Annan, ehemaliger UN-Generalsekretär, gehört zu den Gründungsmitgliedern der West Africa Commission on Drugs, die am 31. Januar 2013 in der ghanaischen Hauptstadt Accra ins Leben gerufen wurde. ah

So stellen die Autoren des Drogenberichts 2013 der Vereinten Nationen fest, dass der Drogenkonsum in zwei der BRIC-Staaten, in Brasilien und China, stark gestiegen ist. Was in den USA oder Deutschland weniger gespritzt und geschnupft wird, findet Abnehmer in lateinamerikanischen und südostasiatischen Ländern.

Die Schmuggelwege und Transportmittel ändern sich. Das kann durch starke Kontrollen erzwungen sein. Die niederländische Regierung beispielsweise unterband den anschwellenden Kokain-Schmuggel aus ihrer Kolonie Curaçao nach Amsterdam, in dem sie im März 2004 jeden Flugpassagier, der die karibische Insel verlassen wollte, durchsuchen ließ.

Eine gewisse Transportverteuerung können die Drogenkartelle verkraften. Ohnehin machen die Schmuggelkosten nur zehn Prozent des Endverkaufspreises einer harten Droge aus, wie Peter Reuter und Franz Trautmann in ihrer von der EU in Auftrag gegebenen großen Studie „Der weltweite illegale Drogenmarkt 1998 – 2007“ darlegen.

Nach ihren Recherchen erhöht sich der Preis für die Coca-Menge, aus der sich 100 Gramm Kokain gewinnen lassen, von 650 US-Dollar (für den Farmer in Kolumbien) bis auf 120.000 US-Dollar auf den Straßen Chicagos. Der Heroinpreis nimmt vom Mohnanbau in Afghanistan bis zum Käufer in London eine ähnliche Entwicklung.

Die größten Margen fallen nach Reuter/Trautmann bei den Groß- und Einzelhändlern in den Abnehmerländern an, weil die sich das Risiko, im Falle einer Festnahme für lange Zeit im Knast zu landen, hoch bezahlen lassen.

Marihuana ist das Einfallstor der Legalisierungsdebatte

Die am meisten konsumierte Droge unter den als illegal erachteten ist nach wie vor Marihuana. Tendenziell sinkt die Bedeutung des Schmuggels, denn Cannabis wird inzwischen nach Angaben der der UN-Drogenbehörde Undoc in 170 Ländern der Erde produziert (mit Mexiko und Marokko als Weltmarktführer); nur in 23 Mitgliedsländer der UN also würden also demnach keine Marihuana-Pflanzen gedeihen.

Ausreichend Sonnenstunden vorausgesetzt, wächst der Hanf mit den berauschenden Blättern im Freien, oder, wie in Deutschland oder Belgien oder den Niederlanden regelmäßig im Polizeibericht nachzulesen, in beheizten und beleuchteten Räumen.

Ein versandfertiger Kokainblock aus Venezuela.
Ein versandfertiger Kokainblock aus Venezuela.
 Foto: rtr

Marihuana ist das Einfallstor der Legalisierungsdebatte. Seinem Konsum, so er nicht übermäßig ist, werden keine gravierenden Gesundheitsschäden zugeschrieben. Kiffen ist seit vielen Jahrzehnten auch in sozial unauffälligen Kreisen weit verbreitet; der Preis für einen Haschisch-Rausch unterschreitet den für eine volle Dröhnung Alkohol; der Konsum kann – das ist wissenschaftlich unumstritten – medizinisch segensreich sein.

In 18 US-Bundesstaaten und dem Hauptstadt-Distrikt darf Marihuana mittlerweile als Medikament eingesetzt werden. In den Bundesstaaten Washington und Colorado ist der Besitz kleiner Mengen seit Ende 2012 legal. Uruguay erlaubt seit kurzem als erstes Land der Welt der Welt den Anbau der Pflanze für private Zwecke. In Deutschland versinkt der Versuch, Marihuana zu entkriminalisieren, nach wie vor regelmäßig in ideologischem Aufruhr.

Dabei nährt Prohibition das Verbrechen, wie am Beispiel des Alkoholverbots in den USA zwischen 1919 und 1933 in vielen Kino-Filmen zu besichtigen ist. Ist der Handel mit einer Droge illegal, „hat kein Marktteilnehmer die Möglichkeit, seine Interessen auf dem Markt rechtlich durchzusetzen oder einzuklagen“, erläutert Daniel Brombacher von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik. „Gewalt und Einschüchterung sind oft die einzige Möglichkeit, die Erfüllung von Vertragsleistungen abzusichern.“

Vollzöge sich der Handel mit Drogen im gesetzlichen Rahmen wie der Handel mit Alkohol oder Tabak, gäbe es kaum noch gepanschten Stoff, weniger Falschdosierungen, weniger Drogentote, weniger Beschaffungskriminalität, weniger HIV-Infektionen; kein Gangster könnte sich mehr mit Koks eine goldene Nase verdienen, und der Staat wäre in der Lage, über die Besteuerung den Preis der Ware zu diktieren, so wie es weltweit mit Alkohol gemacht wird.

Diskussion nimmt keine Fahrt auf

Der einst vom US-Präsident Richard Nixon ausgerufene „War on drugs“ ist teuer gescheitert. Die Diskussion über einen anderen Umgang mit Drogen nimmt aber nicht Fahrt auf. Dabei verläuft die Debatte in den besonders von der Drogenkriminalität betroffenen Ländern wie Kolumbien, Mexiko oder USA längst nicht mehr wie noch zu Studentenbewegungszeiten entlang der klassischen Trennlinien der politischen Lage.

Das spiegelt sich auch wider in der 2011 gegründeten Kommission zur Drogenpolitik, zu deren Mitgliedern Konservative wie der ehemalige Chef der US-Zentralbankchef, Paul Volcker, der ehemalige mexikanische Staatspräsident Vicente Fox oder der ehemalige US-Außenminister George Shultz, Sozialdemokraten wie die frühere Schweizer Bundespräsidentin Ruth Dreifuss und der frühere spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez, Schriftsteller wie Carlos Fuentes oder Mario Vargas Llosa, der Unternehmer Richard Branson oder der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan gehörten oder gehören.

Ihren jüngsten Bericht vom Mai dieses Jahres widmet die Kommission Hepatitis C. Zehn der 16 Millionen Drogenabhängigen, die sich ihren Stoff spritzen, haben sich demnach mit dieser Form der Gelbsucht infiziert, die in einem Viertel der Fälle zum Tode führt. In Ländern wie Thailand oder Russland liege die Infektionsrate unter den Junkies gar bei 90 Prozent.

Die Kommission fordert die Entkriminalisierung von Marihuana und regt Legalisierungsversuche mit anderen Drogen an. Doch die prominente Besetzung des Gremiums steht in direktem Gegensatz zur Resonanz auf ihre Vorschläge, die gegen Null tendiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Kommissionsmitglieder nur ehemalige politische Schwergewichte sind. In ihren Amtszeiten fielen die wenigsten von ihnen als lautstarke Anhänger einer liberalen Drogenpolitik auf.

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