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22. August 2013

Iran: Flucht in den Rausch

 Von Karl Grobe
Klare Bildsprache: Iranische Polizisten bereiten beschlagnahmte Drogen für eine öffentliche Verbrennung vor.  Foto: rtr

Iran ist das wichtigste Transitland für afghanisches Opium – und ein großer Konsument.

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Iran ist das wichtigste Transitland für afghanisches Opium – und ein großer Konsument.

FR-Serie

Seit Jahrzehnten geben verschiedene Staaten weltweit Milliarden von Euro aus im Kampf gegen Drogen – eher mit mäßigem Erfolg. In den Anbaugebieten, den Transitstaaten und den Konsumentenländern werden die Probleme trotz allem nicht kleiner. Jährlich sterben weiter Tausende Menschen, Regionen werden teils unregierbar.

Die Frankfurter Rundschau widmet sich mit einer Serie diesem Thema, zeigt die vielschichtigen Schwierigkeiten und stellt mögliche Lösungen dar.

Ende Juni hat die iranische Regierung gut hundert Tonnen verbotener Drogen verbrennen lassen – an einem einzigen Tag. Es war der Welt-Tag des Kampfes gegen Drogenmissbrauch und Drogenschmuggel. International gilt der nicht viel. In Iran hingegen zählt er – in dem Staat, über dessen Territorium der größte Teil der weltweit transportierten Opiate bewegt wird.

Die Zahlen schwanken zwischen 37 und 60 Prozent des Opiums und um 80 Prozent des Heroins aus Afghanistan. Irans Behörden konfiszieren wahrscheinlich mehr Schmuggel-Drogen als alle anderen Nachbarländer des Hauptproduzenten Afghanistan zusammen.

Polizeigeneral Ahmed-Reza Radan hatte während der Verbrennungsaktion zwei interessante Zahlen beizutragen: Über 3700 iranische Polizisten und Soldaten sind im Kampf gegen Drogenschmuggler getötet worden, über 12 000 wurden verwundet.

Die „New York Times“ nannte den Staat an der Grenze zum Mohn-Land Ende vorigen Jahres den „getreuesten Verbündeten des Westens im Kampf gegen Drogen“. In Teheran wurde das aufmerksam gelesen; denn im Kampf gegen die Rauschgifte steht Iran an der Seite der USA. Kommentatoren haben den Ball denn auch aufgenommen. Viele Medien vermerkten, dass der neue Präsident Hassan Ruhani über dieses Thema am ehesten mit den USA ins direkte Gespräch kommen könnte. Nur die harten Prinzipalisten, die ohnehin US-Kontakte energisch ablehnen, schwiegen sich darüber aus.

Iran hat die 1800 Kilometer lange Grenze mit Afghanistan und der pakistanischen Region Belutschistan mit Wachtürmen – zum Teil im Anderthalb-Kilometer-Abstand – gesichert. Im Hinterland werden die bekannten Schmuggelwege überwacht; im Wüstenland, das sich vom Indischen Ozean bis zur turkmenischen Grenze erstreckt, ist die Auswahl an Routen begrenzt.

Der Erfolg: Im vorigen Jahr hat Iran „achtmal mehr Opium und dreimal mehr Heroin als alle anderen Staaten in der Welt zusammen“ konfisziert. Das teilte der Italiener Antonino de Leo, in Teheran residierender Vertreter der UN-Antidrogen-Behörde, der „New York Times“ mit. Er sagte nichts über die Vermutung, dass gewisse korrupte Kreise etwa der Pasdaran (Revolutionsgarden) oder der Staatsverwaltung einen vielleicht nicht ganz unbedeutenden Teil des konfiszierten Suchtmaterials weiterverschieben.

Der UN-Vertreter lobte nicht nur. Er äußerte sich auch besorgt wegen der Zahl der Todesurteile, die Irans Gerichte gegen Drogenschmuggler und Dealer verhängen. Es sind rund vier Fünftel aller Hinrichtungen, etwa 500 im vorigen Jahr. Ein Menschenrechtsvertreter sagte der „Deutschen Welle“ vor einigen Wochen, Todesstrafe stehe in Iran auf Mord, Vergewaltigung, bewaffneten Raubüberfall, Spionage, Sodomie, Ehebruch und Abtrünnigkeit vom Glauben. Drogen-Delikte erwähnte er dabei nicht.

Das Drogenproblem würde freilich jedes Regime der Erde umtreiben. Trotz aller – von den UN hoch gelobten – Abwehrmaßnahmen an der Grenze kommen doch große Mengen der Suchtmittel ins Land, und wenngleich im Tagesdurchschnitt eine Tonne Rauschgift konfisziert wird (zum heimlichen Vergnügen der Drogen-Mafiosi, weil Knappheit die Preise so angenehm erhöht), bleibt im Lande selbst vieles auf dem Markt.

Das Resultat: Jährlich werden 130 000 Iraner süchtig. Die Zahl nannte Esmail Ahmadi-Moghaddam, Chef der Anti-Drogen-Agentur, Mitte November 2009. Damals waren 930 000 offiziell Abhängige registriert, mittlerweile sind gewiss rund 1,5 Millionen der 79 Millionen Iraner süchtig. Mehr als die Hälfte von ihnen ist jünger als 40 Jahre.

Die Ursachen sind vielfältig. Alkohol ist im Islam verpönt; gegen Tabakkonsum hat es bereits vor einem Jahrhundert einen veritablen Aufstand gegeben, nachdem eine korrupte Verwaltung unter dem letzten Kadscharen-Schah alle Einnahmen aus dem Tabakhandel per Monopol einem ausländischen Geschäftsmann überlassen hatte. Allerdings gibt es bis heute keine solche Anti-Nikotin-Kampagne wie im Westen (besonders den USA). Tradition hat vielmehr seit Jahrhunderten der Konsum von Opium: Allen Restriktionen zum Trotz kann man noch jetzt hören, dass Opium billiger sei als Zigaretten.

Das große inländische Problem sind die harten Suchtmittel, Designerdrogen, Heroin. Von den Neu-Süchtigen hängt laut begründeten Schätzungen jeder Vierte an der Nadel; von diesen wiederum ist jeder Vierte HIV-infiziert. Wie groß die Dunkelziffern sind, ist kaum zu erraten. Es war ja lange verpönt, darüber auch nur zu reden.

Bevor unter Präsident Khatami (1997–2005) das Regime sich lockerte, waren Sex, Drogen und Aids Tabu-Themen: keine Diskussion, keine Daten, keine Aufklärung. Unter Khatami wurde ein neues Drogengesetz mit dem Schwerpunkt Therapie statt Strafe erarbeitet (und blieb lange in den von Erzkonservativen beherrschten Räten hängen), eine Reihe von Präventionsmaßnahmen wurde eingeleitet.

Unter seinem Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad lag der Akzent wieder stärker auf Bestrafung; der demnächst das Amt übernehmende Ruhani hat Hoffnungen auf eine Lockerung und allgemein auf eine zeitgemäße, differenzierte Drogenpolitik geweckt.

Solange sich für viele junge, gut ausgebildete, aber arbeits- und perspektivelose junge Menschen keine Besserung der sozialen Lage abzeichnet, bleibt die Grundursache des Drogenkonsums trotz des lobenswert scharfen Kontrollsystems – das ohnehin nie lückenlos sein kann. Denn es ist die Verzweiflung über ihre ausweglos scheinende Lage, die die meisten in die Sucht treibt.

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