Die kräftige Lohnerhöhung, die Wirtschaftsminister Rainer Brüderle schon vor Monaten propagiert hat, fällt auch in diesem Jahr aus. Denn die bisherigen Tarifabschlüsse sind eher bescheiden. Das gilt auch für den jetzt verkündeten Schlichterspruch am Bau. Danach sollen die Löhne im Westen ab Mai um drei Prozent steigen, im Osten ab Juni um 3,4 Prozent. Mitte nächsten Jahres sind weitere Zuschläge vorgesehen. Wenn man herausfinden will, was der Vorschlag tatsächlich wert ist, muss man ein bisschen rechnen und erkunden, wie die Einkommen pro Jahr steigen. Nur so ist der Zuschlag mit dem Preisanstieg und Produktivitätsfortschritt vergleichbar.
Die Volkswirte der Commerzbank haben dies getan. Demnach bedeutet der Schlichterspruch für dieses Jahr ein Lohnplus von 2,6 Prozent und fürs kommende Jahr von 2,5 Prozent im Westen und von 2,6 Prozent im Osten. Der Zuschlag ist also bescheidener als der erste Eindruck vermuten lässt. Ein wichtiger Grund: Die Einkommen steigen erst ab Mitte des Jahres.
Und wie sieht es in anderen Branchen aus? Auch bei VW, in der Chemiebranche und im öffentlichen Dienst der Bundesländer bleibt der Lohnzuschlag deutlich unter drei Prozent. Insgesamt dürfte der Anstieg der Tariflöhne in diesem Jahr sogar unter zwei Prozent verharren, prophezeit die Commerzbank. Das wäre ein dürftiges Ergebnis.
Selbst das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft hält ein Plus von rund drei Prozent für akzeptabel. Doch daraus wird nichts. Obwohl die Wirtschaft kräftig wächst und allen Prognosen zufolge weiter wachsen wird, werden die Tarifabschlüsse wohl nicht einmal den Preisanstieg ausgleichen. Viele Beschäftigte werden sogar ganz leer ausgehen, weil ihr Unternehmen nicht an Tarifverträge gebunden ist.
Die betrieblichen Erfolgsbeteiligungen, die insbesondere große Industriekonzerne ihren Beschäftigten zahlen, werden an der mageren gesamtwirtschaftlichen Bilanz kaum etwas ändern. Denn üppige Boni gibt es nur in einigen Unternehmen. Statt kräftiger Lohnerhöhung sind also – wieder einmal – sinkende Reallöhne in Sicht.
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