Selbst bei den so genannten „Neuen Technologien“ stoßen wir auf Grundmuster uralter Geschichten. Der große Erfinder steht in der archaischen Tradition des Zauberers; er begegnet uns bereits in der griechischen Mythologie. Ein Fresko des Ikarus von Bernhard Heisig zierte den Palast der Republik der DDR, wie überhaupt der Ikarus zu den Lieblingsthemen dieses Malers gehörte: eine hintergründige Vorliebe! Nach der political correctness der DDR sollte es sich um einen sozialistischen Ikarus handeln, dem es gelang, sich bei seinem Sonnenflug wie der Sputnik am Himmel zu halten; er besitzt jedoch eine auffällige Ähnlichkeit mit einem anderen Motiv Heisigs: Christus am Kreuz.
Ich habe die Geschichte von Dädalus und Ikarus zum optischen Leitmotiv der bebilderten Neufassung meines Buches „Technik in Deutschland“ (2008) gemacht. Denn diese Geschichte hat es in sich, je mehr man über sie nachsinnt. Dädalus, der Athener, wurde auf Kreta bei König Minos durch sein technisches Genie so berühmt, dass der König ihn nicht wieder fortlassen wollte. Von Heimweh nach Athen gepackt, erfand er Flügel, die er mit Wachs befestigte, um mit seinem Sohn Ikarus aus Kreta durch die Lüfte zu fliehen. Berühmt ist der Rat, den er seinem Sohn vor dem Abflug gab: „Flieg immer auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senkest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen oder, wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfad durch die Luft folgend.“
Verführerische Technik
Dabei kamen dem alten Mann die Tränen; denn er spürte wohl, dass sein Sohn diese Mahnung nicht befolgen würde. Und so kam es: Bekanntlich wollte Ikarus in jugendlichem Übermut zu hoch hinaus, die Sonne erweichte das Wachs seiner Flügel, er stürzte ins Meer und ertrank.
Joachim Radkau (67) ist Professor für neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind die Technik- und Umwelt- sowie die Medizin- und Mentalitätengeschichte.
Zahlreiche Bücher Joachim Radkaus haben Maßstäbe gesetzt, so „Technik in Deutschland“ (1989) oder „Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler“ (1998). Jüngst erschien das hochgelobte Werk: „Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte“. (Verlag C.H. Beck).
Radkaus FR-Essay basiert auf einem Vortrag bei den Frankfurter Römerberggesprächen (FR v. 9. Mai).
Eine lehrreiche Geschichte! Es ist gerade die technische Kompetenz des Dädalus, die zur Vorsicht verleitet, zur Weisheit des mittleren Weges, zur klugen Balance zwischen konträren Risiken, während die Euphorie, die Fixierung auf den Superlativ in einer Richtung, der fatale Hang des naiven Dilettanten ist. Den wahren technologischen Virtuosen zeichnet das Risikobewusstsein aus; die Einbildung totaler Sicherheit verrät Ignoranz. Die Euphorie des Dilettanten hat jedoch ihren Grund; denn das Fliegen ist eine verführerische Technik.
Von Ovids Ars amatoria bis zu den neuzeitlichen Ikarus-Darstellungen gab es die Tradition, Ikarus als Archetyp des erotischen Menschen, des ungestüm Liebenden zu begreifen. Die verführerische Technik appelliert an menschliche Schwächen: ein fataler Zug, wenn es sich um keine fehlerfreundliche Technik handelt. Mag auch ein weiser Mann diese Technik beherrschen, muss man doch damit rechnen, dass auch weniger weise Menschen sich ihrer bedienen. Dass das nicht gut geht, ahnte Dädalus. Es gibt nicht nur einen Optimismus, sondern auch einen Pessimismus der Ingenieure!
Kein Lobbyist
Wieder und wieder begegnen wir gerade in der Tradition deutscher Ingenieure der Weisheit des Dädalus. Ein Musterbeispiel dafür bietet Max Maria von Weber (1822–1881), der bekannteste schriftstellernde Eisenbahningenieur des 19. Jahrhunderts, Sohn des Freischütz-Komponisten, der die Waldromantik popularisierte.
Damals war das Rollenspiel zwischen der breiten Öffentlichkeit und den Experten umgekehrt wie heute: Während heute Experten, die in Wahrheit Lobbyisten sind, einer beunruhigten Offentlichkeit weiszumachen suchen, eine neue Technologie sei absolut sicher, schildert Max Maria von Weber in aller Drastik, wie sich die Passagiere im Schlafwagen eines Zuges, der sich bei Nacht durch einen Schneesturm kämpft, einfältig in Sicherheit wähnen, während ein derartiger Kampf mit den Naturgewalten in Wahrheit hochriskant ist. „Hat der Sturm einen Signalbaum umgelegt, oder einen Wagen von einer Station auf die Bahn hinausgetrieben? Hat der Druck der Schneewehen die Telegraphenleitung gestürzt? … Hat eine aus dem Boden sickernde Quelle einen Eisklumpen auf dem Geleise gebildet? In allen diesen Fällen ist er“, der Lokführer an der Spitze des Zuges, „in höchster Gefahr des Leibes und Lebens, und wenn er jetzt den Regulator weiter öffnet und die Maschine schneller und schneller puffend und keuchend in die dicke Finsternis der Nacht, in der das Heulen des Sturmes auch jeden Warnruf der Signale verschlingt, hineinjagt, schneller und schneller, bis ihre dröhnenden Räder kaum mehr die Schienen zu berühren scheinen, so rast er der Gefahr blindlings entgegen.“
Dieser Typus von Experte setzte seinen ganzen Berufsstolz darein, einen öffentlichen Druck zur Durchsetzung höchster Sicherheitsvorkehrungen zu erzeugen, gegen die Großaktionäre der Eisenbahngesellschaften, der Objekte der wildesten Börsenspekulationen des 19. Jahrhunderts.
In den niederen Sicherheitskoeffizienten geküsst
Max Eyth (1836–1906) war der berühmteste deutsche Ingenieur-Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, ein Konstrukteur von Dampfpflügen, der viel in der Welt herumkam. Öffentlich bekannte er die „geheime Angst“ des für Großbauten verantwortlichen Ingenieurs, dass alle Vorausberechnungen in der Praxis durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen Lügen gestraft würden: ein unberechenbares Risiko, das – wie wir nicht erst seit Fukushima wissen – mitnichten durch die technischen Fortschritte des 20. Jahrhunderts überwunden, vielmehr durch die Illusion von Sicherheit vernebelt wurde.