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Poprock: Ein Gänseblümchen pflücken (vom Weltfrieden reden)

Die CD mit den vielen Klammern: Das neue Album der Band „Portugal. The Man“ bietet Musik im Stil der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Ganz bestimmt taugt sie aber für den Sommer.

Portugal. The Man

Es ist wahr. Die Mathematik und die Musikkritik sind zwei Wissenschaften, die sich bislang eher mit Misstrauen begegneten. Das soll sich nun ändern. Präzise statistische Erhebungen haben ergeben, dass von den elf Songs auf „In The Mountain, In The Cloud“, dem neuen Album von Portugal. The Man, genau sechs (in Zahlen: 6) einen Titel tragen, der mit einer Klammer erweitert wurde.

Das sind 54,5 Prozent. Aber was sagt uns das? Wohl tatsächlich nicht allzu viel, womit die Beziehung zwischen Stochastik und Stromgitarren – unter großem Bedauern der Fachwelt – schon wieder ihrem Ende entgegengehen dürfte. Zumindest bei unseren aktuellen Probanden aber weisen Songtitel wie „Head Is A Flame (Cool With It)“, „You Carried Us (All You See)“ oder „Everything You See (Kids Count Hallelujahs)“ doch zumindest auf eines hin: Portugal. The Man haben eine Schwäche für die späten Sechziger und die frühen Siebziger.

Damals waren nicht nur eingeklammerte Titelerweiterungen in Mode, sondern auch üppige Arrangements und bewusstseinserweiternde Substanzen. Erstere finden sich auf „In The Mountain, In The Cloud“ in großer Anzahl, zweitere könnten womöglich dazu gedient haben, diese so konsequent in Szene zu setzen wie niemals zuvor in der Geschichte der aus Alaska stammende Quartett.

Ein ganzes Jahr Berghütte

Das hat jenem goldenen Zeitalter der Popmusik seit seiner Gründung 2004 wohl tatsächlich noch nie so hingebungsvoll gehuldigt. Auf den bisherigen sechs Studioalben ergab sich die Band um Frontmann John Gourley, der einmal ein ganzes Jahr in einer Berghütte ohne Zivilisationsanschluss gelebt hat, einem solch hemmungslosen Eklektizismus, dass ein Rezensent sich zur Beschreibung „barockes Psychodrama“ hinreißen ließ.

Doch der ausufernde Wildwuchs ist vorbei und die Elektronik weitgehend verbannt. Diesmal konzentrieren sich Portugal. The Man auf ein einziges Klangbild: Das ist stets ein wenig verschwommen, ein Schleier aus Hall liegt über allem, die Sonne scheint hell, aber die Luft ist schwer und feucht. Man denkt: Irgendwie altmodisch. Man spürt: Kalifornien. Man riecht förmlich: Den leicht strengen Geruch, den ein echter Hippie verströmt.

Tatsächlich gelingt Portugal. The Man immer wieder das Kunststück, so zu klingen wie The Mamas & The Papas, Jefferson Airplane und oder auch mal die späten, ein bisschen zu bekifften Beatles. Noch erstaunlicher ist nur, dass diese verträumt dahinschwebende Psychedelia, die schier zu platzen scheint vor kleinen Details, einem glasklaren Trompetenstoß hier, einem verhuschten Glockenspiel dort, nicht nur recht einheitlich klingt, sondern auch noch modern.

Das mag zum einen daran liegen, dass die Erfolge, die der Neo Folk in den letzten Jahren feiern konnte, dafür gesorgt haben, dass jene Zeiten, auf die sich Portugal. The Man beziehen, gar nicht mehr so weit entfernt erscheinen. Schuld ist aber wohl vor allem, dass die Band noch nie durchgehend so eingängige, ja nachgerade zum Hit taugende Songs geschrieben hat: „Got It All (This Can’t Be Living Now)“ ist ein Jungbrunnen für Stevie Nicks, das unverschämt flockige „Floating (Time Isn’t Working My Side)“ schreckt nicht einmal vor einem „Ohohoooh“-Refrain zurück und „All Your Light (Times Like These)“ wirkt gar Foreigner abgeschaut, bis dann doch ein kleiner süßer Atonalausbruch doch wieder den schlimmsten Softrock-Schmelz zersetzt.

Doch meist ist das hier Musik, die verliebt auf der Wiese liegt. Die ein Gänseblümchen pflückt und vom Weltfrieden palavert. Musik, die der Welt in dunklen Zeiten Helligkeit bringt. Und ein neuer Sommer der Liebe kann kommen. An die Mathematik denken wir dann wieder, wenn es Herbst geworden ist.

Portugal. The Man: In The Mountain, In The Cloud. Atlantic/ Warner.

Autor:  Thomas Winkler
Datum:  14 | 7 | 2011
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