Kundus. Aufständische Taliban haben in den frühen Morgenstunden des Freitag zwei beladene Tanklastzüge gekapert. Diese standen an einer illegalen Straßensperre ungefähr sieben Kilometer südwestlich vom Lager des Regionalen Wiederaufbauteams Kundus.
Bei der Fahrt in den Unruhedistrikt Chahar Darah seien die Laster bei der Überquerung des Flusses Kundus auf einer Sandbank liegen geblieben. Der Polizeichef von Kundus, Abdul Rasak Jakubi, sagte, die Taliban hätten zwei Fahrer der Tanklastzüge geköpft.
Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.
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Luftangriff der Nato
Wie das deutsche Verteidigungsministerium erklärte, habe der örtliche deutsche Isaf-Kommandeur Luftunterstützung angefordert und den Feuerbefehl erteilt. Nato-Flugzeuge hätten daraufhin die beiden Tanklaster angegriffen. Die Tanklastzüge wurden zerstört. Dabei starben offenbar bis zu 60 Menschen.
Die Bundeswehr erklärt dazu, 56 Aufständische seien getötet worden. "Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag in Berlin. Der Schutz von Zivilisten habe für die Bundeswehr bei Militäroperationen oberste Priorität. Die Untersuchungen dauerten an. "Wir gehen davon aus, dass fast alle gegnerische Kämpfer waren."
Bodentruppen seien nicht beteiligt gewesen, erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, ohne weitere Details zu nennen. Einen Luftangriff in dieser Dimension mit einer so großen Anzahl von Opfern habe es im Einsatzbereich der Bundeswehr noch nicht gegeben.
Das Verteidigungsministerium stellte sich schützend vor den verantwortlichen deutschen Kommandeur: Es handele sich um einen ausgesprochen besonnenen Offizier, erklärte ein Sprecher mit Blick auf die möglichen zivilen Opfer und Kritik an der Verhältnismäßigkeit des militärischen Vorgehens.
Isaf-Sprecher Eric Tremblay erklärte, der Angriff habe Aufständischen gegolten. "Die ISAF bedauert jeden unnötigen Verlust von Menschenleben und ist zutiefst besorgt über das Leid, das diese Aktion unseren afghanischen Freunden bereitet haben könnte."
Dorfbewohner sprechen von 150 Toten
Im Gegensatz zur Bundeswehr spricht die Nato von vielen verletzten Zivilisten. Ein Sprecher sagte, sie würden in nahe gelegenen Krankenhäusern behandelt.
Nach dem Luftangriff in Nordafghanistan haben Angehörige von Opfern aus dem betroffenen Dorf Hadschi Amanullah der Darstellung der Bundeswehr widersprochen, wonach dabei keine Zivilisten getötet wurden.
"Mehr als 150 Menschen wurden getötet oder verletzt", sagte ein Dorfbewohner namens Nadschibullah der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. "In der Gegend waren auch Taliban, aber mehr Opfer gibt es unter Zivilisten." Sein 20-jähriger Cousin sei unter den Toten.
Die Dorfältesten planten, nach der Beerdigung der Opfer nach Kundus-Stadt zu reisen und sich dort über den Angriff zu beschweren. Nadschibullah sagte, die Menschen seien aus ihren Häusern gekommen, als sie den Lärm der Tanklastwagen hörten. "Die Menschen gingen nicht raus, um sich Benzin zu holen. Sie wollten sehen, was passiert, als es zu dem Bombardement kam."
Ein zweiter Dorfbewohner namens Mohammad Anwer, der seine Neffen am Freitag ins Krankenhaus nach Kundus-Stadt brachte, sagte unter Tränen:"Mein Bruder und seine zwei Söhne gingen in die Gegend, um zu sehen, was passiert. Mein Bruder wurde schwer verbrannt und ist gestorben. Jetzt habe ich seine beiden Söhne mit Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht."
Der afghanische Präsident Hamid Karsai sprach sein "tiefes Bedauern" aus. Er sprach weiterhin von rund 90 Toten. "Unschuldige Zivilisten sollten bei Militäroperationen nicht getötet oder verwundet werden", teilte sein Büro mit.
Menschen verbrannt
Der Gouverneur Mohammed Omar der nordafghanischen Provinz Kundus bestätigte inzwischen die Zahl der Toten mit bis zu 60. "Die meisten davon waren bewaffnete Taliban", so Omar. Rund 30 weitere Menschen seien verletzt worden. "Das Problem ist, dass all diese Menschen rund um die Tanklastwagen schwer verbrannt wurden und es unmöglich ist, sie zu identifizieren."
Zur Explosion sei es seiner Version nach gekommen, als Einwohner der ländlichen Region Treibstoff aus den Tanklastwagen abgezapft hätten, sagte der Omar. Die Betroffenen seien verbrannt.
Die meisten Todesopfer seien Aufständische, sagte der Sprecher der Provinzregierung, Mahbuhullah Sajedi. Unter den Opfern war nach seinen Angaben auch "eine kleine Zahl" von Zivilisten, darunter Kinder, die Benzin abzapfen wollten.
Tschetschenen unter den Toten
Der Gouverneur sagte weiter, unter den Toten bei dem Bombardement und der Explosion der Tanklastwagen seien auch vier oder fünf Anführer der Taliban gewesen. Auch vier tschetschenische Extremisten seien getötet worden.
Der Stammesälteste Mohammad Sarwar machte die radikal-islamischen Taliban wie auch die Regierung für die Explosion verantwortlich. Taliban-Kämpfer hätten die Tanker entführt und den Menschen den Kraftstoff angeboten, als es zur Explosion kam.
Die Nato erklärte, die internationalen Streitkräfte hätten in dem Gebiet einen Luftangriff geflogen. Das Ziel der Angriffe durch die Isaf seien Aufständische gewesen, sagte Hauptmann Jon Stock. Bei der Explosion seien zahlreiche Rebellen getötet worden. Die Isaf hat eine Untersuchung angeordnet, wie die Bundeswehr mitteilt.
In der Vergangenheit gab es mehrere Fälle von Nato-Schlägen, die zu zivilen Opfern führten. Unlängst hatte der Oberkommandierende der US- und Nato-Truppe, General Stanley McChrystal, gemahnt, die Einsatzführer sollten "die Fälle taktischer Erfolge - aber strategischer Verluste - durch zivile Opfer und hohe Schäden" vermeiden. Allein zwischen Januar und Mai sind nach UN-Angaben bei Luftangriffen etwa 800 Zivilisten ums Leben gekommen, was einer Zunahme von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Linke fordert Truppenabzug
In Deutschland nutzte der Fraktions-Chef der Linken den aktuellen Anlaß, um erneut den sofortigen Abzug deutscher Truppen zu fordern. "Die Inkaufnahme ziviler Opfer bei dem von der Bundeswehr in der vergangenen Nacht angeforderten Nato-Luftschlag hat noch einmal vor Augen geführt, dass der Kriegseinsatz der Bundeswehr und der Nato völkerrechtswidrig ist. In diesem Jahr sind schon über 800 Zivilisten durch die Nato umgebracht worden", erklärte Lafontaine in einer Pressemeldung.
"Jedes zivile Opfer der Kriegsführung der NATO und der Bundeswehr in Afghanistan führt zu einem weiteren Erstarken der Taliban und holt den Terror ins eigene Land", so Lafontaine weiter.
EU-Chefdiplomat Javier Solana hat nach den Berichten über zivile Todesopfer bei dem Luftangriff die Angehörigen bedauert. "Ich denke, das war sehr dramatisch. Und es tut mir für die Familien der Menschen, die bei der Explosion der Benzintankwagen getötet wurden, sehr leid", sagte Solana am Freitag am Rande eines EU-Außenministertreffens in Stockholm. "Ich bin darüber sehr traurig."(rtr/afp/dpa/kho)