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Afghanistan: Aschewolke verhindert Rückkehr der Verwundeten

Die deutsche Bundesregierung wehrt jegliche Diskussion über den Abzug aus Afghanistan ab. Zwischenstopp in Istanbul: Die Rückkehr der Verwundeten nach Deutschland scheitert derweil an der Aschewolke aus Island. Von Steffen Hebestreit

Bundeswehrsoldaten  bei Kundus.
Bundeswehrsoldaten bei Kundus.
Foto: rtr

Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich erneut hinter die Afghanistan-Strategie der Bundesregierung gestellt. "Ich weiß, dass viele Menschen Zweifel haben, ob der Einsatz richtig ist", sagte Merkel in den USA. "Doch ich will auch sagen, dass ich ganz bewusst hinter diesem Einsatz stehe, damit das Land stabilisiert wird und selbst für seine Verantwortung sorgen kann."

Der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans ergänzte in Berlin, die "Gefährlichkeit des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan sei allen Bundesregierungen" stets bewusst gewesen.

In Sprengfalle geraten

Am Donnerstag waren vier deutsche Soldaten in der Provinz Baghlan, etwa 100 Kilometer südlich des deutschen Feldlagers in Kundus, getötet worden. Anders als zunächst berichtet war ein Panzerfahrzeug vom Typ "Eagle IV" gegen 14.30 Uhr (Ortszeit) nicht mit Granaten beschossen worden, sondern in eine Sprengfalle geraten. Die drei Insassen des Fahrzeugs, das zum Zeitpunkt der Detonation an einer Flussbrücke gehalten hatte, wurden dabei getötet.

Der Wagen befand sich am Ende einer längeren Kolonne von Militärfahrzeugen und war klar als deutsches Fahrzeug gekennzeichnet. Nach FR-Informationen hatte der Eagle IV angehalten, damit mehrere Bundeswehrsoldaten eine kurze Besprechung an dem Fahrzeug abhalten konnten. Der Sprengsatz sei ferngezündet worden. Militärs gehen deshalb davon aus, dass es sich eher um einen zufälligen Anschlag gehandelt habe. Zuvor hätten im Laufe des Tages fast 1500 Soldaten die Stelle unbeschadet passiert. Anders als bei vergleichbaren Überfällen habe es auch kein anschließendes Feuergefecht mit Aufständischen gegeben.

Der vierte Deutscher starb etwa vier Stunden später, als seine Kolonne auf dem Weg zum Tatort von Taliban mit Raketenwerfern und Panzerfäusten beschossen wurde. Der Sanitäter befand sich in einem gepanzerten Sanitätsfahrzeug vom Typ "Yak", das laut Bundeswehr wohl gezielt unter Feuer genommen wurde. Er starb an seinen Verletzungen, während zwei Kameraden, die sich im Fahrerhaus des Wagens befunden hatten, unverletzt blieben.

Die deutschen Soldaten waren Teil einer etwa 100 Mann starken Kompanie, die seit 23. März gemeinsam mit anderen Isaf-Kräften fast 3000 afghanische Soldaten bei der Operation "Taohid II" anleiteten. Mit dieser Militäraktion sollen Taliban aus der Provinz Baghlan zurückgedrängt werden.

Durch Baghlan führt die wichtige Versorgungsroute "Pluto", die den Norden des Landes mit der Hauptstadt Kabul verbindet und immer stärker auch vom US-Militär als Nachschubroute genutzt wird, weil die Strecke über das pakistanische Peschawar inzwischen als zu gefährlich gilt. Ungeachtet der Toten wurde "Taohid II" am Freitag fortgesetzt. Sie entspricht der neuen Strategie der Internationalen Schutztruppe Isaf, verstärkt Präsenz in der Fläche zu zeigen und die afghanischen Truppen "im Felde" auszubilden.

Guttenberg fordert mehr Realitätssinn

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat erneut zu mehr Realitätssinn für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr aufgerufen. "Der Einsatz in Afghanistan ist gefährlich, er bleibt gefährlich", sagte er am Freitag im usbekischen Termes. "Wir müssen die Realitäten in Afghanistan offen benennen."

Noch am Freitag wollte Verteidigungsminister zu Guttenberg mit einem Lazarett-Airbus der Bundeswehr vom Luftwaffenstützpunkt Termes in Usbekistan aus die fünf verwundeten Soldaten sowie die vier getöteten Kameraden nach Deutschland bringen. Aufgrund der Aschewolke über weiten Teilen Westeuropas verzögerte sich allerdings der Abflug.

Guttenberg machte einen Zwischenstopp in Termes auf dem Weg von Afghanistan zurück nach Deutschland. "Im Lazarettflugzeug können die Verwundeten notfalls über Tage optimal versorgt werden", hieß es im Verteidigungsministerium. Ziel sei es aber, sie so schnell wie möglich in die Bundeswehrkrankenhäuser in Ulm oder Koblenz zu bringen. Inzwischen sind die Verwundeten und Guttenberg in Istanbul gelandet.

Der Minister über die verletzten Soldaten: Drei von ihnen seien ansprechbar. "Sie sind bereits wieder sehr stabil, und der eine oder andere sogar zu Scherzen aufgelegt. Es ist eine tolle Truppe."

Guttenberg verteidigte erneut das Afghanistan-Mandat. Er verwies allerdings darauf, dass die Mandatierung "mit heruntergeschraubten Zielsetzungen" erfolgt sei. "Wir können gewisse Ziele in Afghanistan nicht erreichen. Wir werden dort keine Westminister-Demokratie herstellen", sagte er.

Opfer alle aus Süddeutschland

Am Sonntag soll es im zuständigen Regionalkommando Nord in Masar-i-Sharif eine Trauerfeier für die getöteten Soldaten geben. Generalinspekteur Volker Wieker, der sich bereits vor Ort befindet, will an dieser Veranstaltung teilnehmen. Die Getöteten stammen allesamt aus Süddeutschland. Ein 33-jähriger Oberstabsarzt aus Ulm, ein 38 Jahre alter Major aus Widen sowie zwei 24 und 32 Jahre Soldaten aus Weiden waren laut Einsatzführungskommando unter den Opfern.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier warnte angesichts der Toten vor einem überstürzten Abzug der Bundeswehr. "Wir sind nicht kopflos hineingegangen, und wir dürfen jetzt nicht kopflos hinausgehen", sagte Steinmeier. Der verteidigungspolitische Sprecher der Partei, Rainer Arnold, sieht keinen Anlass, ein neues Mandat für den Einsatz zu fordern.

Der designierte Vorsitzende der Linken, Klaus Ernst, nannte einen Abzug der Bundeswehr "dringendst". Angesichts der Toten sei es das Gebot der Stunde, den Abzug rasch einzuleiten. Er verwies auf Umfragen, wonach zwei Drittel der Deutschen inzwischen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan nicht mehr unterstützen.

Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  16 | 4 | 2010
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