kalaydo.de Anzeigen

Afghanistan: Blutiger Aufruhr gegen Isaf

Bei wütenden Protesten gegen eine nächtliche Razzia der Nato in Afghanistan sind zumindest elf Afghanen getötet und mehr als 80 Menschen verletzt worden. Auch zwei deutsche Soldaten wurden verletzt.

Demonstranten im nordafghanischen Talokan protestieren gegen eine tödliche Aktion von US-Spezialkräften.
Demonstranten im nordafghanischen Talokan protestieren gegen eine tödliche Aktion von US-Spezialkräften.
Foto: dapd
Talokan –  

Bei Protesten gegen einen tödlichen Einsatz von US-Spezialkräften und afghanischen Einheiten in Afghanistan sind am Mittwoch mindestens elf Afghanen getötet und mehr als 80 Menschen verletzt worden. In Talokan, der Provinzhauptstadt von Takhar im Norden des Landes, waren Hunderte Bewohner der Stadt mit den Leichen von zwei Frauen und zwei Männern protestierend zu einem kleinen Stützpunkt der Bundeswehr gezogen. Die vier Toten waren in den frühen Morgenstunden von der Spezialeinheit beim Sturm auf ein Gebäude getötet worden.

„Tod den USA! Tod für Karsai!“, skandierte die Menge. Dann flogen laut offiziellen Angaben ein Molotowcocktail und mindestens eine Handgranate auf das Gelände des rund 40 Bundeswehrsoldaten beherbergenden, kleinen „Provinzberatungsteams“ der deutschen Truppen. Drei Soldaten und vier afghanische Bewacher erlitten Verletzungen.

Über den genauen Hergang der Zusammenstöße gab es widersprüchliche Angaben. Ein afghanischer Behördensprecher erklärte, die deutschen Soldaten hätten in die Luft geschossen. Aus der Bundeswehr verlautete, man werde ermitteln, ob einige der Toten Schüssen von deutscher Seite zum Opfer gefallen seien. Nach dem Aufruhr vor dem Stützpunkt waren stundenlang Schüsse in anderen Stadtteilen zu hören.

Die Demonstranten behaupteten, bei den vier Opfern des US-Einsatzes habe es sich um unbewaffnete Zivilisten gehandelt. Die Nato-geführte Isaf-Truppe gab dagegen eine detaillierte Schilderung, laut der in dem gestürmten Gebäude Mitglieder der radikalen „Islamischen Bewegung Usbekistan“ (IMU) Sprengsätze bauten.

Eine der getöteten Frauen habe mit einer Kalaschnikow AK 47 auf die Nato-Truppe angelegt. Die zweite Frau soll danach mit einer Pistole auf die Soldaten gezielt haben, bevor sie nach mehrfacher Warnung erschossen wurde. Es ist ungewöhnlich, dass bei Zusammenstößen in Afghanistan bewaffnete Frauen beteiligt sind. Einer der Männer scheint die Flucht von Komplizen gedeckt zu haben, bevor er erschossen wurde.

Bei Einsätzen der Spezialeinheiten sind seit dem vergangenen Jahr Hunderte von Kommandeuren der Talibanmilizen ausgeschaltet worden. Laut Isaf werden sie im Norden Afghanistans eng mit dem von der Bundeswehr geführten Regionalkommando Nord koordiniert. Die Einsätze, die überwiegend in den Nachtstunden passieren, provozieren oft Proteste bei der lokalen Bevölkerung und Vorwürfe, es würden unschuldige Zivilisten getroffen.

Wie zweideutig die Angaben sind, auf denen die Nato-Einsätze beruhen, zeigte unlängst eine Untersuchung von „Afghan Analysts Network“ (AAN). Danach töteten US-Spezialkräfte am 1. September 2010 in Takhar zehn zivile Wahlkämpfer. Eines der Opfer war der frühere Milizenkommandeur Zabet Amanullah. Die US-Truppen beteuern dagegen, es habe sich um den Taliban-Vizegouverneur der Provinz gehandelt.

Autor:  Willi Germund
Datum:  18 | 5 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken