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Bundeswehr in Afghanistan
Der Preis für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan ist hoch

06. April 2010

Afghanistan-Einsatz: "Die Bundeswehr muss sofort raus"

Professor Peter Strutynski ist Sprecher des "Bundesausschusses Friedensratschlag" in Kassel.  Foto: dpa

Der Friedensforscher Peter Strutynski ist überzeugt, dass die internationalen Truppen in Afghanistan die Lage verschlimmert haben. Im FR-Interview fordert er, alle Soldaten vom Hindukusch abzuziehen - und verrät, was danach passieren könnte.

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Herr Strutynski, wie lang soll die Bundeswehr noch in Afghanistan bleiben?

Die Bundeswehr muss sofort mit ihrem Abzug beginnen. Schließlich wird es vier bis fünf Monate dauern, um die knapp 5000 deutschen Soldaten komplett aus Afghanistan abzuziehen.

Sollen nur die Deutschen abziehen oder alle Truppen?

Afghanistan ist kein deutscher Krieg, sondern ein Konflikt, den die USA begonnen haben und an dem sich die Bundesrepublik stark beteiligt. Die Anwesenheit fremder Truppen in Afghanistan seit 2001 hat nicht eines der dortigen Problem gelöst, sondern viele Probleme verschärft. Deshalb müssen alle Soldaten raus.

Was wird nach einem Abzug aus Afghanistan?

Um das beantworten zu können, müsste man in die Zukunft blicken können. Sicherlich wird es nicht sofort Frieden in Afghanistan geben, wenn alle Truppen weg sind. Doch auch jetzt herrscht dort kein Frieden. Mit einem Abzug geben wir die Verantwortung zurück in die Hand der Afghanen. Sie müssen sich zusammenraufen. Ein militärischer Abzug bedeutet nicht, dass wir Afghanistan im Stich lassen. Wir müssen die zivile Hilfe massiv ausbauen. Die Kosten ließen sich finanzieren aus den Einsparungen, die ein Ende des Militäreinsatzes brächte.

Die Bundeswehr soll abziehen, die Aufbauhelfer bleiben?


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Die Hilfsorganisationen sollten sich überall dort in Afghanistan engagieren, wo die Bevölkerung dies ausdrücklich wünscht. Es gibt viele Beispiele karitativer Organisationen, die zivil helfen - ohne militärischen "Schutz". Ich denke dabei an die Kinderhilfe Afghanistan, die Schulen baut.

Glauben Sie nicht, dass die Taliban an die Macht kommen?

Ich halte es für ausgeschlossen, dass das alte Taliban-Regime unmittelbar die Macht übernehmen würde. Die Taliban sind längst nicht so stark wie in den neunziger Jahren. Damals hatten der Westen und Pakistan die Taliban systematisch aufgebaut und mit Waffen ausgestattet, was sie erst zu einem Machtfaktor werden ließ. Heute dürfen wir den bewaffneten und den politischen Widerstand in Afghanistan nicht miteinander verwechseln. Das Gros der Aufständischen hat nicht viel mit den Taliban am Hut, da spielt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Machtinteressen eine Rolle. Der afghanische Widerstand ist nicht Taliban-gesteuert.

Fürchten Sie wegen der unterschiedlichen Machtgruppen im Land einen neuen Bürgerkrieg?

Ich glaube, Afghanistan wird erst zur Ruhe kommen, wenn die afghanischen Kräfte ihre Unterstützung aus dem Ausland verlieren. Schon heute geht die Zahl der getöteten Zivilisten unter der jetzigen Isaf-Herrschaft in die Tausende. Der Westen trägt hierfür die Verantwortung. Dieser Verantwortung muss die internationale Gemeinschaft gerecht werden und massiv die zivile Hilfe aufstocken, um dem Land auf die Beine zu helfen. Nicht mit Waffen, sondern mit echter Hilfe.

Wieso spricht sich die afghanische Regierung selbst für eine weitere Nato-Präsenz aus?

Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat so gut wie keinen Rückhalt in der Bevölkerung. Deshalb folgt er einer Doppelstrategie: Karsai bittet die Nato um Hilfe - und kritisiert die Nato zugleich, um sich ein Restmaß an Unterstützung bei den Bürgern zu sichern. Das Besatzungsregime ist der Bevölkerung aber verhasst. Es wird Zeit, dass der Westen dies zur Kenntnis nimmt.

Interview: Steffen Hebestreit

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