Berlin. Der deutsche Oberst Georg Klein hatte es bei dem verheerenden Luftangriff am 4. September in Kundus nicht allein darauf abgesehen, die beiden entführten Tanklaster zu treffen. In einem Schreiben an den damaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, soll Klein nach Informationen der Frankfurter Rundschau bereits am 5. September als Ziel angegeben haben, neben den Lastern auch mehrere identifizierte Talibanführer durch den Luftschlag ausschalten und deren Unterstützer treffen zu wollen. Die Region Kundus war in dieser Zeit von einer ganzen Reihe von Taliban-Anschlägen erschüttert worden.
Im geheimen Untersuchungsbericht der Nato behauptet der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan, der US-General Stanley McChrystal, nach Informationen der Süddeutschen Zeitung, Klein sei es ausschließlich um die Taliban-Führer gegangen. "Er wollte die Menschen angreifen, nicht die Fahrzeuge", zitiert das Blatt eine zentrale Stelle des geheimen Berichts. Angeblich bezieht sich der Bericht auf eine Befragung Kleins durch den Isaf-Kommandeur.
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Nach FR-Informationen ging Klein fest davon aus, dass sich zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs keine Zivilisten an den Lkw aufhielten. Neben eigenen Informanten habe der afghanische Geheimdienst INS diese Annahme unterstützt, weil er die Mobiltelefone mehrerer Taliban-Führer abgehört habe, erfuhr die FR.
Das deutsche Hauptquartier in Afghanistan hatte schon am Morgen nach dem verheerenden Luftschlag am Kundus-Fluss einen Verdacht. Verwundert notiert das Regionalkommando Nord in Masar-i-Sharif, dass der deutsche Kommandeur des Feldlagers Kundus, Oberst Georg Klein, sich laut Einsatzprotokoll mit seinem Flug-Leitoffizier, dem Oberfeldwebel W., um 0.14 Uhr eigens habe "treffen müssen". Eigentlich sitzen Klein und sein Untergebener mit dem martialischen Codenamen "Red Baron 20" (Roter Baron) in dem Gefechtsstand des Lagers.
"Task Force 47"
Der Eintrag weise, so heißt es in einem Bericht des Regionalkommandos Nord, der der FR vorliegt, "auf einen JTAC-Standort außerhalb" des üblichen Operationsstands des Feldlagers hin. JTAC darf mit dem Wort Gefechtsstand übersetzt werden.
Die Mutmaßungen im 200 Kilometer entfernten Hauptquartier gehen noch weiter. Möglicherweise, so der Bericht , sei der gesamte Luftschlag im Gefechtsstand der deutschen "TF 47" geführt worden, um deren "besseren technischen Mittel zur Lagedarstellung und live Empfang des ROVER-Livevideos zu ermoeglichen". Inzwischen ist klar, was jene ominöse "Task Force 47" ist. Die Einheit gehört dem geheimen "Kommando Spezialkräfte" (KSK) der Bundeswehr und soll Taliban-Führer festzunehmen und das deutsche Lager schützen.
Kaum hatte Bild die "brisante" Beteiligung der KSK am Donnerstag enthüllt, schossen Spekulationen ins Kraut, die Terroristenjäger könnten den sonst so besonnenen Oberst Klein dazu verleitet haben, die beiden Tanklaster ohne Rücksicht auf mögliche zivile Opfer bombardieren zu lassen.
Tatsächlich waren nach FR-Informationen vier der sechs Soldaten auf dem Gefechtsstand zum Einsatzzeitpunkt Mitglieder der Taskforce. Allerdings war Oberst Klein mit Abstand der ranghöchste Militär im Raum. Zwei KSK-Offiziere dienten als Verbindungsleute zu Agenten im Feld, ein Hauptfeldwebel protokollierte das Geschehen und Hauptmann N. koordinierte den Ablauf. Nicht viel spricht dafür, dass etwa der KSK-Hauptmann N. einen mehrere Ränge über ihm stehenden Oberst dermaßen stark beeinflussen konnte, dass er eine solch verheerende Fehleinschätzung trifft. Wer die Abläufe der Nacht des 4. September 2009 nachliest, kommt zunächst zu dem Schluss, dass Klein fest der Auffassung gewesen ist, dass sich an den gekaperten Tanklastern ausschließlich Taliban-Kämpfer und ihre Unterstützer befanden.
Klein stützte sich dabei nach eigenen Angaben auf mehrere Quellen. Einen afghanischen Agenten, der laut des Berichts der Feldjäger vom 9. September zwar "ständig am Ort des Geschehens" gewesen sei, aber "ohne Blickverbindung" zu den Tanklastern zu haben. Vielmehr habe er telefonisch mit den Aufständischen in Kontakt gestanden. Die Angaben des Mannes deckten sich aber mit den Luftbildern, die die beiden US-Kampfflugzeuge an den Gefechtsstand in Kundus übermittelten. Diese Aufnahmen sollen im Übrigen deutlich höhere Qualität besessen haben als jenes Video, das vorvergangene Woche publik geworden ist.
Die Taliban-Führer ausschalten
Nach FR-Informationen hatte der afghanische Geheimdienst INS darüber hinaus die Telefongespräche mehrerer Taliban-Führer in der Nacht überwacht und mitgeteilt, dass sich die Männer vor Ort befänden und ausdrücklich nur ihre Unterstützer zu den Lastwagen durchließen. Diese Geheimdienst-Mitteilung soll auch jener mysteriöse "dritte Aufklärungsstrang" sein, auf den das Ministerium kurz nach dem Luftschlag hingewiesen, ihn aber nie näher definiert hatte.
In einem persönlichen Bericht an den damaligen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan soll Klein schon einen Tag nach dem Vorfall erklärt haben, ihm sei es bei dem Luftschlag um drei Ziele gegangen: Die Tanklaster unschädlich zu machen, damit sie nicht als rollende Bomben gegen das eigene Feldlager eingesetzt werden können. Die Taliban-Führer auszuschalten, die eine ständige und wachsende Bedrohung für die Gegend Kundus gewesen seien. Und notfalls auch ihren Unterstützern in den Dörfern Verluste zuzufügen. Klein sei überzeugt davon gewesen, dass sich keine Unbeteiligten am Tatort befunden haben. Dies habe ein afghanischer Agent mehrfach versichert. Nach heutiger Erkenntnislage könnte es sich dabei um eine fatale Fehleinschätzung gehandelt haben. Laut Protokoll hatte ihn KSK-Mann N. gewarnt, dass Agentenmeldungen "grundsätzlich nicht als absolut anzunehmen sind".
Die umfänglichen Einlassungen Kleins einen Tag nach dem Bombardement sollen nur an Generalinspekteur Schneiderhan gegangen sein und zu jenen Dokumenten gehören, die Schneiderhan seinem neuen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei Amtsübergabe nicht zur Kenntnis gegeben hatte. Der Generalinspekteur sagt hingegen, das Schreiben sei in Kopie ans Büro des damaligen Ministers Franz Josef Jung gegangen. Der Untersuchungsausschuss wird nicht nur diese Frage klären müssen.
Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) traf am Freitag zu einem Kurzbesuch im deutschen Feldlager in Kundus ein. Guttenberg habe die Bundeswehrsoldaten besucht, um zu demonstrieren, dass er hinter ihnen und ihrem Einsatz stehe, teilte das Ministerium mit. Am Mittwoch wird der Verteidigungsausschuss die Untersuchung des verheerenden Luftangriffs aufnehmen.