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Deutsche Soldaten in Afghanistan: Das Leben fordern

In Afghanistan sterben Menschen, Soldaten wie Zivilisten, weil wir das so wollen. Deutschland führt einen Krieg am Hindukusch. Doch sind wir darauf vorbereitet?

Eine Ehrenwache zeigt, dass der Ernstfall eingetreten ist.
Eine Ehrenwache zeigt, dass der Ernstfall eingetreten ist.
Foto: ingo wagner/dpa

In Afghanistan sterben Menschen, Soldaten wie Zivilisten, weil wir das so wollen. Nicht dass wir irgend jemandem den Tod wünschten oder gar zum Mord aufriefen. Aber wir nehmen hin, planen und rechnen damit, dass Menschen sterben. Wir ziehen den Tod ins Kalkül, wozu auch gehört, dass wir von unseren Soldaten die Bereitschaft erwarten, ihr Leben einzusetzen. Zum Beruf des Soldaten gehört seine Todesbereitschaft. Sie hat nicht so sehr mit Leichtsinn oder Heldenmut zu tun, sondern vor allem damit, seinem Land zu dienen und ihm, wenn es darauf ankommt, das Höchste zu opfern, was ein Mensch hat: das eigene Leben.

Dieser Gedanke ist der bundesrepublikanischen Gesellschaft fremd. Mit Recht, denn in unserer jüngeren Geschichte finden sich genügend Gründe, misstrauisch gegenüber jeder politischen Doktrin zu sein, die von uns Menschenleben fordert. Wir wohnen in einer weitgehend pazifizierten und postheroischen Gesellschaft. Patriotische Gefühle empfinden wir noch bei Fußballweltmeisterschaften. Unsere Opferbereitschaft beschränkt sich auf kaum mehr denn die Zahlung der Steuern, der Tod ist eine versicherungstechnische Größe - und in Unfallstatistiken, Krankenhäuser und Altersheime verbannt.

Nun hat der Tod nicht nur keinen Ort mehr in unserer Gesellschaft und ist gewissermaßen aus deren Mitte an die Ränder verschwunden, sondern wir tun uns auch mit militärischen Ritualen schwer, etwa bei öffentlichen Gelöbnissen. Deswegen sind wir auf tote Soldaten kaum vorbereitet. Sogar die Bundeskanzlerin zögerte, an der Trauerfeier für die drei am Karfreitag in Kundus getöteten Soldaten teilzunehmen. Doch selbst wenn unsere Soldaten den Krieg überleben und verletzt oder traumatisiert heimkehren, können sie nicht unbedingt mit unserer Unterstützung rechnen. Auch in Hinblick auf die juristischen Folgen bleiben sie meist auf sich allein gestellt.

Wer bereit ist, sein Leben für unsere Gesellschaft zu geben, und zwar - wohlgemerkt - auf der Grundlage parlamentarischer Mehrheitsbeschlüsse, sollte nicht auf Dankbarkeit oder Anerkennung hoffen. Das war schon so, bevor regierungsoffiziell von "kriegsähnlichen Zuständen" und neuerdings "Krieg" die Rede war. Immerhin bedeutet diese neue Sprachregelung, die nach einem über mehrere Etappen führenden Eingewöhnungsprozess der Bevölkerung zugemutet wird, dass es keine Ausflüchte mehr gibt. Wo wir "Krieg" führen wollen oder müssen, nehmen wir den Tod von Menschen wissentlich in Kauf.

Doch ertragen wir diese Zumutung kaum. Beim Bombardement von Kundus im letzten Jahr starben 142 Menschen auf afghanischer Seite - ein Vielfaches der seit Beginn ihres Einsatzes im Jahre 2002 gestorbenen 43 deutschen Soldaten. Das soll nicht Menschenleben gegeneinander aufrechnen, sondern darauf hinweisen, dass im Krieg vor allem Zivilisten sterben. Der "Fall Kundus" allerdings ist längst in die Hinterzimmer eines Untersuchungsausschusses verlegt und damit der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder entzogen worden. Der Krieg, seine Toten und Opfer sollen unsichtbar bleiben.

In Deutschland gibt es für alles eine "politische" Lösung: Legitimation durch Verfahren, heißt sie, gemeint ist das Untersuchungs-, Verwaltungs- oder Gerichtsverfahren. Mehr Sinnstiftung ist nicht zu erwarten. Zu dieser erstaunlichen Unbekümmertheit passt der Glaube, wir bräuchten unsere Truppen aus Afghanistan und anderen Kriegsschauplätzen nur wieder abzuziehen, und schon sei alles in Ordnung. Geflissentlich übersehen solche, stets im Brustton der Unschuld vorgetragenen Äußerungen, dass etwa im Fall Afghanistans ein sofortiger Abzug die Region - die Atommacht Pakistan inklusive - den Taliban überließe.

Unschuld ist nur eine anmaßende Illusion. Die freiheitliche Ordnung unseres Gemeinwesens, unsere kapitalistische Sozialstaatsdemokratie, unsere Wirtschafts- und Werteordnung fordert ihre Opfer, und zwar auch, ohne dass ein "Krieg" geführt wird. Nur ein Beispiel: Wir haben uns begünstigende Marktregeln durchgesetzt, unter denen die ärmere Hälfte der Menschheit ihre Grundbedürfnisse nicht sicher abdecken kann. Mit diesen Regeln töten wir Millionen. Unsere Freiheit und Sicherheit, ob sie nun am Hindukusch verteidigt werden oder nicht, bedeuten de facto immer auch den Export tödlicher Armut.

Die moralische wie politische Hypothek selbst noch unserer unveräußerlichen Freiheit nehmen wir ungern zur Kenntnis. Doch Tod und Opfer, die wir nicht nur in die Randgebiete unserer Gesellschaft, sondern auch in die entlegenen Gegenden auf diesem Globus externalisieren, tauchen immer wieder auf bitter-ironische oder, wer das bevorzugt: tragische Weise in der Mitte unserer Gesellschaft auf - etwa in Gestalt unserer Soldaten. Tod und Opfer sind keine Anomalie dieser Gesellschaft. Unsere Freiheit hatte immer schon ihren Preis. Längst überfällig ist eine Diskussion darüber, wie viel uns unsere Lebensform wert ist.

Autor:  Christian Schlüter
Datum:  19 | 4 | 2010
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