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Dokumentation: Claudia Roths Reisetagebuch: Mutprobe Frauen-Fußball

Schülerinnen auf dem Weg zum Unterricht. Bild: Michael Kellner

Heute heißt es sich fein machen. Der deutsche Botschafter hat zum Dinner in seine Residenz geladen. Einem schlichten Bau mit einer Einrichtung, die hervorragend in ein kulturgeschichtliches Museum für die Periode der 70er Jahre passen würde. Das hat einen guten Grund: Die deutsche Botschaft gehörte zu den wenigen Botschaften, die von den Taliban nicht gestürmt und geplündert worden ist. Eine heute legendäre deutsche Mitarbeiterin, Frau Salimi, verheiratet mit einem Afghanen, harrte hier aus, stellte sich wenn nötig den Taliban-Kämpfern in den Weg.

Als ich 2000 in Kabul war, setzte sie den deutschen Besuchern rheinischen Sauerbraten vor – und ein halbes Gläschen Doppelkorn, zu damaligen Taliban-Zeiten eine streng verbotene Rarität.
Botschafter Rüdiger König hat seinen Posten in Kabul gerade erst angetreten, wir sind die erste Delegation, die er hier betreut und zum Briefing geladen hat. Schnell wird klar, dass er genau die richtige Besetzung dieses Postens ist. Aus früheren diplomatischen Missionen kennt er die Verhältnisse sehr genau, analysiert messerscharf die politische Situation in Afghanistan. Überhaupt freut es mich zu sehen, wie die Mitarbeiter der Botschaft, mit denen wir es zu tun haben, hier kundig und mit großem Einsatz tätig sind.

Kabul ist keine Station wie viele andere. Die Arbeit und das Leben hier verlangen verdammt viel, was sie aber offenkundig sehr gerne zu geben bereit sind. Beim Essen mit dabei ist Martin Kobler, stellvertretender Leiter der UNAMA, der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan. Es gibt ein freudiges Wiedersehen, ich kenne ihn noch gut aus Regierungszeiten, in denen er Büroleiter von Joschka Fischer im Auswärtigen Amt war. Danach war er deutscher Botschafter in Kairo und Bagdad. Hinzu kommt noch Michael Steiner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan.

Frauen für Sicherheitschecks fehlen

Ein Thema der Runde in der Residenz sind die anstehenden Parlamentswahlen am 18. September. Frage ist, wie diesmal Wahlfälschungen im großen Stil verhindert werden können, wie sie bei den Präsidentschaftswahlen stattgefunden haben. Und wie trotz der Bedrohungen und Schwierigkeiten überhaupt die Wahlteilnahme ermöglicht werden kann. So erfahren wir, dass tausende von Frauen nötig sind, um die notwendigen Sicherheitschecks bei Wählerinnen durchzuführen – diese müssen allerdings erst einmal gefunden bzw. dazu bewegt werden.

Auch die Methode mittels eines Fingerabdruckes sicherzustellen, dass jeder Wähler auch wirklich nur eine Stimme abgibt, ist zweischneidig. So drohen die Taliban, dass jedem eben jener Finger abgeschnitten wird, der an der Wahl teilnimmt. Dass das keine leeren Drohungen sind, haben vergangene Wahlen gezeigt. Umso beeindruckender ist, wie viele Afghanen sich trotz solcher Drohungen nicht davon abhalten lassen, von ihrem noch jungen Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Fraglich ist, wie viele es angesichts der sich zunehmend verschlechternden Sicherheitslage bei den nächsten Wahlen sein werden. Martin Kobler zeigt sich auch bei einem späteren Treffen in der UN-Vertretung zuversichtlich, dass die Wahlen diesmal besser vorbereitet wären als die Präsidentschaftswahlen. Wie viele andere Gesprächspartner auch hat er aber große Sorgen, was die Zunahme von Gewalt, Drohungen und Einschüchterungen angeht. Das Ende des Ramadans und die Zeit vor den Wahlen gilt als besonders heikle Phase.

Gezielte Nachtaktionen gegen Taliban

Beim Abend in der Residenz wie in vielen anderen Treffen geht es um das Versöhnungs- oder auch Reintegrationsprogramm für Taliban-Kämpfer. Sie sollen Unterstützung bekommen, ihnen sollen Möglichkeiten für ihren Broterwerb angeboten und andere Perspektiven eröffnet werden, damit sie den Kampf in den Taliban-Reihen aufgeben. Auch geht es um den Strategiewechsel, der eine Verstärkung des zivilen Wiederaufbaus beinhalten soll, aber auch den klaren Vorrang des Schutzes der Bevölkerung.

Das deutliche gesunkene Vertrauen in die internationale Truppenpräsenz und die Herzen und Köpfe der Afghanen sollen wieder gewonnen werden. Soweit die von der Bundesregierung in Berlin gerne gebetsmühlenartig wiederholte Theorie. Die Praxis hier vor Ort sieht doch anders aus, das wird bei weiteren Treffen mit amerikanischen Vertretern und ISAF-Offizieren schnell klar. ISAF-Kommandeur Petraeus und die Amerikaner verfolgen klar und unmissverständlich eine Strategie der offensiven und gezielten Bekämpfung von Taliban und anderen kämpfenden Afghanen.

Von Nacht-Aktionen ist die Rede, bei denen Spezialkräfte gezielt in die Häuser und Schlafzimmer von Taliban-Kommandeuren und –Kämpfern eindringen, diese verhaften oder direkt töten.

Allein in den vergangenen drei Monaten sollen auf diese Weise an die 2500 Taliban-Kämpfer und –Kommandeure verhaftet oder getötet worden sein. Durch eine offensive Strategie soll großer Druck auf die Taliban aufgebaut werden, um für eine spätere Verhandlungslösung eine bessere Position zu schaffen. Das ist offenkundig die Strategie, die US-General David Petreaus als Kommandierender für die ISAF-Truppen vorgibt. Als Teil der ISAF-Truppen gilt sie damit grundsätzlich auch für die Bundeswehr. Auch wenn ich während des Aufenthaltes und der Gespräch keinen Anzeichen dafür finde, dass die Bundeswehr an diesen Nachtaktionen von Spezialkräften beteiligt ist.

Zweifel an der Strategie

Von dieser Offensiv-Strategie habe ich in Berlin von der Bundesregierung noch nichts gehört, denke ich. Es erscheint mir völlig schleierhaft, wie diese Offensiv-Strategie einschließlich umfangreicher gezielter Tötungen durch Spezialkräfte mit dem immer wieder propagierten Strategiewechsel zusammenpassen soll. Wie soll das zusammengehen und wie soll diese Strategie erfolgreich sein, frage ich mich.

Mehrere Gesprächspartner weisen daraufhin, dass nach vorsichtiger Schätzung an die 20.000 Medresen, Religionschulen, in Pakistan existieren. In vielen von ihnen wird permanent Nachwuchs für die Taliban rekrutiert. Einige Gesprächspartner geben zu bedenken, dass die Strategie gezielter Tötung auch zu einer Radikalisierung und Fragmentierung der Taliban führt, was eine politische Lösung sicher nicht leichter macht. Nahezu unisono sind sich aber alle Gesprächspartner einig, dass dieser Konflikt nicht militärisch gewonnen werden kann, sondern eine politische Lösung nötig ist.

Die Fragwürdigkeit dieser Strategie beschäftigt auch Präsident Hamed Karzai, den wir gemeinsam mit Botschafter König treffen. Wieder nach einer Fahrt durch Tore, Mauern und Sicherheitsschleusen. Dieser Präsidentenpalast muss einer der weltweit am besten gesicherten sein, denke ich mir.

Neben Präsident Karzai verströmt ein gewaltiger Rosenstrauß einen betörenden Duft. Afghanistan war früher berühmt für seine Rosen und Rosenöle. Das sei eine besondere und seltene Rosenart, erläutert Karzai, ihr Name sei „Königin der Nacht“. Da passt unser Gastgeschenk, das wir wie bei allen anderen Terminen selbstverständlich dabei haben, diesmal ganz besonders: Eine Aufnahme der Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte.

Von Rosen und Arien kommen wir aber sehr schnell zur Situation in Afghanistan. Hamed Karzai macht deutlich, dass eine Lösung der Kämpfe und Konflikte aus seiner Sicht nur unter aktiver Einbeziehung Pakistans möglich sei. Solange dort in Medresen ungestört neue Taliban-Kämpfer herangezogen würden, sei der Kampf in Afghanistan gegen diese kaum zu gewinnen. Durch diese Situation sei er jetzt zu Verhandlungen mit den Taliban und zu einem so genannten „Wiederversöhnungsprogramm“ gezwungen. Länger diskutieren wir über dieses Thema.

Aus meiner Sicht dürfen die Opfer der Taliban-Ära dabei nicht vergessen werden – und schon gar nicht wieder die Opfer von morgen werden. Auf meine Nachfragen hin versichert er mir, dass eine mögliche Machtteilung mit Talibanführern nicht zu einer schleichen Umwandlung der Islamischen Republik Afghanistan zu einem Islamischen Emirat Afghanistan führen dürfe, in der die Uhren bei den Menschen- und Frauenrechten wieder zurückgedreht werden. Ich bleibe skeptisch und frage mich, wie bei einer Machtteilhabe von Taliban die Rechte der gegenwärtigen Verfassung wirklich gewahrt werden sollen. Schon jetzt stehen vieler dieser Rechte bisher nur auf dem Papier.

Pakistan-Politik in der Kritik

Präsident Karzai verweist schließlich noch auf das große Potential der Bodenschätze in Afghanistan und bittet um deutsche Unterstützung zu ihrer Erschließung. Wir diskutieren darüber, dass man nicht die Fehler vieler anderer Länder wiederholen und damit massive Umweltzerstörungen verursachen dürfe.
Die Rolle der Nachbarländer und insbesondere Pakistans unterstreicht später auch Außenminister Rasool, ein sehr feiner älterer Herr, der lange im Exil in Rom für den früheren afghanischen König tätig war. Er plädiert für eine Regionalkonferenz, um diesen Prozess voranzubringen. Nötig wäre in diesem Zusammenhang auch eine aktive Pakistan-Politik der deutschen Bundesregierung, denke ich mir. Da ist aber gegenwärtig bei Außenminister Westerwelle weit und breit nichts zu sehen.
Ganz anders als die streng nach Protokoll ablaufenden Treffen mit Präsident und Außenminister ist das Wiedersehen mit Rangin Dadfar Spanta, lange Jahre Außenminister und jetzt Nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten. Er hat lange in Deutschland gelebt, war dort bei den Grünen aktiv. Wir kennen uns noch gut aus diesen Zeiten, an die er sich gerne erinnert. Auch er verweist auf das aus afghanischer Sicht zentrale Problem der Situation in Pakistan.

Klare rote Linie aller drei Gespräche ist die große Bedeutung und lange Tradition der deutsch-afghanischen Beziehungen und die hohe Wertschätzung, die Deutschland und seine Kultur hier genießen. Dieser Auffassung scheint die Bundesregierung aber ganz offensichtlich nicht zu sein. Anders kann ich mir nicht erklären, was ich dann noch sehen und hören muss. Wir besuchen das Goethe-Institut in Kabul, ein Besuch, der bei mir ungläubigen Ärger hervorruft.

Goethe-Institut im DDR-Ambiente

Das Goethe-Institut ist im Gebäude der ehemaligen DDR-Botschaft untergebracht. Und seitdem hat sich nichts verändert, und wenn, dann nur zum Schlechteren: Decke und Wände bröckeln ab, an den Wänden ist Schimmel zu sehen, in kleinen, spärlich möblierten Räumen sitzen zahlreiche junge Afghaninnen und Afghanen über ihre Deutschbücher gebückt.

Ich kann mir den zynischen Gedanken nicht verkneifen, dass die Lampen und viele Einrichtungsgegenstände von hier in den Retro-Möbel-Läden im Prenzlauer Berg sicher gute Preise erzielen würden. Es ist eigentlich nicht zu fassen: das ist das mit Abstand schäbigste Gebäude, das uns bisher hier bei unseren Terminen begegnet ist. Das soll der Ort für den deutsch-afghanischen Kulturaustausch sein? Der Raum, um junge Afghaninnen und Afghanen für deutsche Sprache und Kultur zu gewinnen und begeistern? Ganz abgesehen davon, dass Räume für Kultur und entsprechende Veranstaltungen in Kabul rar gesät sind, Einrichtungen wie dem Goethe-Institut damit eine besondere Bedeutung zukommen.

Der Ort hält die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber nicht davon ab, hier ganz hervorragende Arbeit zu leisten, das bemerke ich schnell. Für das Filmfestival oder auch das Literaturfestival, das sie mitorganisieren, müssen aber Räume im französischen Kulturinstitut gemietet werden. Erstaunt erfahre ich, dass überhaupt nur drei Länder mit Kulturinstituten hier in Kabul vertreten sind. Nicht weniger erstaunt bekomme ich auch mit, dass die Mittel für die von Deutschland gegründete und seit den zwanziger Jahren bestehende renommierte Amani-Oberrealschule gekürzt werden sollen.

Wie, frage ich mich, soll denn die Entwicklung in Afghanistan vorangebracht werden, wenn neben all den anderen Problemen und Hindernissen auch noch diese für die deutsch-afghanischen Beziehungen zentralen Bildungsinstitutionen in so fahrlässigen Weise mit Füßen getreten werden? Das muss sich ändern, dafür will und werde ich mir hierzulande einsetzen. Es gibt in Afghanistan viele nur schwer überwindbare Schwierigkeiten und Dilemmata, mit denen das deutsche Engagement konfrontiert ist. Aber am Goethe-Institut in Kabul für bessere Bedingungen zu sorgen, das kann doch nun wirklich nicht so schwer sein.

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Autor:  Claudia Roth
Datum:  27 | 8 | 2010
Seiten:  1 2 3 4
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