Bundeswehr in Afghanistan
Der Preis für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan ist hoch

27. August 2010

Dokumentation: Claudia Roths Reisetagebuch: Mutprobe Frauen-Fußball

 Von Claudia Roth
Die Delegation der Grünen mit drei afghanischen Fußball-Nationalspielerinnen. Foto: Michael Kellner

Grüne Außen- und Verteidigungspolitiker sind auf Erkundungstour durch Afghanistan gefahren. Die Vorsitzende der Partei, Claudia Roth, schildert für FR-online ihre Eindrücke des umkämpften Landes in einem Reisetagebuch.

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Grüne Außen- und Verteidigungspolitiker sind auf Erkundungstour durch Afghanistan gefahren. Die Vorsitzende der Partei, Claudia Roth, schildert für FR-online ihre Eindrücke des umkämpften Landes in einem Reisetagebuch.

Scharfkantig zeichnen sich die Bergrücken des Hindukusch gegen den gleißenden Himmel ab, als wir nach einer der Sonne entgegen geflogenen Nacht Kabul erreichen. Vom Flughafen, wo uns Mitarbeiter der Botschaft empfangen, geht es direkt weiter in den Norden Afghanistans: nach Mazar-i-Sharif, zum Bundeswehrstandort Camp Marmal.

Im Warteraum des militärischen Teil des Flughafens sitzt eine junge US-Soldatin in voller Ausrüstung neben einem älteren afghanischen Offizier. Sie warten auf den Flug und Einsatz in Kandahar, im gefährlichen Süden Afghanistans. Eingezwängt in eine schwere Sicherheitsweste sitze ich bald im Transportraum einer Maschine der Bundeswehr, neben mir ein Berg von Paketen und Gepäckstücken aller Art, außerdem bewaffnete Soldaten. Die Motoren dröhnen.

Nach einer knappen Stunde Flug landen wir auf dem Militärflughafen von Mazar-i-Sharif. In einer kargen, staubigen, von der Sommersonne verbrannten Landschaft liegt im Schatten der Berge das Camp der internationalen Schutztruppe ISAF. Hier sitzt der Kommandeur des ISAF-Nordkommandos, ein deutscher Zwei-Sterne-General. Das ist die erste Station unserer einwöchigen Reise in Afghanistan mit einer grünen Delegation.

Neben mir sind unter anderem auch Frithjof Schmidt dabei, Vize-Fraktionsvorsitzender und zuständig für Außen- und Sicherheitspolitik, Winfried Nachtwei, viele Jahre Bundestagsabgeordneter und der profundeste Afghanistan-Kenner der Grünen. Agnieszka Malczak, mit 25 Jahren die jüngste weibliche Abgeordnete im Bundestag, die nicht etwa in den Jugendausschuss, sondern in den Verteidigungsausschuss wollte, um dort den vermeintlichen harten Kerlen Beine zu machen.

Unser Ziel ist es, ein möglichst klares Bild von der politischen und gesellschaftlichen Lage zu bekommen, von der Realität vor Ort des in der deutschen Öffentlichkeit heftig diskutierten Bundeswehreinsatzes, aber auch von der Arbeit der Entwicklungsorganisationen und NGOs. Allzu oft fristet deren Tätigkeit ein Schattendasein. Die Berichterstattung vieler Medien verengt sich auf den Bundeswehreinsatz und die Informationspolitik der Bundesregierung ist unvollständig bis irreführend. Für eine verantwortungsvolle Diskussion und Entscheidung über das deutsche Engagement brauchen wir ein vollständiges Bild, nicht nur Puzzleteile, die oft genug interessengeleitet sind.

5000 Soldaten aus verschiedenen Ländern in einem Lager

Das Lager der Isaf-Truppen ist hoch gesichert und so groß und autark wie eine kleine Stadt. Mehr als 5000 Soldatinnen und Soldaten aus den unterschiedlichsten Ländern leben hier. Bevor wir mit ihnen sprechen, fahren wir zu einem neben dem Camp gelegenen Ausbildungszentrum für die afghanische Polizei, in einem hochgesicherten Konvoi, die Sicherheitslage hat sich auch hier im Norden in den vergangenen Monaten deutlich verschärft, was wir auch noch erleben werden.

Mehrere ebenerdige Häuser sind akkurat nebeneinander angerichtet. Kein Zweifel, dieses Camp wurde von Deutschen erbaut. Drei Polizisten und eine Polizistin aus Deutschland begrüßen uns, sie bilden hier aus. Sechs Wochen dauert die Basisausbildung, berichten sie, in dieser Zeit leben die afghanischen Polizisten hier im Zentrum. Gerade ist Fastenzeit, Ramadan, vor Sonnenuntergang dürfen gläubige Muslime weder Essen noch trinken. Deshalb wird gerade nur vormittags ausgebildet, früher damit begonnen, ohne Wasser und Nahrung lässt die Konzentration nachmittags nach. Im Sommer hatten sie 47 Grad im Schatten und in der Sonne über 60 Grad, erzählen die Ausbilder. Ich frage mich, wie sie das aushalten. Schon mit deutlich über 30 Grad wie gerade brennt die Sonne hier unerbittlich.

Neben der Fachausbildung vermitteln die Beamten das Thema Menschenrechte, das Vorgehen gegen Verdächtige und den Umgang mit Verhafteten. Das ist bitter nötig, denn das Vertrauen der Afghanen in ihre Polizei ist gering. Afghanische Frauen erzählen uns später, dass sie nie auf die Idee kommen würden, sich an die Polizei zu wenden. Zu oft machten sie schlechte Erfahrungen mit Willkür und Korruption.

Dabei stehen die Ausbilder vor einem großen Problem: Ein großer Teil der Polizisten kann weder lesen noch schreiben - kein Wunder bei über 70 Prozenten Analphabeten im Land. Auch Schießübungen gehören zur Ausbildung, nicht im Lager, sondern außerhalb. Dort werden auch erst die Waffen ausgegeben, aus Sicherheitsgründen. Vier Tage später, wir sind dann schon in Kabul, werden zwei spanische Ausbilder und ein Übersetzer bei solchen Schießübungen erschossen.

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