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EKD-Vorsitzender Nikolaus Schneider im Interview: "Wir rechtfertigen den Krieg nicht"

"Gar nichts ist gut in Afghanistan" - dieser Satz seiner Vorgängerin Margot Käßmann sorgte in Deutschland für Aufruhr. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider spricht über seinen Besuch in Afghanistan.

Nikolaus Schneider predigt in Masar-i-Sharif.
Nikolaus Schneider predigt in Masar-i-Sharif.
Foto: epd

Alles gut in Afghanistan, Herr Präses?
Nein, überhaupt nicht. Aber ich sehe doch sehr viel mehr Positives, als ich gedacht hätte. Ich denke besonders an die florierenden zivilen Aufbauprojekte. Hätten Sie sich zum Beispiel vorstellen können, dass es hier in Masar-i-Sharif ein Frauenhaus gibt für Opfer häuslicher Gewalt?

Ich dachte, Sie besuchen die deutsche Isaf-Truppe.
Ja, und die zivilen Helfer arbeiten unter der Voraussetzung, dass es einen Raum gibt, in dem sie sich geschützt bewegen können. Den versucht die Bundeswehr zu bieten. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich auch den Begriff „Sicherheit“ neu zu verstehen gelernt: Noch – so sagen es die zivilen Helfer – brauchen wir den Schutz des Militärs. Auf Dauer aber muss es darum gehen, dass die Bevölkerung mit ihrer Zustimmung zur zivilen Hilfe den Schutzraum bietet.

Einsatz in Afghanistan

Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Mehr dazu im Afghanistan-Spezial.

Nehmen die Soldaten friedensethische Bedenken der Kirche gegen Kriegseinsätze nicht als Delegitimierung ihres Handelns und als Mangel an Unterstützung wahr?
Durch unseren Besuch wollen wir den Soldaten zeigen: Wir stehen als Kirche an eurer Seite, ihr gehört zu uns. Die etische Gewissheit, das Richtige zu tun, werden wir ihnen aber nicht geben können. Wir werden den Krieg nicht rechtfertigen. Der Satz, „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, bleibt gültig.

Wie sollen die Soldaten beides zusammenbringen?
Ich glaube, sie verstehen sehr gut, dass das ein Dilemma ethischen Handelns ist und bleibt. Außerdem muss ich es ja auch selbst immer wieder versuchen zusammenzubringen. Am Freitag zum Beispiel habe ich mit Soldaten geredet, die auf vorgeschobenem Posten liegen. Da wird geschossen und getötet. Das war sehr bedrückend für mich, weil es klar macht: Im Krieg kommt man an schuldhaften Situationen nicht vorbei.

Ehepaar Guttenberg in Afghanistan

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Merkel in Afghanistan

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Weil die Alternative heißt: Einer stirbt – der andere oder ich?
Es geht zwar nicht zu wie im Wilden Westen, aber die Soldaten müssen immer abwägen, ob sie gegnerischer Gewalt weichen oder zurückschlagen.

Das ist der Job der Soldaten.
So ist es, und sie tun ihn im Auftrag unseres Landes – letztlich in unser aller Auftrag. Aber ich muss nach dem, was mir hier berichtet wurde, sagen: Ohne militärische Gewalt als solche zu rechtfertigen, halte ich das konkrete Vorgehen der Soldaten in Afghanistan für ethisch hinnehmbar.

Hat das Einfluss auf die Grundsatzposition der EKD zum Afghanistan-Einsatz?
Ich stehe noch sehr unter dem Eindruck dessen, was ich hier gehört und gesehen habe. Wir werden das alles anschließend in Ruhe auswerten müssen.

Besuch ist keine Mission

Werden Sie selbst nach Ihrem Besuch anders reden als vorher?
Ich werde sicher noch stärker den zivilen Aufbau in den Blick nehmen und sagen: Das ist die Hauptsache! Die Bundeswehr ist nicht in Afghanistan, um einen Krieg zu gewinnen, sondern – wie schon gesagt – einen Raum der Sicherheit für die zivilen Helfer zu gewährleisten und die Verantwortung möglichst bald in die Hände der Afghanen zu legen. Ich fände es wichtig, dass sich auch Regierung und Parlament hierzu noch klarer positionieren. Die Formel, „Deutschland wird am Hindukusch“ verteidigt, ist einfach zu kurz.

Es gab den Vorwurf, Ihr Truppenbesuch könne von Muslimen als eine Art Kreuzritter-Mission wahrgenommen werden.
Wer uns böse will, mag das sagen. Aber das ist natürlich dummes Zeug. Wir rechtfertigen mit unserem Besuch nicht den Krieg, sondern wir sind hier, weil die evangelischen Soldaten zu unserer Kirche gehören.

Sie sind aber auch dort, weil ihre Vorgängerin, Margot Käßmann, gesagt hat, „nichts ist gut in Afghanistan“.
Das war politisch absolut richtig. Margot Käßmann hat mit dieser rhetorischen Figur doch niemals eine Lage-Analyse en detail geben wollen. Sie hat eine notwendige Debatte über die Probleme des Isaf-Einsatzes ausgelöst. Und überlegen Sie bitte mal, dass inzwischen die Mittel für den zivilen Aufbau verdoppelt worden sind.

Vor einem Jahr hieß es von Militärseelsorgern, die Soldaten fühlten sich von Käßmann im Stich gelassen.
Das mag damals ein momentaner Eindruck gewesen sein, der uns zurückgemeldet wurde. Aber das ist völlig vom Tisch.

Interview: Joachim Frank

Datum:  4 | 2 | 2011
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