Irgendwo ein Waschbecken? Nein. Franz Josef Jung wäscht am Rednerpult des deutschen Bundestages seine Hände in Unschuld. Morgens hat er sich ausbedungen, die Akten zu studieren, abends kann er keinen Fehl an sich finden. Die Regierungsbank ist voll besetzt, als der Verteidigungsminister a.D. zu den Vorwürfen gegen seine Informationspolitik über den verhängnisvollen Bombenangriff bei Kundus Stellung bezieht - sonderlich begeistert ist keiner. Alle Kabinettskollegen wissen: Dieser Minister ist eine Belastung für die Regierung.
Jungs bundespolitische Karriere stand allerdings von Anfang an unter keinem guten Stern. CDU-Generalsekretär - das wärs gewesen. Schließlich hatte er den Job schon in Hessen erfolgreich gemacht. Aber Angela Merkel wollte ihn nicht. Zu konservativ. Zu sehr potenzieller General. Zu wenig Sekretär. Doch da Roland Koch, der starke Mann der hessischen CDU, den Wechsel in die Bundespolitik scheute und scheut, musste der zweitstärkste auf jeden Fall nach Berlin. Verteidigungsminister in der großen Koalition. Chef der Generale.
Franz Josef Jung hat in jungen Jahren zwar bei den Pionieren der Bundeswehr gedient - aber Verteidigungsminister? Das kam für ihn kaum weniger überraschend als für die Öffentlichkeit. Hat er gezögert? Wahrscheinlich. Aber am Ende fügte er sich - so wie er den Job als Chef der hessischen Staatskanzlei dran gab wegen seiner Rolle im Wiesbadener Teil der CDU-Spendenaffäre. Roland Koch musste gerettet werden. Er tat sein Bestes dafür. Die Entschädigung nach der Bundestagswahl 2005 - ein gefährlicher Lohn. Nur wenige Vorgänger konnten in diesem Ministerium so glänzen wie Volker Rühe (CDU) oder der Sozialdemokrat Peter Struck.
Franz Josef Jung nahm die Herausforderung an. Gab sich Mühe. Arbeitete sich ein. Doch schon sein genuscheltes Rheingauer Idiom ließ ihn nie den Ruf des Provinzlers verlieren. Bei seinen Bundestagsreden verzogen selbst Parteifreunde das Gesicht.
Peter Struck machte aus seinem Mangel an Brillanz ein volkstümliches Markenzeichen. Dem Notar aus Eltville gelang das nie. Er verstand es auch nicht, strategisch als Nebenaußenminister zu glänzen wie Volker Rühe. Vom Glamour eines Karl-Theodor zu Guttenberg ganz zu schweigen. So wirkte er eher wie der christsoziale Wirtschaftsminister Michael Glos - ein freundlicher, aber tapsiger Problembär.
Nun ist der "Baron aus Bayern" (Ex-Kanzler Gerhard Schröder) nacheinander beiden im Amt gefolgt. Und lässt sie noch älter aussehen als sie sind. Erst Glos. Dann Jung. Hätte der junge Mann mit der Aufklärung der Vorgänge in Kundus so gezögert wie er? Jung scheute sich, die Kämpfe in Afghanistan als "Krieg" zu bezeichnen. Guttenberg sprach von "kriegsähnlichen Zuständen" - Medien und Bundeswehrverband jubelten ihm zu.
Eine Weile fand der Hesse jedoch zumindest in konservativeren Kreisen Anerkennung. Er führte ein neues Ehrenzeichen für Tapferkeit in der Bundeswehr ein. Er setzte im politischen Schnelldurchlauf ein Ehrenmal für im Dienst gestorbene Bundeswehrsoldaten durch. Schließlich trat er durch die Erhöhung der Einberufungszahlen von Rekruten nicht nur theoretisch für den Erhalt der Wehrpflicht ein.
Die Verantwortung für die Auslandseinsätze, zumal in Afghanistan, hat ihn gedrückt wie seine Vorgänger. So mag Franz Josef Jung sogar erleichtert gewesen sein, als er dem strahlenden Jungstar Guttenberg Platz machen durfte und noch einmal von vorn beginnen musste mit der Einarbeitung in ein politisches Fachgebiet. Doch der Verantwortung für sein altes Ressort hat er nicht entrinnen können. Mit der Rede vom Donnerstag ist es nicht getan. Heute muss er sich im Verteidigungsausschuss verantworten - und danach womöglich vor einem Untersuchungsausschuss.