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Geheimnisverrat und seine Quellen: Die Welt aus dem USB-Stick

Von Watergate bis Wikileaks - Ein Whistleblower, ein Held der Aufklärung und Pressefreiheit im digitalen Zeitalter oder nur ein Verräter?

Die Journalisten die den Watergate-Skandal lostraten.
Die Journalisten die den Watergate-Skandal lostraten.
Foto: dpa

Es ist wie bei einem Wasserrohrbruch. Man steht vor der Pfütze, aber man kann nicht genau sagen, woher das Wasser kommt. Das Tropfenmeer ist die Internetplattform wikileaks.org, die mehr als 75.000 geheime Berichte über den Krieg in Afghanistan ins Netz gestellt hat. Vom menschlichen Leck kann man bislang nur vermuten, dass es Uniform trägt und in einem Büro des Pentagon sitzt.

Ein Whistleblower, ein Held der Aufklärung und Pressefreiheit im digitalen Zeitalter oder nur ein Verräter? Es gibt viele Zuschreibungen für die Quelle, die das militärische und politische Geheimwissen in eine neue Dimension torpediert hat. Auf der Palette der Motive sind Geltungssucht, moralischer Anspruch und die Lust am Abenteuer ganz dick aufgetragen. Besondere Spannung bezieht der Datenklau durch den Mythos der großen Zahl. Stellt man sich den typischen Agenten als einen vor, der hektisch im Dunkeln mit der Mikrokamera Aktenblätter abfotografiert, so kam die Quelle von Wikileaks mit dem Datenstaubsauger ins Büro.

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Die Geschichte des politischen und militärischen Verrats ist lang und von Rücktritten begleitet. Präsident Richard Nixon musste 1974 infolge der Watergate-Affäre seinen Stuhl räumen. Er hatte eine Reihe gravierender „Missbräuche von Regierungsvollmachten“ zu verantworten, zu deren Aufdeckung in erheblichem Maße die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post beigetragen hatten. Bereits im Herbst 1972 hatten diese die Lesart vertreten, dass der Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Gebäude in Washington auf eine Verschwörung von ganz oben zurückzuführen war. Das war nicht nur ein glücklicher Treffer. Entsprechende Hinweise hatten die Journalisten vielmehr vom FBI-Agenten Mark Felt erhalten, der an einer Schlüsselstelle des FBI saß. Felt wurde unter dem Namen Deep Throat zur Legende, weil er als Quelle später noch über 30 Jahre lang ungenannt geblieben war. Hinter dem historischen Krimi verbirgt sich nicht zuletzt auch eine Geschichte über männerbündisches Vertrauen.

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Angesichts des gigantischen Datentransfers zu wikileak.org erscheint die Veröffentlichung der sogenannten Pentagon-Papiere geradezu rührend familiär. Das 7000-seitige Dokument, mit dem gezielte Lügen und Irreführungen mehrerer amerikanischer Regierungen zum Vietnamkrieg aufgedeckt werden konnten, hatte Daniel Ellsberg, hochrangiger Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums, übers Wochenende mit Hilfe seiner Kinder Blatt für Blatt kopiert. Ellsberg war in Kontakt zur amerikanischen Friedensbewegung und hegte Zweifel am kriegerischen Treiben seiner Dienstherren. Moralische Skrupel führten so zur spektakulärsten Kopieraktion der amerikanischen Geschichte.

Trotz der rasanten Veränderung der Trägermedien spielt das menschliche Leck weiterhin eine Hauptrolle. Der US-Gefreite Bradley Manning, der Wikileaks bereits ein Video über einen fatalen Hubschrauberangriff in Bagdad zugespielt hatte, flog als Quelle auf, weil er in einem Internetchat über seinen Deal geprahlt hatte.

Eitle Selbstbeweihräucherung ist die Sache der Wikileaks-Gründer nicht. Sie geben sich als kühle Regler, die den Zugriff auf die geheimen Dokumente mit digitaler Finesse institutionalisiert haben. Der geheimnisvolle Wikileaks-Chef Julian Assange tritt unterdessen in Posen auf, die zwischen Weltverbesserer, Popstar und Sektengründer changieren. Alle Macht, über die er verfügt, geht von ein paar USB-Sticks aus.

Autor:  Harry Nutt
Datum:  27 | 7 | 2010
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