Wie wollen Sie das Problem des globalen Terrorismus lösen? Der Westen muss erst einmal die Ursachen des globalen Terrorismus beseitigen und aufhören, ganze Völker wie Afghanistan und den Irak ständig zu demütigen. Seit Beginn der Kolonialisierung vor 200 Jahren treten wir die muslimische Kultur mit Füßen. Wir müssen Muslime endlich so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Die direkte Bekämpfung globaler Terroristen aber ist Aufgabe von Spezialeinheiten der Polizei und der Geheimdienste, nicht von Soldaten.
Was sagen Sie fortschrittlichen Afghanen, die den Westen bitten, sie nicht wieder in die Hände von Warlords und Taliban fallen zu lassen? Die Anwesenheit deutscher Soldaten kann keine Dauerlösung sein. Nur Afghanen können Afghanen besiegen. Wir sollten daher die afghanischen Sicherheitskräfte massiv stärken, etwa indem wir mithelfen, dass sie endlich deutlich mehr verdienen als die Taliban und die Milizen der Drogenbarone. Parallel sollten wir innerhalb der nächsten drei Jahre unsere Soldaten zurückholen. Eine Aufstockung der Anzahl deutscher Soldaten in Afghanistan und ihr verstärkter Einsatz für Kampfeinsätze ist genau der falsche Weg. Das ist übrigens auch keine afghanische, sondern eine amerikanische Forderung. Präsident Karsai hat mir gegenüber ausdrücklich betont, er brauche keinesfalls mehr deutsche Soldaten und auch nicht mehr deutsche Kampfeinsätze. All das hat er auch den Amerikanern bezüglich der US-Truppen gesagt. Karsai will eine bessere Strategie.
Wer soll denn den Strategiewechsel einleiten? Die Amerikaner haben derzeit andere Sorgen. Die deutsche Regierung sollte sich im Rahmen der EU für eine regionale Friedenskonferenz zwischen Afghanistan, Pakistan und Indien einsetzen, an der auch der UN-Sicherheitsrat teilnehmen sollte. Allein kann keiner dieser Staaten die Probleme lösen. Verhandeln ist immer besser als bombardieren. Das gilt auch für den Kampf gegen die Taliban - nur mit El Kaida lohnt es sich nicht zu verhandeln.
Für den Vorschlag, mit den Taliban zu reden, ist Kurt Beck heftig kritisiert worden. Auch Präsident Karsai fordert das. Er will zu Recht Verhandlungen selbst mit radikalen Taliban wie Mullah Omar. Politiker werden in erster Linie gewählt, um Politik zu machen, nicht um Kriege zu führen. Wir haben den Ost-West-Konflikt auch nicht militärisch gelöst, wir haben verhandelt. Ich hätte nie geglaubt, dass deutsche Politiker unsere Soldaten so leichtfertig und mit so unehrlichen Argumenten in einen so unsinnigen Krieg schicken könnten.
Interview: Andreas Schwarzkopf