Ist in Afghanistan ein guter Krieg zu einem schlechten geworden?
Der Afghanistan-Krieg war immer falsch. Die USA mussten zwar auf die Anschläge vom 11. September 2001 reagieren. Aber dazu hätten zielgenaue Operationen und Spezialeinheiten der Polizei gereicht. Es gab nie eine moralische Legitimation, ganz Afghanistan anzugreifen und zu bombardieren. Die afghanische Bevölkerung, vertreten durch die führenden Geistlichen Afghanistans, die Schura Ulema, hatte den Taliban längst das Vertrauen entzogen.
Jürgen Todenhöfer ist seit über 20 Jahren Manager des Medienunterneh-mens Burda. Zuvor war er 18 Jahre lang Abgeordneter des Bundestags (u.a. rüstungspolitischer Sprecher von CDU/CSU). Er bereist regelmäßig den Nahen und Mittleren Osten und hat Bücher über Afghanistan und den Irak geschrieben. In "Warum tötest du, Zaid?" berichtet er vom Widerstand gegen die Besatzungstruppen im Irak. Er verlässt mit Erreichen seines 68. Lebensjahres am 12. November den Burda-Vorstand.
Sie hätten den US-Amerikanern also im Anti-Terror-Kampf keine uneingeschränkte Solidarität zugesichert?
Doch, aber ohne dabei den Verstand auszuschalten. Kabul anzugreifen war so unsinnig, wie es unsinnig gewesen wäre, Hamburg zu bombardieren, weil die führenden Attentäter aus Hamburg kamen.
Ist der Anti-Terror-Kampf falsch geführt worden?
Man kann Terroristen nicht mit Kriegen ausschalten. Man stelle sich vor, wir wären gegen die RAF mit einem Krieg vorgegangen und hätten Teile deutscher Städte bombardiert - vielleicht sogar Städte der damaligen DDR, aus denen die RAF teilweise agierte. Jeder weiß, dass das völlig absurd gewesen wäre. Aber muslimische Länder zu bombardieren ist für westliche "Antiterrorpolitiker" offenbar nie absurd.
Zweifeln Sie an der Begründung für die Anti-Terror-Kriege? Die Terroranschläge waren nicht der einzige Grund für die Kriege. Im Irak kommt das Öl hinzu, und wer Afghanistan kontrolliert, hat Zugang zum Kaspischen Meer und damit zu den größten Erdgas-Vorkommen der Welt. Außerdem ist man dort ganz nah am Iran, an Russland und China und damit im Zentrum der künftigen geopolitischen Machtauseinandersetzungen. 9/11 war eine günstige Gelegenheit, um lange geplante strategische Ziele zu realisieren. "Terroristen", "Schurkenstaaten" und "Achsen des Bösen" spielen seit dem Wegfall des Feindbildes Sowjetunion eine zentrale Rolle bei der Begründung der US-Außenpolitik. In den 90er Jahren hatte der spätere US-Außenminister Colin Powell noch befürchtet, den USA könnten "die Monster ausgehen". Wo diese fehlten, wurden sie daher erfunden oder wie im Fall Saddam Husseins zu riesigen Feinden des Weltfriedens aufgeblasen.
Die Bellizisten sagen, in Afghanistan müsse man die Waffe in die Hand nehmen, um die Menschenrechte durchzusetzen. Der Westen hat in Afghanistan im Namen der Menschenrechte bereits zu viele Menschenrechte verletzt. Daher kommt auch die zunehmende Unterstützung für die 2001 von der Bevölkerung davongejagten und verachteten Taliban. Diese vielleicht 30 000 Taliban, einschließlich ihrer dortigen weniger als 1000 El-Kaida-Verbündeten, sind nationale und regionale Aufständische, die leider oft mit terroristischen Mitteln arbeiten. Sie wollen die Regierungen in Kabul und Islamabad stürzen und deren Verbündete vertreiben, aber keine Anschläge im Westen durchführen. Der Westen kämpft in Afghanistan nicht gegen den globalen Terrorismus, sondern gegen einen von ihm mitverursachten regionalen Aufstand.
Ist Afghanistan verloren? Die Lage ist sehr kritisch.
Sieben Jahre nach Kriegsbeginn fordert fast jeder einen Strategiewechsel. Was schlagen Sie vor? Mehr Schulen statt Bomben. Aber nicht mehr Soldaten oder mehr Kampfeinsätze - die schaffen nur mehr Probleme. Vor allem die Bombardements müssen aufhören. Die Amerikaner haben sich leider aus der Rolle des Befreiers in die Rolle des Besatzers gebombt und dadurch die Taliban aus ihren Verstecken hervorgeholt und gestärkt.
Muss der Westen mehr in Entwicklungshilfe investieren?
Wir brauchen vor allem breit angelegte Wiederaufbauprojekte, die Arbeitsplätze schaffen. Ein großer Teil der Militärausgaben sollte in den Wiederaufbau umgeleitet werden.
Wie wollen Sie verhindern, dass Aufbau-Erfolge nach einem Abzug der internationalen Truppen von den Taliban wieder vernichtet werden? Ich glaube, dass die afghanischen Stammesführer nach einem Truppen-Abzug eine Loja Dschirga einberufen würden. Dieser Rat der Ältesten könnte eine Regierung der nationalen Einheit ernennen und sicherstellen, dass die Taliban das Land nicht nochmals in die Steinzeit zurückführen. Das aber ist nicht unsere Aufgabe, sondern Aufgabe der Afghanen. Wir haben nicht das Recht, überall auf der Welt mit Gewalt unsere Staatsformen durchzusetzen.
Entstünde nach dem Abzug der Koalitionstruppen nicht wieder ein Rückzugsgebiet für internationale Terroristen? Wieso eigentlich? Die meisten globalen Terroristen, die Madrid, London oder Frankfurt bedrohen, leben doch längst bei uns im Westen. Die brauchen nur ein kleines Zimmer und einen Computer als virtuelles Trainingslager, um Anschläge zu planen. Warum sollten sie zurück nach Afghanistan? Der globale Terrorismus hat sich längst dezentral organisiert. Es gibt in den paschtunischen Stammesgebieten auch keine Ausbildungslager mehr, in denen globale Terroristen ausgebildet werden wie in den 90er Jahren. Die amerikanische Luftaufklärung, die dort inzwischen überall präsent ist, würde sie sofort zerstören. Afghanistan mit einem Bombenkrieg anzugreifen, ist auch kontraproduktiv. Weil der Westen dabei ständig Unschuldige tötet, ist das ein richtiges Terrorzuchtprogramm. Unsere Sicherheit wird am Hindukusch auf diese Weise nicht verteidigt, sondern gefährdet.