Herr Rashid, als junger Erwachsener waren Sie ein Guerilla-Kämpfer, der für ein anderes Pakistan gekämpft hat. Was wollten Sie Ende der 1960er Jahre erreichen?
Das war eine sehr dramatische Zeit. Die eine Militärherrschaft ging zu Ende, die andere Militärherrschaft begann. Dann spaltete sich Bangladesch von Pakistan ab. Es gab einen Krieg mit Indien, 100.000 pakistanische Soldaten gerieten in Gefangenschaft. All das geschah während der Anti-Vietnam-Kriegs-Bewegung. Viele Pakistaner waren hoch motiviert, etwas für ihr Land zu tun. Die Linke verfolgte damals sehr aggressiv den politischen Wandel. Ich war ein Teil davon. Die Idee war, ein sozialistisches Pakistan zu schaffen, das die militärischen Coups beenden würde.
Welche Auswirkungen hatte das auf Ihr Leben?
Es hatte enorme Auswirkungen auf mein Leben. Es hat mir sehr viel geholfen in meiner späteren Karriere als Journalist. Ich hatte die andere Seite kennen gelernt. Ich war involviert in den Guerilla-Kampf. Ich habe Erfahrungen gemacht mit dem Krieg der Mudschaheddin gegen die Sowjetunion, mit der Politik des Widerstandes, dem Charakter von Bewegungen – das hat mir später sehr geholfen.
In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie, dass die internationale Gemeinschaft nach 2001 vieles in Afghanistan hätte erreichen können, wenn sie nur das Richtige getan hätte. Ist heute eine Wende zum Besseren möglich?
Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Die Ziele, die einige Staaten 2002 hatten, sind heute nicht mehr zu erreichen. In Afghanistan kann man zum Beispiel keine Aufbauarbeit leisten wie in Osttimor. Dort hat man ein Land aufgebaut, Märkte geschaffen, Wahlen abgehalten und sich dann zurückgezogen. Ich glaube nicht, dass das in Afghanistan möglich ist. Der Westen will raus, und wir suchen jetzt nach dem besten Weg, den Krieg zu beenden.
Die europäische Linke will eigentlich sofort raus.
Das wäre eine Katastrophe.
Aber nach neun Jahren Besatzung und Aufbau haben die Taliban in 33 von 34 afghanischen Provinzen Untergrundstrukturen aufgebaut. Das ist keine Erfolgsbilanz für die internationale Gemeinschaft.
Der Westen hat nicht genügend Soldaten geschickt und ausreichend Aufbauhilfe gezahlt, als es noch keinen Krieg gab und der Wiederaufbau viel günstiger gewesen wäre. Es ist ein Witz. Nehmen wir die Politik der USA. Auf der einen Seite wollen sie die Korruption abschaffen, andererseits stehen alle im Präsidialamt von Kabul auf der Lohnliste der CIA. Das ist eine lächerliche Politik. Die rechte Hand weiß nicht, was die linke Hand tut.
Ahmed Rashid, 1948 geboren, ist britisch-pakistanischer Journalist und Autor. Er wuchs in Großbritannien auf.
1979 erlebte er die Sowjetinvasion in Afghanistans Hauptstadt Kabul und 1994 den Angriff der Taliban auf Kandahar.
Sein Buch „Taliban. Afghanistans Gotteskämpfer und der Dschihad“, erschien 2000, stand fünf Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times, wurde 1,5 Millionen Mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt.
„Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban“ ist sein neustes Buch. Es erschien jüngst in der Edition Weltkiosk. 19,90 Euro. FR
Sie haben Barack Obama getroffen, kurz nachdem er Präsident der USA geworden ist. Haben Sie ihm gesagt, dass in den USA die rechte Hand nicht weiß, was die linke macht?
Ich werde jetzt nicht in die Details zu meinem Gespräch mit Obama gehen. Aber Obamas Berater kannten das Dilemma sehr gut, als sie die Regierungsgeschäfte übernahmen. Aber so funktioniert US-Politik seit einhundert Jahren.
Wie sieht es mit der afghanischen Regierung aus? Seit Jahren erklärt Präsident Hamid Karsai, dass er die Korruption bekämpfen will. Wenig ist geschehen.
Mein Buch beginne ich mit einem großen Lob für Karsai. Doch zum Ende hin verliere ich meine Illusionen. Ich treffe Karsai noch, ich diskutiere mit ihm, wir sind noch Freunde – aber ich bin enttäuscht. Zu seiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass man ihn im Stich gelassen hat. Das ist die andere Seite der Geschichte. Es geht nicht nur um ihn und seine Familie und seine Brüder und darum, dass er die Kriegsfürsten in Afghanistan, die Warlords, zu lange hat gewähren lassen. Als er um ausländische Soldaten gebeten hat, hat ihm niemand Soldaten gegeben. Als er um Geld für den Wiederaufbau gebeten hat, hat ihm niemand etwas gegeben. Was er hörte, waren widersprüchliche Aussagen vom US-Kongress und dem Weißen Haus. Und dann noch die EU und die Nato. Niemand wollte für Sicherheit sorgen. Dann stand er noch einer aufständischen Bewegung gegenüber, die ihren Ursprung in Pakistan hatte. Aber niemand hat ihm zugehört.
Welche Auswirkungen hatte das auf Karsai?
Ich verstehe es, wenn er heute paranoid ist und auch psychisch angeschlagen. Dafür gibt es gute Gründe. Es ist auch die Schuld des Westens. Es ist falsch, Karsai wegen der Korruption zu verurteilen, wie das die New York Times nun Tag für Tag macht. Die Korruption ist nicht erst jetzt augenscheinlich. Die CIA hatte ein Budget von über einer Milliarde US-Dollar, um die Warlords zu kaufen. Wissen Sie, wie viele Brücken und Straßen man mit einer Milliarde US-Dollar zu der damaligen Zeit hätte bauen können? Wir haben 2002 ausgerechnet, dass man mit fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr über einen Zeitraum von zehn Jahren ein neues Afghanistan hätte schaffen können.
Sie ärgern sich darüber, dass die USA nach dem 11. September in Afghanistan vor allem El Kaida bekämpft haben, aber nicht die Taliban?
Das Problem mit vielen westlichen Politikern ist, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Es geht nicht darum, gleich den gesamten Wald abzuholzen, aber durchforsten muss man ihn schon. Übertragen heißt das: Die USA hätten sich um die Rückzugsgebiete der Aufständischen und um deren Finanzierung kümmern müssen. Und um die einheimische Bevölkerung.
Während der Afghanistan-Konferenz im Sommer wurde in Kabul ein Aussöhnungsprozess gestartet. Hat das irgendeine Aussicht auf Erfolg?
Wir müssen erst testen, ob wir uns mit den Taliban aussöhnen können. Dieser Krieg muss so beendet werden, dass die Region nicht in einem schlimmeren Chaos ist als im Herbst 2001. Zumindest muss Frieden herrschen. Den Krieg zu beenden heißt aber, Verhandlungen mit den Taliban aufzunehmen. Um genauer zu sein: Verhandlungen zwischen den USA und den Taliban. Außerdem müssen die Regionalmächte mit einbezogen werden. All das wird dauern.
Können die Erfahrungen aus dem Irak hier hilfreich sein?
Im Moment haben wir eine militärische Strategie, die sich counter insurgency nennt. Es geht also um die Bekämpfung der Aufständischen. Diese Strategie kommt aus dem Irak. Ich halte das für falsch. Der Aufstand im Irak wurde von Ausländern angeführt – Saudis, Jordaniern, Palästinensern, Syrern, die alle von El Kaida unterstützt wurden. Erst später schlossen sich irakische Sunniten an. Im Irak war es viel einfacher für die US-Armee, die Menschen gegen die Ausländer und El Kaida aufzubringen. Aber in Afghanistan ist das anders. El Kaida steht dort nur im Hintergrund. Die Taliban sind die Mächtigen. Deren Anführer Mullah Omar ist der anerkannte Führer im Heiligen Krieg. Er ist nicht nur Vorbild für die Taliban in Afghanistan, sondern auch für die in Pakistan. In Afghanistan haben wir einen einheimischen Aufstand. El Kaida braucht die Taliban dringender als die Taliban El Kaida. Hätte sich Osama Bin Laden solange verstecken können, wenn die Taliban ihn nicht gedeckt hätten?
Wo ist Bin Laden?
Das weiß ich nicht. Aber die Taliban sind wichtiger als Al-Kaida.
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