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Kolumne: Lieber deutscher Soldat!

Du musst nach Afghanistan. Du ziehst in den Krieg - was sagt man zum Abschied? Von Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin in Berlin.
Mely Kiyak ist freie Autorin in Berlin.
Foto: FR

Mein Freund Alexander Müller ist Arzt. Sein Spezialgebiet ist die Neurologie. Er ist ein sportlicher, höflicher und gut aussehender Mann. Außerdem beherrscht er die Kochkunst. Dass er Soldat ist, hatte ich völlig vergessen. Bis letzten Dienstag. Unser Freund ist Arzt und Soldat. Jetzt erst fällt es mir auf. Was für eine Kombination. Am Wochenende bekam ich eine Einladung zu seiner Abschiedsfeier. Er muss für zwei Monate nach Afghanistan zum Isaf-Einsatz.

Die Bundeswehrärzte sind in erster Linie dafür zuständig, verwundete Kameraden zu versorgen. Die zivile Bevölkerung des Einsatzortes kann zwar auch verarztet werden, doch das ergebe nicht viel Sinn, so sagt mein Freund Alexander. Denn neurologische Erkrankungen sind häufig entweder chronisch oder bedürfen einer längeren und aufwendigen Therapie. Außerdem handelt es sich bei den Bundeswehrärzten nicht um Helfer im klassischen Sinne. Im Übrigen liegt die Krankenstation in einem abgesperrten Gebiet, wo nicht jeder Patient hineinspazieren kann, wie er es gerade benötigt. Die paar Patienten, die unsere Soldaten zu Gesicht bekommen, sind auf kompliziertem Weg zum Arzt gelangt. Häufig spielt wohl viel Geld eine Rolle.

Ich habe ihm an diesem Abend nur wenige Fragen gestellt. Was er dort eigentlich den ganzen Tag mache. Er zählte zahlreiche Sport- und Freizeitmöglichkeiten auf. Und medizinisch? Er antwortete, dass Heimweh auch neurologische Störungen auslösen könne. Meine letzte Frage war: "Warum seid Ihr eigentlich dort?" Er schaute mich mit großen Augen an. "Weißt Du es?", fragte er zurück. "Ich weiß es wirklich nicht", lautete meine Antwort.

Manchmal geht die Truppe aus dem Camp heraus und zeigt Präsenz. Manchmal müssen die Soldaten auch ausharren, weil benötigte Fahrzeuge wegen des abgelaufenen TÜVs nicht eingesetzt werden dürfen. Alexander prustete los: "In ganz Afghanistan fährt kein Auto mit TÜV, aber wir." Es wurde dann gewitzelt und vorgeschlagen, dass man auf dem Campgelände Umweltzonen einrichten könnte. Gelangweilte Soldaten könnten dann auf dem Gelände patrouillieren und die Umweltplaketten prüfen. Vorstöße können dann der afghanischen Polizei gemeldet werden. Denn unsere Soldaten dürfen ja nirgends eingreifen. Sie dürfen bloß petzen und ihr Leben für einen Einsatz aufs Spiel setzen, von dem niemand begriffen hat, woran der Erfolg der Mission zu bemessen ist.

Ja, wir haben an dem Abend gelacht. Unser Freund zieht in den Krieg und wir wussten nicht, was wir sagen sollen. Bestellen noch mal Wasser und Wein und verabschieden uns dann ungelenk, pass auf Dich auf, mache ich. Melde Dich, wenn du zurückkommst, werde ich und denkt an mich, ja, wir denken an Dich. Und insgeheim denken wir an die gefallenen 30 deutschen Soldaten, an die über 800 Soldaten insgesamt seit dem Einmarsch in Afghanistan. Eine letzte Umarmung, ein blöder Spruch, Du hast noch Glück gehabt, ja habe ich, stell Dir vor, Gaza, daran habe ich auch schon gedacht.

Später ärgerte ich mich, dass ich keine angemessenen Worte fand. Wir haben Angst um Dich, hätte es einfach heißen müssen, wir haben Angst, dass Du stirbst. Was sind wir doch durch die entmenschlichte Kriegsrhetorik verdorben!

Sprachverirrte und gefühlsverwirrte Grüße deine Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  17 | 1 | 2009
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