Wer mit dem Finger auf andere zeigt, deutet mit drei Fingern auf sich. Daran sollten Außenminister Guido Westerwelle und seine Kollegen im Fall Afghanistan denken. Die internationale Gemeinschaft hat gut daran getan, von der korrupten Karsai-Regierung endlich nachhaltige Erfolge beim Aufbau des Landes einzufordern. Es ist zu hoffen, dass sie den afghanischen Staatschef diesmal an seinen Versprechen messen, die er gestern beim zweiten Amtseid für seine Landsleute und seine Gäste so schön formulierte.
Doch Karsai ist nicht der Einzige, der Fehler machte. Deutschland und die EU haben sich beispielsweise beim schleppenden Aufbau der afghanischen Polizei nicht mit Ruhm bekleckert. Die USA lernten viel zu spät, dass sie bei der Aufstandsbekämpfung Zivilisten schützen müssen. Diese Versäumnisse kann man dem Novizen Westerwelle natürlich nicht anlasten - Kanzlerin Angela Merkel zumindest teilweise.
Schwarz-Gelb sollte nun die Zeit nutzen, um die geplante internationale Konferenz im Januar vorzubereiten. Die Lösungsvorschläge sind bekannt. Der zivile Aufbau muss mit einem Konzept versehen, koordiniert sowie intensiviert werden. Außerdem sollten Nachbarn, wie etwa der Iran, in den Prozess eingegliedert werden. Zu guter Letzt müssen Ziele und Dauer der Hilfen definiert und in Abständen überprüft werden. Merkel und Westerwelle sollten im Dezember zudem die Debatte im Bundestag über die Mandatsverlängerung zu einer Diskussion über Sinn und Unsinn des Auslandseinsatzes nutzen. Dann könnte der Afghanistan-Einsatz noch zu einem guten Ende geführt werden.