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Kriegsopfer: Todeszahl unter Zivilisten auf Rekordhöhe

Nach Angaben der Vereinten Nationen gehen drei Viertel der Toten auf das Konto der Taliban. Demnach nehmen die Militanten zusehends gezielt Regierungsbeamte sowie Helfer und Zivilisten ins Visier, die die Regierung oder die Nato unterstützten.

Opfer eines Selbstmordattentats in Afghanistan.
Opfer eines Selbstmordattentats in Afghanistan.
Foto: dpa

Die zehn Jungen aus der Provinz Kunar im Osten Afghanistans sammelten gerade Feuerholz, als US-Kampfhubschrauber das Feuer auf sie eröffneten. Die Soldaten hielten die Kinder im Alter von neun bis 15 Jahren für Taliban. Neun der Jungen starben bei dem Angriff aus der Luft, nur einer überlebte.

Zwar entschuldigte sich der Nato-Kommandeur in Afghanistan, der US-General David H. Petraeus, bei den Familien der getöteten Opfer. Doch die Geste konnte den Zorn kaum besänftigen. Denn es war bereits der zweite tödliche Vorfall dieser Art: Erst kurze Zeit zuvor waren bei einem Nato-Luftschlag in derselben Provinz 65 Menschen getötet worden. Afghanische Regierungsbeamte sagen, dass es sich um Zivilisten handelte, darunter Frauen und Kinder. Die Nato bestreitet dies. Sie sagt, der Luftschlag habe auf Militante gezielt.

Immer häufiger geraten Unschuldige in Afghanistan zwischen die Fronten. Für Zivilisten war 2010 mit Abstand das blutigste Jahr seit dem Sturz der Taliban. Die Zahl der zivilen Todesopfer sei auf das Rekordniveau von 2777 hochgeschossen, teilte die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) am Mittwoch in Kabul mit. Dies seien 15 Prozent mehr Tote als im Vorjahr. Die allermeisten Todesopfer gehen auf das Konto der Taliban – laut UN waren sie für 2080 oder 75 Prozent aller Toten verantwortlich. Den ausländischen Truppen lastete die UNAMA 16 Prozent aller zivilen Todesopfer an. Bei neun Prozent der Toten sei die Ursache unklar geblieben. Nach UNAMA-Angaben fielen 1141 Zivilisten Selbstmordattentaten und Sprengsätzen zum Opfer, wie sie die Taliban und andere Militante bevorzugt verwenden. Weitere 171 Menschen kamen bei Luftangriffen der Nato ums Leben.

Petraeus sieht Fortschritt
1600 Einsätze
Auftritt im Kongress

Der Kommandeur der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf, US-General David Petraeus, sieht klare Fortschritte im Afghanistan-Krieg. US- und Nato-Streitkräfte hätten nicht nur im Süden des Landes Erfolge gegen die radikalislamischen Taliban erzielt, sondern auch rund um die Hauptstadt Kabul, sagte er der „New York Times“. „Der Vorwärtsdrang der Taliban ist in vielen Teilen des Landes zum Stillstand gekommen.“ In einigen wichtigen Gegenden seien sie zurückgedrängt worden.

Seit Petraeus vor acht Monaten das Kommando über die alliierten Truppen in Afghanistan übernahm, hat sich dem Bericht zufolge das Tempo der Operationen enorm erhöht. In den drei Monaten vor dem 4. März habe es mehr als 1600 Einsätze gegeben, also im Schnitt 18 pro Nacht. Den Worten des Generals zufolge wurden dabei fast 3000 militante Kämpfer getötet oder gefangen genommen.

„Die Taliban standen noch nie unter dem Druck, den sie während der vergangenen acht oder zehn Monate erlebt haben“, sagte Petraeus, der in der kommenden Woche zum ersten Mal, seit er das Kommando übernahm, vor dem US-Kongress Rede und Antwort stehen soll. Der General zeigte sich jedoch mit dem Tempo der Fortschritte nicht zufrieden, Erfolge gebe es nicht auf breiter Front. Schwierig bleibe, Taliban-Kämpfer zur Teilnahme an einem Programm zur Wiedereingliederung in das Zivilleben zu bewegen. Nur schwer voran komme zudem der Plan, auf dem Land tausende lokale Polizeikräfte zu stationieren, um den Widerstand gegen die Taliban zu mobilisieren. (dpa)

Die UNAMA appellierte an alle Seiten, Zivilisten künftig besser zu schützen. „Wir rufen alle Parteien des bewaffneten Konflikts – die Anti-Regierungskräfte, die Regierung von Afghanistan und die internationalen Militär-Streitkräfte – auf, weit mehr zu tun, um ihre rechtliche Verantwortung zu erfüllen, Zivilisten zu schützen“, mahnte Georgette Gagnon von der UNAMA.

Gezielte Mordanschläge

„Die meisten Morde an Zivilisten wurden von den Taliban oder anderen Anti-Regierungskräften verübt“, betonte Staffan de Mistura, der UN-Sondergesandte für Afghanistan. „Die Taliban mögen diesen Bericht anzweifeln, aber Fakt ist Fakt.“

Besonders besorgt zeigte sich die UNAMA über den steilen Anstieg von gezielten Mordanschlägen. Diese seien um 105 Prozent in die Höhe geschossen. „Solche Attentate schaden der afghanischen Gesellschaft und verletzen die Menschenrechte in einer Weise, die weit über die reine Zahl der Toten hinausgeht“, sagte Nader Nadery, Vizedirektor von Afghanistans Menschenrechtskommission. Laut UNAMA nehmen die Militanten zusehends gezielt Regierungsbeamte sowie Helfer und Zivilisten ins Visier, die die Regierung oder das Militärbündnis Nato unterstützten. Ziel sei es offenbar, die Abzugs- und Übergabepläne der Nato zu unterminieren.

So plant die Nato, die Verantwortung von diesem Jahr an schrittweise an die afghanischen Sicherheitskräfte und den afghanischen Staat zu übertragen. Durch ihre tödliche Hatz auf Regierungsbeamte schienen die Taliban einen Aufbau des Staates systematisch untergraben zu wollen. In vielen Landesteilen seien Regierungsbeamte derart gefährdet, dass sie sich kaum noch aus ihren Büros trauten. Ein funktionierender Staats- und Regierungsapparat lässt sich so kaum aufbauen.

Autor:  Christine Möllhoff
Datum:  9 | 3 | 2011
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