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Kundus-Affäre: Das geheime Protokoll der Bombennacht

+++ 1.28 Uhr +++

Die US-Crew fragt erneut nach, ob es sich bei den Leuten am Boden wirklich um "Feinde" handele. Der deutsche Fliegerleitoffizier bestätigt und nennt als Quelle "Geheimdienstinformationen".

Die Crew beobachtet daraufhin, wie eine größere Gruppe von der Sandbank aus durch das flache Wasser in Richtung Norden läuft. Am Südufer sind inzwischen elf Fahrzeuge eingetroffen. Erneut meldet sich der afghanische Informant und bestätigt, dass sich ausschließlich Taliban in und um die Trucks befänden.

+++ 1.30 Uhr +++

Oberst Klein lässt den Kampfjet-Crews die Anweisungen für den Luftangriff durchgeben. Als Ziel gibt er die Aufständischen am Boden sowie die gestohlenen Fahrzeuge an. Im Zielgebiet befänden sich keine "Freunde", stellen die Deutschen klar.

Dude 15 fragt, ob die Bomben über oder zwischen den Fahrzeugen detonieren sollen. Seine Frage: "Wollen Sie die Fahrzeuge oder die Leute treffen?" Daraufhin antwortet Red Baron: "Wir wollen versuchen, die Leute zu treffen."

Dies ist das einzige Mal in dieser Nacht, dass ausschließlich die (vermeintlichen) Talibankämpfer als Ziel genannt werden.

+++ 1.36 Uhr +++

Die Flugzeug-Piloten bieten in kurzer Folge zwei Mal an, im Tiefflug das Zielgebiet zu überfliegen. Nein, entgegnet "Red Baron": "Ich will, dass ihr direkt angreift." Insgesamt fünf Mal lehnen die Deutschen das Angebot ab, die Leute am Boden vor dem Bombardement zu warnen.

Im Gespräch sind nun zwei 500-Pfund-Bomben, die jeweils nahe einem Tanklaster in der Luft gezündet werden sollen. Der frühere Plan, auch die Flussufer südlich und nördlich der Furt zu bombardieren, wird ohne Angaben von Gründen nicht mehr verfolgt.

+++ 1.40 Uhr +++

Die Deutschen wollen wissen, wie lange es dauert, bis die Bomben einsatzbereit sind. "Dude 15" antwortet: "Fünf Minuten."

+++ 1.46 Uhr +++

Die US-Crew fragt ein letztes Mal, ob tatsächlich eine "unmittelbare Gefahr" bestehe. Die Deutschen antworten: "Ja, diese Leute sind eine unmittelbare Bedrohung. Diese Aufständischen wollen sich des Treibstoffs aus den Tanklastern bemächtigen, sich anschließend neu gruppieren und sehr wahrscheinlich, so unsere Geheimdienstinformationen, das Lager Kundus angreifen."

+++ 1.48 Uhr +++

Die US-Crew meldet: Noch eine Minute bis Abwurf.

+++ 1.49 Uhr +++

Zwei 500-Pfund-Bomben (GBU 38) detonieren jeweils nahe einem Tanklaster.

+++ 1.50 Uhr +++

Die beiden Kampfjets bleiben weitere 30 Minuten im Luftraum, um eine erste Schadensbilanz des Einsatzes zu ziehen. Sie beobachten etwa 25 Leute, die die Sandbank in nördlicher Richtung verlassen.

+++ 2.00 Uhr +++

Zum letzten Mal in dieser Nacht meldet sich der afghanische Informant bei seinem Führungsoffizier. Er berichtet von 70 getöteten Aufständischen, darunter die Talibanführer Saidi und Amanullah. Rahman und Naser seien hingegen entkommen. Zivile Opfer habe es nicht gegeben.

+++ 2.35 Uhr +++

Erst eine dreiviertel Stunde nach dem Luftschlag informiert Oberst Klein die Kollegen im benachbarten regulären Gefechtsstand des Feldlagers Kundus über die erfolgte Operation, die später als folgenreichster Militärschlag im Auftrag der Bundeswehr bezeichnet werden wird.

+++ 3.13 Uhr +++

Bald anderthalb Stunden dauert es, bis das Regionalkommando Nord, das Hauptquartier der Deutschen in Masar-i-Sharif, von dem Vorfall per E-Mail unterrichtet wird. Klein hat es nicht für erforderlich gehalten, seinen Vorgesetzten, General Jörg Vollmer, zu informieren. In der Meldung ist von 56 getöteten Aufständischen die Rede, 14 Kämpfer seien geflohen, Zivilisten seien nicht zu Schaden gekommen.

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Autor:  Steffen Hebestreit
Datum:  22 | 12 | 2009
Seiten:  1 2 3 4
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