Geheim steht auf dem Isaf-Bericht zum Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument. Der Inhalt: Um den Einsatz zu ermöglichen, täuschte der verantwortliche Oberst Klein die US-Luftwaffe. Was wirklich geschah. Von Steffen Hebestreit
Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument.
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Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument.
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Signalrot prangt der Stempel "GEHEIM - amtlich geheimgehalten" auf dem Dokument. 75 Seiten lang ist die Originalfassung des Untersuchungsberichts, den der Isaf-Kommandeur, der US-General Stanley McChrystal, in den Tagen nach dem verheerenden Luftschlag von Kundus zusammengestellt hat. Der Bericht ist die Grundlage für die Bewertung des Bombardements.
Die Quellen
Spezial: Afghanistan
Der geheime Untersuchungsbericht von Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal stützt sich auf die Befragung von 34 Zeugen, 60 Stunden Interviews und die Auswertung von fast 400 Seiten Berichten. Er liegt seit 29. Oktober vor.
Oberst Georg Klein verfasste bereits einen Tag nach dem Luftschlag einen zweiseitigen Bericht für das Ministerium über seine Gründe für die Operation.
Der Feldjäger-Oberstleutnant Brenner stellt am 9. September einen kritischen Bericht zu dem Luftschlag zusammen, in dem er mehrere Entscheidungen Kleins hinterfragt. Dieser Bericht wurde Ende November der Bild-Zeitung zugespielt und löste den Skandal aus, der letztlich Minister Franz Josef Jung (CDU), Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert den Job kostete. Unklar ist, wer den Geheim-bericht an die Öffentlichkeit lanciert hat. Dies wird im Augenblick untersucht. Das Dokument fand allerdings Eingang in jene Isaf-Untersuchung, derenErgebnisse die FR hier vorstellt. (eff)
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Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.
Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan
Nur wenige haben bis heute Zugang zu dem Text, den McChrystal am 26. Oktober in Kabul unterschrieben hat. Drei Tage dauerte es, bis das Papier, pünktlich zur Verabschiedung von Franz Josef Jung (CDU), per Boten in Berlin eintraf. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht neue Details und weist auf Widersprüche in dem geheimen Text hin.
+++ 3. September, 15 Uhr (Ortszeit Kundus)+++
Tanklaster-Bombardement bei Kundus
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Tanklaster-Bombardement bei Kundus
Der deutsche Kommandeur in dieser Nacht war Oberst Georg Klein. Er ließt mitteilen, dass Feindkontakt bestehe, weshalb Luftunterstützung nötig sei.
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US-Kampfpiloten flogen über den Einsatzort und antworteten, keine deutschen oder afghanischen Truppen in der Nähe der Tankwagen zu sehen.
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Die US-Piloten schlugen deshalb vor, die Menschen bei den Tanklastern durch einen Tiefflug zu vertreiben, weil laut Isaf-Regeln für einen Angriff eine "unmittelbare Bedrohung" bestehen müsse.
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Die deutsche Einsatzleitung lehnte ab und forderte die Bombardierung.
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Am 27. November 2009 trat der damalige Verteidigungsminister Jung, inzwischen im neuen Kabinett Arbeitsminister, von seinem Amt zurück. Was war passiert?
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Nach und nach sickerten immer mehr Informationen an die Öffentlichkeit, dass die ursprüngliche Darstellung eines legitimes Angriffs nicht mehr haltbar war.
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Franz Josef Jung bestritt zunächst zivile Opfer. Dabei hatte das deutsche Regionalkommando in Masar-i-Sharif schon wenige Stunden nach dem Angriff klare Hinweise auf zivile Verletzte.
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Ein Untersuchungsausschuss soll klären, ob der Deutsche Bundestag durch Informationspannen oder gar vorsätzlich falsch informiert wurde.
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Die Nato flog am 4. September 2009 einen Angriff auf zwei Tanklaster nahe Kundus in Afghanistan. Ein deutscher Oberst hatte die Luftunterstützung angefordert. Bis zu 142 Menschen starben oder wurden verletzt, darunter viele Zivilisten.
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Deutsche Soldaten in Nordafghanistan
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Deutsche Soldaten in Nordafghanistan
Doch am 16. Dezember 2009 geraten die Soldaten der 263- Isaf-Fallschirmjägerkompanie unter Beschuss.
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Taliban greifen mit Panzerfäusten an.
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Ein Reuters-Fotograf ist dabei.
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Eigentlich will er Bilder einer humanitären Aktion mitbringen.
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Es werden Bilder des Krieges.
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Die Minenräum-Aktion ist am 15. Dezember der Auftakt eines mehrtägigen Einsatzes, um die angespannte Lage im nördlichen Distrikt Chahar Dara in den Griff zu bekommen.
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An der Operation sind mehrere hundert deutsche Soldaten sowie afghanische Truppen und Polizisten beteiligt.
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Die Bundeswehr wird in Chahar Dara immer wieder von Aufständischen angegriffen, mehrere deutsche Soldaten wurden dort bereits getötet.
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Schon am Montag, 14. Dezember 2009, war die Schutzkompanie des Lagers in dem Gebiet unter massiven Beschuss geraten.
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Die Truppen waren ausgerückt, um eine Brücke zu reparieren, und wurden mit Mörsergranaten angegriffen.
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Die Bundeswehr-Soldaten feuerten mit schweren Maschinengewehren und Milan-Panzerabwehrraketen zurück. Verletzte gab es auf deutscher Seite nicht. Noch nicht.
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Chahar Dara liegt rund sieben Kilometer westlich des deutschen Feldlagers Kundus und ist inzwischen als Unruhe-Region berüchtigt.
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Die Bevölkerungszahl im Distrikt lag im Jahr 2006 bei 65.100 Menschen.
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Rund die Hälfte der Einwohner sind ethnische Paschtunen, ein Viertel sind Tadschiken, 12 Prozent Usbeken und acht Prozent Turkmenen.
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Die meisten Menschen leben in Dörfern oder auf Höfen im Nodwesten des Distrikts, am Südwestufer des Kundus-Flusses.
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Den Rest, also etwa 85 Prozent des Territoriums von Chahar Dara, machen unbewohnte Berge und Hügel aus.
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Ein ideales Versteck für Aufständische.
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Im Zuge der Taliban-Vertreibung im Jahr 2001, wurden weite bevölkerte Teile des Distrikts schwer beschädigt.
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Bis zum Jahr 2008 blieb es in der Gegend aber relativ friedlich.
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Bald darauf tauchten in Chahar Dara jedoch vermehrt Aufständische auf, Usbeken und Tschetschenen, die mutmaßlich Verbindungen zu Al-Kaida unterhielten.
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Allmählich entwickelte sich Chahar Dara zu ihrem Hauptquartier in der Provinz Kundus.
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Von hier aus operieren sie relativ ungestört und greifen dabei immer wieder die internationalen Aufbaukräfte an.
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Seit April 2009 unternehmen deutsche und afghanische Soldaten gemeinsame Anstrengungen, um die Präsenz und den Einfluss der Aufständischen in der Region zu mindern.
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Im Juli 2009 fand die bisher größte Militäraktion der deutschen Truppen im Land statt: Ihr Ziel war es, die militanten Kräfte aus dem Distrikt zu vertreiben.
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Die Aktion gilt als Flop: Es ist nicht gelungen, Chahar Dara von Taliban zu säubern.
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Der umstrittene Nato-Bombenangriff auf zwei Tanklastzüge, vom deutschen Oberst Georg Klein befohlen, fand ebenfalls im Distrikt Chahar Dara statt.
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Die Lage in der Region ist angespannt: Ein Bundeswehrsoldat des 391. Infanterie-Bataillon patroulliert am 14. Dezember im Dorf Chahar Dara.
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Ziviles Leben spielt sich vor der allgegenwärtigen Kulisse des Krieges ab: Ein Einheimischer passiert ein Fahrzeug der Bundedwehr mit seinen Kamelen und einem Esel.
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Ob die Aufbautrupps ihre jeweilige Aufgabe - den Bau von Brücken, das Räumen von Minen - unbeschadet erfüllen können, entscheidet sich jeden Tag aufs Neue.
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Jeden Moment kann es zu Gefechten kommen, die Soldaten müssen stets Kampfbereitschaft bewahren.
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Die Positionen der einheimischen Bevölkerung sind diffus.
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Wer ist ein Taliban? Wer nur ein Mitläufer? Wer ist den internationalen Truppen wohlgesonnen?
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Trotz des Misstrauens und ständiger Bedrohung: Bestimmte Gesten werden überall auf der Welt verstanden.
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Am Mittwoch, 16.Dezember, ereignet sich schließlich das, was die deutschen Soldaten hier schon so oft erlebt haben.
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Rund sieben Kilometer westlich des deutschen Feldlagers Kundus wird ihre Aufbauarbeit zunichte gemacht.
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Ein Bundeswehrsoldat wird beim Angriff auf eine Polizeistation schwer verletzt.
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Auch die Soldaten der deutschen Fallschirmjäger werden am 16. Dezember in ein Gefecht mit dem Feind verwickelt werden.
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Noch am Abend des 15. Dezembers vermutet das aber kaum jemand im Außenlager der Fallschirmjäger.
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Die Vorbereitungen laufen, am nächsten Morgen sollen in der Gegend Minen geräumt werden.
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Soldaten der 263. Fallschirmjägerkompanie der Isaf halten am selben Abend eine Besprechung dazu ab, wie die Minenräumaktion verlaufen soll.
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Danach gibt es Abendessen.
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...und mit eigener Beleuchtung.
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Noch in der Nacht gehen die Vorbereitungen für die Arbeiten am darauffolgenden Tag los.
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Was sie am kommenden Tag erwartet, wissen die Soldaten in diesen Minuten noch nicht.
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Auch nicht der Reuters-Fotograf Fabrizio Bensch, der die Truppen seit Tagen bei ihrer Arbeit im Distrikt begleitet.
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Im Zuge der Minenräumungsaktion geraten die Soldaten dann am Mittwoch ins Fegefeuer.
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Sie müssen ihre Arbeit abbrechen, um sich zu verteidigen.
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Der Feind ist unsichtbar, wieviele Aufständische angreifen, ist nicht bekannt.
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Es bleibt wenig Zeit, um die Kampfhandlungen zu koordienieren.
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In Deckung gehen und Opfer vermeiden, ist die Devise.
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Die Aufständischen feuern mit Panzerfäusten und Gewehren.
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Deutsche und Afghanen erwidern das Feuer, das Gefecht dauert etwa eine 45 Minuten. Die Soldaten fordern auch Luftunterstützung an.
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Ein Kampfflugzeug vom Typ F-15 überfliegt die Szene des Feuerkampfs, um die Aufständischen abzuschrecken.
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Der Pilot macht jedoch keinen Gebrauch von seinen Waffen.
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Die Bundeswehr besetzt schließlich eine strategisch wichtige Anhöhe, und das Gefecht ebbt ab.
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Sie kommen nach Chahar Dara, nahe Kundus, um Minen zu räumen.
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Zwei Tanklaster der privaten Spedition Mir Bacha Kot Transport Company, die einem Herrn Nagib aus Kabul gehört, sind unterwegs in der Provinz Kundus. Ein Lastwagen hat 30.000 Liter Benzin geladen, der andere Diesel. Die Kraftstoffe sind offenbar für die US-Truppen in Kabul bestimmt. Auf dem Highway 3, der bei den Isaf-Truppen als "Loc Pluto" bekannt ist, hat einer der Trucks eine Reifenpanne. Beide Fahrzeuge halten deshalb an einer Tankstelle etwa 15 Kilometer südlich der Stadt Kundus. Zum deutschen Feldlager sind es acht Kilometer in nord-nordwestlicher Richtung.
Die Reifenpanne ist behoben und die beiden Fahrer wollen ihre Fahrzeuge besteigen, als mehrere Taliban-Kämpfer plötzlich in Autos an der Tankstelle auftauchen. Sie bemächtigen sich der Laster, erschießen einen Fahrer und zwingen den anderen, sie zu begleiten. Ihr Ziel ist offenbar das Dorf Gor Tepa jenseits des Kundus-Flusses im Distrikt Chahar Darah, wohin sich alliierte Truppen längst nicht mehr trauen.
Der Konvoi erreicht das Flussufer. Für die Strecke von drei bis vier Kilometern haben die Fahrzeuge aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse knapp drei Stunden benötigt. Die Taliban sichern die Route mit mehreren Hinterhalten, an denen sich jeweils zehn bis 15 Kämpfer verschanzen. Bundeswehr und afghanische Streitkräfte bemerken zwar diese Taliban-Positionen, wissen zu diesem Zeitpunkt aber nichts von der Entführung der Laster. Sie vermuten, dass die Aufständischen Militärfahrzeuge angreifen wollen.
Die beiden Tanklaster stecken auf der Sandbank des Flusses fest. Es gibt kein Vor und Zurück. Die Talibanführer informieren über Mobiltelefon ihr Helfernetzwerk. Nach Erkenntnissen der Bundeswehr gibt es im Unruhedistrikt Chahar Darah, dem "Hotspot" des deutschen Einsatzgebietes Kundus, fünf bis sechs Taliban-Subkommandanten. Über Handy haben diese Anführer die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit etwa 100 sogenannte "Wochenend-Taliban" zusammenzurufen, die Sprengstoffanschläge verüben und sich an Angriffen auf Isaf-Truppen beteiligen.
Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, informiert den Polizeichef von Kundus über die entführten Tanklaster, nachdem Bewohner des Dorfes Haj Sahhi Dad By der Polizei in Kundus-Stadt davon berichtet haben.
Es ist Ramadan, und erst nach Sonnenuntergang kommt das Leben in Afghanistan wieder richtig in Schwung. Die Talibanführer aktivieren ihr Unterstützer-Netzwerk in den umliegenden Dörfern. Unter anderem befindet sich Mullah Abdul Rahman, einer der führenden Taliban der Gegend, zu diesem Zeitpunkt auf der Sandbank. Im Dorf Haj Sahhi Dad By haben sich die Männer in der Moschee versammelt zum Fastenbrechen.
Als Talibankämpfer in der Moschee auftauchen und den Mullah und Dorfbewohner auffordern, ihnen mit den festsitzenden Tanklastern zu helfen, folgen eine Reihe von Dorfbewohnern dem Befehl. "Andere nicht", wie das Isaf-Protokoll vermerkt. Aus insgesamt 16 Dörfern machen sich Bewohner in Fahrzeugen oder zu Fuß auf den Weg zur Sandbank. Sie müssen dafür zwischen drei und 17 Kilometer zurücklegen.
Eltern warnen ihre Kinder davor, zur Sandbank zu gehen - meist vergeblich. Zum gleichen Zeitpunkt informiert die afghanische Polizei den Eupol-Kontaktbeamten des Feldlagers Kundus über die Entführung. Unklar ist, weshalb es noch einmal 90 Minuten dauert, bevor dieser den Kommandeur des Lagers, Oberst Georg Klein, gegen 21 Uhr über den Fall in Kenntnis setzt.