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Bundeswehr in Afghanistan
Der Preis für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan ist hoch

22. Dezember 2009

Kundus-Affäre: Das geheime Protokoll der Bombennacht

 Von Steffen Hebestreit
Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument.  Foto: dpa

Geheim steht auf dem Isaf-Bericht zum Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument. Der Inhalt: Um den Einsatz zu ermöglichen, täuschte der verantwortliche Oberst Klein die US-Luftwaffe. Was wirklich geschah. Von Steffen Hebestreit

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Die Quellen
Spezial: Afghanistan

Der geheime Untersuchungsbericht von Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal stützt sich auf die Befragung von 34 Zeugen, 60 Stunden Interviews und die Auswertung von fast 400 Seiten Berichten. Er liegt seit 29. Oktober vor.

Oberst Georg Klein verfasste bereits einen Tag nach dem Luftschlag einen zweiseitigen Bericht für das Ministerium über seine Gründe für die Operation.

Der Feldjäger-Oberstleutnant Brenner stellt am 9. September einen kritischen Bericht zu dem Luftschlag zusammen, in dem er mehrere Entscheidungen Kleins hinterfragt. Dieser Bericht wurde Ende November der Bild-Zeitung zugespielt und löste den Skandal aus, der letztlich Minister Franz Josef Jung (CDU), Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert den Job kostete. Unklar ist, wer den Geheim-bericht an die Öffentlichkeit lanciert hat. Dies wird im Augenblick untersucht. Das Dokument fand allerdings Eingang in jene Isaf-Untersuchung, derenErgebnisse die FR hier vorstellt. (eff)

Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas. Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan

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Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument.
Geheim steht auf dem Isaf-Bericht über den Luftangriff von Kundus. Die FR hatte Einblick in das Dokument.
 Foto: dpa

Signalrot prangt der Stempel "GEHEIM - amtlich geheimgehalten" auf dem Dokument. 75 Seiten lang ist die Originalfassung des Untersuchungsberichts, den der Isaf-Kommandeur, der US-General Stanley McChrystal, in den Tagen nach dem verheerenden Luftschlag von Kundus zusammengestellt hat. Der Bericht ist die Grundlage für die Bewertung des Bombardements.

Nur wenige haben bis heute Zugang zu dem Text, den McChrystal am 26. Oktober in Kabul unterschrieben hat. Drei Tage dauerte es, bis das Papier, pünktlich zur Verabschiedung von Franz Josef Jung (CDU), per Boten in Berlin eintraf. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht neue Details und weist auf Widersprüche in dem geheimen Text hin.

+++ 3. September, 15 Uhr (Ortszeit Kundus)+++

Zwei Tanklaster der privaten Spedition Mir Bacha Kot Transport Company, die einem Herrn Nagib aus Kabul gehört, sind unterwegs in der Provinz Kundus. Ein Lastwagen hat 30.000 Liter Benzin geladen, der andere Diesel. Die Kraftstoffe sind offenbar für die US-Truppen in Kabul bestimmt. Auf dem Highway 3, der bei den Isaf-Truppen als "Loc Pluto" bekannt ist, hat einer der Trucks eine Reifenpanne. Beide Fahrzeuge halten deshalb an einer Tankstelle etwa 15 Kilometer südlich der Stadt Kundus. Zum deutschen Feldlager sind es acht Kilometer in nord-nordwestlicher Richtung.

+++ 15.30 Uhr +++

Die Reifenpanne ist behoben und die beiden Fahrer wollen ihre Fahrzeuge besteigen, als mehrere Taliban-Kämpfer plötzlich in Autos an der Tankstelle auftauchen. Sie bemächtigen sich der Laster, erschießen einen Fahrer und zwingen den anderen, sie zu begleiten. Ihr Ziel ist offenbar das Dorf Gor Tepa jenseits des Kundus-Flusses im Distrikt Chahar Darah, wohin sich alliierte Truppen längst nicht mehr trauen.

+++ 18.10 Uhr +++

Der Konvoi erreicht das Flussufer. Für die Strecke von drei bis vier Kilometern haben die Fahrzeuge aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse knapp drei Stunden benötigt. Die Taliban sichern die Route mit mehreren Hinterhalten, an denen sich jeweils zehn bis 15 Kämpfer verschanzen. Bundeswehr und afghanische Streitkräfte bemerken zwar diese Taliban-Positionen, wissen zu diesem Zeitpunkt aber nichts von der Entführung der Laster. Sie vermuten, dass die Aufständischen Militärfahrzeuge angreifen wollen.

+++ 18.21 Uhr +++

Die beiden Tanklaster stecken auf der Sandbank des Flusses fest. Es gibt kein Vor und Zurück. Die Talibanführer informieren über Mobiltelefon ihr Helfernetzwerk. Nach Erkenntnissen der Bundeswehr gibt es im Unruhedistrikt Chahar Darah, dem "Hotspot" des deutschen Einsatzgebietes Kundus, fünf bis sechs Taliban-Subkommandanten. Über Handy haben diese Anführer die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit etwa 100 sogenannte "Wochenend-Taliban" zusammenzurufen, die Sprengstoffanschläge verüben und sich an Angriffen auf Isaf-Truppen beteiligen.

+++ 19.15 Uhr +++

Der Gouverneur der Provinz, Mohammed Omar, informiert den Polizeichef von Kundus über die entführten Tanklaster, nachdem Bewohner des Dorfes Haj Sahhi Dad By der Polizei in Kundus-Stadt davon berichtet haben.

+++ 19.30 Uhr +++

Es ist Ramadan, und erst nach Sonnenuntergang kommt das Leben in Afghanistan wieder richtig in Schwung. Die Talibanführer aktivieren ihr Unterstützer-Netzwerk in den umliegenden Dörfern. Unter anderem befindet sich Mullah Abdul Rahman, einer der führenden Taliban der Gegend, zu diesem Zeitpunkt auf der Sandbank. Im Dorf Haj Sahhi Dad By haben sich die Männer in der Moschee versammelt zum Fastenbrechen.

Als Talibankämpfer in der Moschee auftauchen und den Mullah und Dorfbewohner auffordern, ihnen mit den festsitzenden Tanklastern zu helfen, folgen eine Reihe von Dorfbewohnern dem Befehl. "Andere nicht", wie das Isaf-Protokoll vermerkt. Aus insgesamt 16 Dörfern machen sich Bewohner in Fahrzeugen oder zu Fuß auf den Weg zur Sandbank. Sie müssen dafür zwischen drei und 17 Kilometer zurücklegen.

Eltern warnen ihre Kinder davor, zur Sandbank zu gehen - meist vergeblich. Zum gleichen Zeitpunkt informiert die afghanische Polizei den Eupol-Kontaktbeamten des Feldlagers Kundus über die Entführung. Unklar ist, weshalb es noch einmal 90 Minuten dauert, bevor dieser den Kommandeur des Lagers, Oberst Georg Klein, gegen 21 Uhr über den Fall in Kenntnis setzt.

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