Der Verteidigungsminister muss etwas falsch verstanden haben. Das ganze Wochenende lang verteidigte Franz Josef Jung den deutschen Befehl zum Luftangriff auf zwei Tanklastzüge in Afghanistan gegen den Rest der Welt. Als andere Einsatzpartner, allen voran die USA, längst über mögliche Fehler mutmaßten, von zivilen Opfern sprachen, da wehrte Jung weiter ab, in völliger Verkennung der Lage.
Die Verteidigungslinie des Christdemokraten hatte schon am Freitag zu bröckeln begonnen. Längst kursierten erste Berichte über zivile Opfer, da behauptete sein Ministerium weiter zu wissen, es seien ausschließlich Taliban getötet worden. Weil jeder weiß, dass die in Uniform auftreten und sämtlich von Osama bin Laden ausgestellte Dienstausweise mit sich herumtragen. Alles feuerfest versteht sich, damit im Todesfall durch Verbrennen zweifelsfrei zu belegen ist, dass es die Richtigen erwischt hat.
So sehr beharrte der oberste Verteidiger aller Deutschen auf seiner Version, es sei schon kein Unschuldiger zu Schaden gekommen, dass er sich ab Samstagmorgen einem Trommelfeuer von Angriffen seitens der westlichen Verbündeten ausgesetzt sah. Friendly fire sozusagen. Die europäischen Außenminister überboten sich von Stockholm aus in ihren Rufen, dass es zu dieser Tragödie mit Dutzenden Toten nicht hätte kommen dürfen. Da war der oberste Nato-Kommandierende in Afghanistan längst unterwegs, um am Ort des Geschehens Abbitte zu leisten.
Anders als Jung haben US-General Stanley McChrystal & Co. die Dimension des Angriffs sofort erfasst. Nicht umsonst predigt McChrystal: "Wenn wir Zivilisten verletzen, legen wir die Saat für unsere eigene Niederlage." Dass Zivilisten mindestens verletzt, wenn nicht gar bei der Attacke getötet worden sind, scheint klar. Anders ist nicht zu erklären, dass die Partnerländer Jungs Gewissheiten offen erschüttern. Nicht auszuschließen ist, dass sich in der Härte der Reaktion auch Erbitterung über die deutsche Weigerung ausdrückt, mehr Verantwortung in Afghanistan zu tragen. Aber diese Erbitterung allein erklärt kaum die Schärfe der Vorwürfe an Jungs Truppe.
Tatsächlich ist nicht entschieden, ob der von einem Deutschen initiierte Angriff gegen die Einsatzregeln der Schutztruppe verstoßen hat, die Luftschläge nur noch in Ausnahmen vorsehen. Doch solange Unklarheit herrscht, müsste Jung Fragen stellen, statt Antworten zu geben. Müsste signalisieren, dass er zwar hinter seiner Truppe steht, aber gerade deshalb keine Angst vor Untersuchungen hat. Müsste vor Ort Verständigung suchen. Müsste also das Gegenteil von dem tun, was er getan hat. Das lange Schweigen der Kanzlerin vergrößert den Schaden, den Jung mit seinem falschen Zungenschlag anrichtet.
Dabei steht viel auf dem Spiel. Für die Soldaten, die nun gefährdeter sind als ehedem. Für das Bündnis gegen die Taliban, das Gefahr läuft, die Propagandaschlacht gegen die radikalen Islamisten zu verlieren. Und vor allem: für Afghanistan, wo jeder Punktsieg der Taliban die Zukunft verdunkelt. Jung zeigt sich den Herausforderungen nicht gewachsen. Er versucht, eine Debatte über den Einsatz abzuwürgen, indem er vermittelt: Wir haben alles richtig gemacht - in höchster Gefahr einen auf den deutschen Wahlkampf zielenden Anschlag auf die Bundeswehr verhindert. Dabei ist fragwürdig, wie groß die Gefahr war, wenn die Tanklastzüge tatsächlich feststeckten.
Jungs Vermeidungsstrategie birgt Sprengkraft. Indem er offenbar unabgestimmt versucht, die deutschen Kräfte reinzuwaschen, provoziert er selbst die Verbündeten. Denn auch die USA haben erkannt, dass es eher angeraten ist, das Leben eigener Soldaten im Nahkampf zu riskieren, als durch Luftschläge noch mehr Zivilisten zu töten. Diese Schlacht ist nur mit der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen, nicht gegen sie. Die Bundesrepublik, die diesen Krieg mitführt, muss darauf gefasst sein, dass noch mehr Deutsche sterben. Umso wichtiger ist es, dass sich diese Gesellschaft darüber vergewissert, welchen Preis sie für diesen Einsatz zu zahlen bereit ist. Sonst gewinnen jene Vereinfacher die Meinungshoheit, die wie die Linke einen sofortigen Rückzug fordern.
Deutschland hat sich auf den Krieg am Hindukusch eingelassen und sich mit diesem Auslandseinsatz endgültig von der militärischen Nachkriegsenthaltsamkeit verabschiedet. Zu dieser angeblichen Normalisierung gehört die Einsicht, dass durch Krieg neues Unrecht entsteht. Deutschland verdient eine Regierung, die das begreift.