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Leitartikel: In der Falle der Kriegslogik

Das Bombardement von Kundus muss eine Afghanistan-Debatte auslösen, bei der alles auf dem Prüfstand steht. Die wichtigste Frage ist: Wie kann der humanitäre Anspruch erfüllt werden? Von Stephan Hebel

Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Stephan Hebel ist Textchef der Frankfurter Rundschau.
Foto: fr

Auch das gehört zum Krieg: Fast in der Sekunde, in der es geschieht, wird ein Ereignis zur politischen, zur Propaganda- Waffe. "Die Wahrheit stirbt zuerst" - dieser Satz zumindest ist unzweifelhaft wahr.

Die Bundeswehr hat in Afghanistan einen Angriff der Nato angefordert, das ist unstrittig. Bei dem Bombardement zweier Tanklastzüge starben viele Menschen, auch das bestreitet niemand. Aber spätestens hier ist Schluss mit den eindeutigen Wahrheiten.

Die Bundeswehr, melden Agenturen, wollte zunächst nicht von zivilen Opfern ausgehen. Afghanische Behörden dagegen befürchten eine große Zahl getöteter Zivilisten. Wer hat recht? Bei dem, was der schreckliche Vorfall auslösen wird, dürfte die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit kaum eine Rolle spielen. Leider.

Denn das Bombardement von Kundus hätte das Zeug zum Fanal gegen die schreckliche Logik eines Krieges, der noch nicht mal offiziell diesen Namen trägt. Wer der Wahrheitsfindung wirklich dienen wollte, müsste sich jetzt verpflichtet fühlen, wenn nicht aus Afghanistan, so doch aus der Logik dieses Krieges auszusteigen.

Diejenigen, gegen die die Bomben gerichtet sein sollten, werden die ersten sein, die das Ereignis zur Waffe machen. "Die Taliban", wie sie allzu pauschal genannt werden, haben mal wieder das Propagandamaterial geliefert bekommen, mit dem sie Hass nicht nur gegen die Besatzung und die Besatzer, sondern gegen den Westen insgesamt schüren können.

Aber auch der Debatte in Deutschland wird der Vorfall neue Nahrung geben. Das müsste kein Schaden sein, wenn der Einsatz endlich im Wortsinn "in Frage gestellt", wenn der rhetorische Schützengraben der Rein-oder-Raus-Debatte endlich verlassen würde. Und zwar von Befürwortern wie von Gegnern.

Nicht einfach "Raus!" schreien

Die Chancen dafür stehen, um es gleich zu sagen, schlecht. Wer die öffentliche Debatte über Afghanistan verfolgt, kann eigentlich nur interessengeleitete Realitätsverweigerung erkennen. Das gilt vor allem für die Befürworter, angeführt von einem Verteidigungsminister, dem man nicht viel mehr glaubt als sein Talent, die Dinge simpler zu machen als sie sind.

Franz-Josef Jung scheint immer noch zu glauben, dass er die Menschen mit den immer gleichen Rechtfertigungen überzeugen kann ("...die Menschen in Afghanistan nicht allein lassen"). Auf der anderen Seite geht es nicht viel differenzierter zu: Einfach "Raus!" zu schreien, wird selbst dem größten Zweifler an diesem Krieg nicht gerecht.

Auf der Strecke bleibt, siehe oben, die Wahrheit. Sie ist viel komplizierter als das, was man uns um die Ohren haut, und niemand kennt sie ganz. Aber der Lüge macht sich schon schuldig, wer sie nicht sucht.

Nach der Wahrheit zu suchen, das hieße, wie gesagt, für die deutsche Afghanistan-Debatte: alles in Frage, alles auf den Prüfstand zu stellen. Und zwar unter einer einzigen, moralisch zwingenden Perspektive: Wie lässt sich der humanitäre Anspruch unter möglichst geringem Einsatz von Gewalt einlösen? Wie lässt sich einer Kriegslogik entrinnen, zu der Ereignisse wie das tödliche Bombardement gehören?

Den Ausgang zu suchen, wäre anstrengend und teuer

Spätestens jetzt wird es zur nicht mehr verzeihlichen Unterlassung, sich dem fundamentalen Infragestellen zu verweigern. Spätestens jetzt hat keine Rechtfertigung, wer nicht belegen kann, dass er jede Woche, jeden Tag nach dem Ausgang aus diesem Krieg sucht.

Ausgang, das heißt nicht: Raus und nach uns die Sintflut. Den Ausgang zu suchen, wäre anstrengend und teuer. Es würde bedeuten, jetzt, und zwar sofort, die so oft bemühte humanitäre Komponente, die Hilfe und den Aufbau erkennbar in den Mittelpunkt zu stellen. Und dabei mindestens so großzügig zu sein wie bei der Finanzierung des Krieges.

Den Ausgang zu suchen, das hieße, die Hilfe beim Ausbau demokratischer Institutionen, die Unterstützung bei der Schaffung von Alternativen zum Drogenanbau und viele andere zivile Aktivitäten sofort zu vervielfachen. Es hieße, wirklich alles zu tun, damit die Bombe von Kundus wenigstens zum Signal für eine Umkehr wird.

Diese Umkehr hätte eine schöne "Nebenwirkung": Die übergroße Mehrheit unserer Politiker, die an diesem Einsatz an der Mehrheit der Bevölkerung vorbei festhält, könnte die Zustimmung im eigenen Lande gewinnen. Womöglich sogar für eine militärische Komponente. Vorausgesetzt, sie könnte endlich glaubhaft zeigen, dass dieser Einsatz nur so groß ist und nur so lange dauert, wie die humanitären Gründe, die man behauptet, es unbedingt erfordern.

Autor:  Stephan Hebel
Datum:  4 | 9 | 2009
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